ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Brustabszess nach Brustwarzenpiercing: Schlusswort
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LNSLNS Zum Leserbrief des Kollegen Jaumann lässt sich anmerken, dass es in Zeiten zunehmender Rationierung von Gesundheitsleistungen in der täglichen klinischen Praxis einen Kliniker natürlich schmerzt, wenn kostbare finanzielle Ressourcen, die zum Teil bereits in der Behandlung von Tumorerkrankungen fehlen, für die Behandlung von vermeidbaren Infektionserkrankungen nach „kosmetischen Eingriffen“ am Körper verwendet werden. Ein Ausschluss dieser Leistungen und damit die Kostenübernahme von Infektionsfolgen nach Piercing durch den Gepiercten selbst kann nur im Konsens aller Leistungserbringer und mit gesetzlicher Unterstützung erfolgen. Andererseits argumentieren Piercer wie Piercingkunden nicht zu Unrecht, dass es in unserer Gesellschaft vielfältige fahrlässige oder gar vorsätzliche gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie Nikotinabusus, Adipositas oder auch überhöhte Geschwindigkeit gibt, wobei diejenigen auch nicht die Kosten für die Folgen ihres Verhaltens übernehmen müssten. Die Grenzen zu ziehen fällt schwer, noch schwerer sie konsensfähig zu formulieren und umzusetzen.
Eine Auseinandersetzung mit unsachlicher Kritik mag schwer fallen, ist aber – auch wenn es nur eine Einzelmeinung ist – um der Sache willen notwendig. Denn wenn Herr Kollege Pawlak sich durch den Artikel nur „belustigt“ gefühlt hat, hat er das Problem leider nicht erkannt. Wir haben drei Fälle von Brustabszess nach Brustwarzenpiercing gesehen und publiziert (4); von Herrn Pawlak ließ sich keine Publikation dazu finden.
Piercing ist real, findet in zunehmender Zahl in unserer Gesellschaft statt, und die Infektionsprobleme sind nur allzu offensichtlich massiv unterdokumentiert, wie die vielen E-Mails von Kollegen aus dem gesamten deutschen Raum mit Fallbeispielen von über sechsmonatigen Krankheitsverläufen oder fünf konsekutiven Operationen deutlich machen. Gepiercte lassen, wie im Rahmen des Artikels nachgewiesen wurde, zu viel Zeit nach einer wahrgenommenen Infektion verstreichen, bevor sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Der Grund darin liegt oft in der vermuteten oder befürchteten Ablehnung oder gar Schuldzuweisung an die Gepiercten durch das Gesundheitssystem (3). Diesen Befürchtungen gilt es entgegen zu wirken, damit Piercinginfektionen adäquat und zügig in ärztlicher Hand behandelt werden.
Die Aussage „Ich persönlich bin der Meinung, dass circa 70 bis 80 Prozent der zurzeit angemeldeten Studios unter mangelhaften hygienischen Voraussetzungen arbeiten“, stammt übrigens von Arno Raths, dem stellvertretenden Vorsitzenden der zitierten 1. Organisation Professioneller Piercer (1. OPP e.V.) (6). Dem steht die Aussage von Herrn Pawlak, „begrenzte Erfahrung“, und dass „viele Studios inzwischen über bessere hygienische Ausstattung und Dokumentation verfügen als Arztpraxen“ entgegen. Gerade der Punkt Dokumentation ist offensichtlich bei Piercingstudios ein Problem: Nicht nur, dass wie bei meinen Patientinnen keine Quittung für die Piercingdienstleistung ausgestellt wurde (Brutto gleich Nettoeinnahme!), sondern das im Infektionsfall die Klage einer Kundin mit einem „Beweisen Sie erst mal, das Sie bei uns waren!“ quittiert wurde. Bei Klagen auf Ärztefehler in der kosmetischen Chirurgie gibt es solche Dokumentationsprobleme nicht.
Die Kontrolle auf Piercing und mögliche Komplikationen erscheint mir im Gegensatz zur Meinung von Herrn Pawlak sinnvoll, da ich aus meinem Eid des Hippokrates (2) herauslese, Schaden – auch und gerade präventiv – von meinen Patienten zu wenden. Mit demselben Recht steht es einem praktizierenden Arzt und Chirotherapeuten zu, Patienten auch ungebetene Ratschläge zu geben.
Die Durchführung von Piercings durch Ärzte analog zu den Empfehlungen des Deutschen Arbeitskreises für Krankenhaushygiene (AWMF-Leitlinie [1]) kann zwar für optimale Bedingungen bei der Durchführung des Piercings sorgen, kann aber Infektionen im Wundheilungsverlauf – bei 70 Prozent der Patienten trat eine Brustinfektion erst zwischen dem vierten und zwölften Monat nach Piercing auf! – nicht verhindern. Der Arzt, der Piercings durchführt,verantwortet somit auch das langfristige Infektionsrisiko, das bei prolongierter Wundheilung über viele Monate bestehen kann. Den Satz „keine Durchführung von unnötigen kosmetischen Eingriffen durch Ärzte“ halte ich durchaus für konsensfähig. Was dies allerdings mit „Gerechtigkeit den Piercern gegenüber“ zu tun hat, bleibt mir trotz mehrmaligen Lesens unverständlich.
Wenn ein Arzt operativ tätig ist, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, sich in regelmäßigen Abständen – analog zu den betriebsärztlichen Untersuchungen, die für mich in meiner Klinik regelmäßig durchgeführt werden – auf HIV, HBV und gegebenenfalls HCV testen zu lassen. Und wenn nicht aus Eigeninteresse, dann zumindest zum Schutz der Patienten beziehungsweise der Partnerin oder des Partners. Eine Hepatitis-B-Infektion durch Piercing in Deutschland (5) dürfte sicher nicht die Einzige sein.

Literatur
1. Deutscher Arbeitskreis für Krankenhaushygiene: Anforderungen der Hygiene beim Tätowieren und Piercen. AWMF-Leitlinie Nr. 029/024. HygMed 2000; 25: 142– 144. www.awmf-online.de
2. Eid des Hippokrates.
www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/bauerhip.htm (29. 4. 2003)
3. Ferguson H: Body piercing. BMJ 1999; 319: 1627–1629.
4. Jacobs VR, Golombeck K, Jonat W, Kiechle M: Drei Fallbeispiele von Brustabszess nach Brustwarzenpiercing: Unterschätzte Gesundheitsprobleme eines Modephänomens. Zentralbl Gynäkol 2002; 124: 378–385.
5. Krause H, Bremerich A, Sztraka M: Komplikationen nach Piercing im Mund und im Gesicht. Mund Kiefer Gesichtschir 2000; 4: 21–24.
6. Raths A: Webseite: www.eurostyle.de/Publikationen/ Arzte_Forum_2001/arzte_forum_2001.html (29. 4. 2003)

Dr. med. Volker R. Jacobs
Frauenklinik der Technischen Universität München
Issmaninger Straße 22, 81675 München
E-Mail: volkerjacobs@hotmail.com

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