ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Historisches Museum: „Erträumen wir also Europa“

VARIA: Feuilleton

Historisches Museum: „Erträumen wir also Europa“

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): A-2093 / B-1743 / C-1647

Rehbein, Maja

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS 500 kostbare Kunst- und Kulturzeugnisse werden zurzeit in Berlin präsentiert.

Mit einer grandiosen Ausstellung eröffnete das Deutsche Historische Museum in Berlin seinen Erweiterungsbau. Dort präsentiert sich das „alte Europa“ mit 500 kostbarsten Kunst- und Kulturzeugnissen. Ein Mythos erzählt vom Raub der Prinzessin Europa durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Seit zweitausend Jahren lebt die Idee der Einigung des Kontinents und erwies sich trotz vieler Kriege als unzerstörbar. Heute besteht zum ersten Male eine reale Chance zu ihrer Verwirklichung. Das Werbeplakat zeigt den Karton Europe (1811) als eine der Gobelinvorlagen für die Pariser Tuilerien. Die Kartons sind erhalten, die Teppiche verbrannt.
Im Untergeschoss sind alte, vielfach authentische Schaustücke großartig arrangiert. Die Statue „Eirene mit Plutoskind“ empfängt den Besucher. Äußere Bedrohung (Mongolen, Türken) einigte das künftige Europa; Augustinus (354–430) propagierte den „gerechten Krieg“. Chlodwigs Taufe nach der Schlacht gegen die Alemannen 496/7 führte zum Christentum in Europa. Später versuchte Karl der Große, das Abendland politisch zu einen. Seine Kaiserkrönung Weihnachten 800 war ein Gründungsakt für Europa, den „Kontinent des Glaubens“ (Alkuin).
Ferdinand Schröder (1818–1859), Rundgemälde von Europa im August MDCCCXLIX, 1849
Ferdinand Schröder (1818–1859), Rundgemälde von Europa im August MDCCCXLIX, 1849
Georg von Podiebrad erstrebte bereits 1464 einen „Fürstenbund der Christenheit gegen die Türken“, doch erst der „Entsatz von Wien“ 1683 erlangte den Sieg. Nach der Entdeckung Amerikas bildeten sich die Nationen, und mit Luthers Reformation siegte die Staatsidee über die Kirche. Vor allem der Dreißigjährige Krieg schüttelte Europa. Viele Besucher schmunzelten über die Völkertafel von 1725 „Kurze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und Ihren Aigenschaften“. Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) ist ein besonders wertvolles Exponat.
1776 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit (Erstdruck). Die Französische Revolution 1789 führte zu fundamenta-
len gesellschaftlichen Veränderungen. Europas Nationen kämpften gegen Napoleon. 1849 sprach Victor Hugo als Erster von den „Vereinigten Staaten von Europa“.
Weitere Stationen: Versailles 1871, Erster Weltkrieg, Völkerbund 1919. Mit dem Versuch, den Kontinent dem Dritten Reich einzuverleiben, missbrauchte Hitler die Idee Europa. 1945 eröffneten Verträge (Jalta, Potsdam) Friedensperspektiven; real folgte der Kalte Krieg. 1948 wurde in Den Haag der Europarat gegründet. Der Marshallplan förderte den Wiederaufbau in sechs Kernländern. 1950 entstand das Plakat „Europe – All our Colours to the Mast“.
Nach dem Mauerfall 1989 wuchs die EU auf 25 Mitglieder an. Im Jahr 2002 sagte Giscard d’Estaing: „Erträumen wir also Europa! Lassen wir uns leiten von dem Bild eines befriedeten Kontinents, ... sodass alle Staaten Europas, nachdem sie im Westen und Osten getrennte Wege gegangen sind, gemeinsam ihre Zukunft aufbauen können.“
Im Erdgeschoss erwarten den Besucher zahlreiche Autographen und Erstschriften, originale Tondokumente und Dokumentarfilme. Ein Care-Paket verbindet ihn mit der Not der Berliner nach dem Krieg. In die „Friedensrolle“ aus Blei sind alle Friedensverträge von 260 v. Chr. an eingeprägt. Für die Zukunft hoffen lässt das Diptychon von Jörg Frank (1995) „Europa“ mit der Aufschrift Work in Progress.
Die Ausstellung macht Lust auf Geschichte. Nach ihrem Abschluss in Berlin geht eine Wanderversion durch Deutschlands Städte. Der Katalog ist ein lebendiges Geschichtsbuch in Bildern mit ausführlichen Kommentaren. Maja Rehbein
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema