ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003zum Herzkreis: Betörender Gruppenzwang

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zum Herzkreis: Betörender Gruppenzwang

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): [68]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Die Mischung ist betörend. 40 000 Euro fürs materielle Glück einerseits und Balsam für die Seele andererseits verspricht ein System
namens „Herzkreis“, und viele Menschen fallen prompt darauf herein, speziell Frauen, neuerdings geraten auch Männer den Initiatoren vor die Flinte. In Zeiten schwerer wirtschaftlicher Notlagen und der Suche nach dem Sinn des Lebens ist offenbar der Boden für esoterische Schneeballsysteme gut bereitet.
Wenn Sie also von einer guten Bekannten zu einer wunderbaren und völlig neuartigen Veranstaltung ganz diskret eingeladen werden sollten, wird diese Ihnen möglicherweise eine Mappe unter die Nase halten und ein Blatt mit der Überschrift „Die Kraft der weisen Frau“. Sie werden erfahren, dass Sie die Inkarnation der „Heilung auf Erden“ sind. Um die Botschaft weitergeben zu dürfen und Mitstreiter(innen) zu gewinnen, müssen Sie sich mit 5 000 Euro in die „Herzspirale“ einkaufen.
Einmal im Monat trifft sich der Herzkreis, kocht, meditiert, wartet auf neue Leute, die Geld in das System einschießen. Der Sinn ist ja, sich in den einzelnen Spiralen nach oben zu hieven, was ja nur funktioniert, wenn immer neue Aspiranten angeworben werden, die wiederum andere anlocken und so weiter. Männer heißen übrigens „Sonnenmänner“, und sie treffen sich als „Ritter der Tafelrunde“, und sie kaufen sich in den „Sternenkreis“ ein.
Der Schwachsinn bleibt sich aber gleich. Je höher die Hierarchie, desto höher der materielle Vorteil, und umso näher rückt die geistige Vollendung. Ein materiell-esoterisches Koppelgeschäft quasi. Das Ganze funktioniert aber nur für die Leute, die am Anfang des Systems stehen, spätere Hierarchien brechen zwangsläufig in sich zusammen, was bei Pyramidenspielen auch nicht anders geht.
Rechtlich operiert „Herzkreis“ in einer ziemlichen Grauzone, dürfte aber zumindest sittenwidrig sein, weil oft genug „Schwestern“ nur angeworben werden, wenn man selbst schon erkannt hat, dass es sich um ein Schneeballsystem handelt, der eigene Geldeinsatz möglichst nicht verloren gehen darf.
Sagen Sie jetzt bloß nicht, die Geschichte sei hier nicht passend, weil nur Dumme auf so einen Schwachsinn reinfallen könnten. Papperlapapp.
Selbst in meinem privaten Bekanntenkreis bekomme ich mit, wie selbst Ärztinnen, Juristinnen und andere Selbstständige reihenweise dem Herzkreis-Phänomen auf den Leim gehen. Und sich anschließend aus Scham fast verkriechen, die meisten wenigstens. Wenige Engstirnige allerdings machen mit großem missionarischen Eifer weiter. Deren Freundeskreis dürfte in absehbarer Zeit gegen null schrumpfen. Selbst schuld.
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