ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Orthopädie im Schatten der Gesundheitsreform: Therapie-Fortschritt geht am Patienten vorbei

POLITIK: Aktuell

Orthopädie im Schatten der Gesundheitsreform: Therapie-Fortschritt geht am Patienten vorbei

Krämer, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die neuen Verordnungen zur Einschränkung der kassenärztlichen Leistungen stehen im Widerspruch zur Epidemiologie von Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane und zur Wirksamkeit orthopädischer Leistungen in Klinik und Praxis. Nach neueren Untersuchungen ist die erste ernsthafte behandlungsbedürftige Erkrankung im Leben eines Erwachsenen oft eine orthopädische, wie zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall, Meniskus- oder Sprunggelenkschaden.
Die meisten Arbeitsunfähigkeitstage werden durch Skelett- und Muskelerkrankungen verursacht – mit zunehmendem Trend. Orthopädische Erkrankungen überwiegen auch als Ursache für vorzeitige Rentengewährung wegen Berufs- und Erwerbs-unfähigkeit. Um diese "Volkskrankheiten" adäquat angehen zu können, steht in Deutschland zur Zeit noch ein gut gestaffeltes orthopädisches Versorgungssystem zur Verfügung.
In der orthopädischen Praxis liegen Schwerpunkte in der Infiltrationstherapie zur Orthopädischen Schmerztherapie (DÄ 30, 1996) sowie in der Besserung von Form- und Funktionsstörungen durch Chirotherapie, Physiotherapie, orthopädische Hilfsmittel und Prävention. Vielfach, in Deutschland mehr als in vergleichbaren anderen Ländern, vermeiden Orthopäden in der Praxis mit ihren Maßnahmen Kranken­haus­auf­enthalte und Operationen.


Frühmobilisation durch Hilfsmittel
So werden zum Beispiel Bandscheibenoperationen pro 100 000 Einwohner in den USA viermal häufiger durchgeführt als in Deutschland. Wenn das Praxisbudget der Orthopäden nicht den tatsächlichen Leistungen angepaßt wird, sind vermehrte Klinikeinweisungen zu erwarten, was letztlich Kostensteigerung bedeutet. In der nächsten Stufe der Gesundheitsreform ist vorgesehen, auch wichtige orthopädische Hilfsmittel aus der Leistungspflicht der Krankenkassen zu nehmen.
Dagegen wehrt sich die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie entschieden, denn nach Verletzungen und Operationen erlauben orthopädische Hilfsmittel eine Frühmobilisation des Patienten, was wiederum den stationären Aufenthalt verkürzt. Standards und Qualitätssicherung bei orthopädischen Hilfsmitteln sind durch feste Indikations- und Ausführungsbestimmungen gegeben.
Trotz Fortschritten in der konservativen Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen müssen sich immer noch zahlreiche Patienten einer Bandscheibenoperation unterziehen. In Deutschland werden jährlich
20 000 Eingriffe dieser Art durchgeführt. Der Trend geht zur minimal invasiven offenen Operation mit dem Mikroinstrumentarium. Bei anlagebedingten Fehlbildungen (Skoliose, Wirbelgleiten), bei Tumoren und nach bestimmten Wirbelbrüchen sind größere Operationen erforderlich.
Durch Implantate, die zum Teil auch endoskopisch eingesetzt werden können, ist es heute möglich, die Wirbelsäule sofort zu stabilisieren. Dann können die Patienten direkt nach der Operation aufstehen und nach einer Woche bis zehn Tagen das Krankenhaus verlassen. Dieser Fortschritt hat natürlich seinen Preis.
In der Klinik ergibt sich die Leistungsbegrenzung insbesondere durch Deckelung des Budgets. Neuentwicklungen und strukturelle Änderungen werden nicht berücksichtigt. Große Wirbelsäulenoperationen und andere aufwendige spezielle Eingriffe müssen über den Abteilungspflegesatz abgerechnet werden. Demnächst können Orthopäden diese Operationen nur noch in beschränktem Umfang durchführen. Werden Fallpauschalen für die chirurgische Orthopädie eingeführt, betreffen sie einige Standardoperationen, wie Hüftendoprothesen bei Koxarthrosen, die auch in chirurgischen Kliniken operiert werden können. Schwere Dysplasiekoxarthrosen, die vor allem in den großen orthopädischen Kliniken operiert werden und viel aufwendiger sind, fallen unter die gleichen Fallpauschalen.

Stationäre Reha häufig günstiger
Minimal invasive Eingriffe und bessere, allerdings auch teure Operationstechniken haben den stationären Aufenthalt in Orthopädischen Akutkliniken verkürzt. Die Nachbehandlung nach größeren Eingriffen, zum Beispiel nach Implantation einer Hüftgelenksendoprothese, muß aber weiterhin gewährleistet sein. Die Patienten kommen früher und damit länger in die Nachbehandlungskliniken, die einen günstigeren Tagespflegesatz als die Akutkliniken aufweisen.
Die Kapazität dieser nicht-operativ eingerichteten Kliniken sollte noch aus einem weiteren Grund erhalten bleiben: Für viele orthopädische Erkrankungen – vor allem an der Wirbelsäule – ist eine stationär durchgeführte konservative Therapie die bessere Alternative zur Operation.
In den Orthopädischen Akutkliniken fehlen für diese Patienten die Bettenkapazitäten, so daß orthopädisch konservativ zu behandelnde Patienten vielfach in fachfremden internistischen oder chirurgischen Abteilungen zum Akutpflegesatz behandelt werden. Ein entsprechender Versorgungsauftrag an Orthopädische Rehakliniken zur konservativ stationären Akutbehandlung wäre nicht nur medizinisch notwendig, sondern auch kostengünstiger.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Jürgen Krämer
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie
Orthopädische Universitätsklinik
St. Josef-Hospital, Gudrunstraße 56
44791 Bochum

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote