ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Transplantation fötalen Gewebes bei Parkinson: Kontroverse um rechtliche Grauzone

POLITIK: Medizinreport

Transplantation fötalen Gewebes bei Parkinson: Kontroverse um rechtliche Grauzone

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Erstmals wurde jetzt von der Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover ein Antrag auf "Verwendung von humanem embryonalen ZNS-Gewebe zur Erforschung und Behandlung der experimentellen und klinischen Form der Parkinsonschen Erkrankung" in einer ersten Phase genehmigt. Das löste eine Diskussion über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung der Transplantation fötalen Gewebes aus.


Mögliches Ziel eines vor kurzem in Hannover genehmigten Projekts ist die Implantation embryonaler menschlicher Zellen in das Gehirn von Morbus-Parkinson-Patienten. Diese klinische Anwendung sei jedoch nicht Inhalt der jetzigen Entscheidung, betonte die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Das Teilprojekt, das "als ethisch verantwortbar gehalten wurde, betrifft Verfahren zur Gewinnung und Reindarstellung von menschlichen embryonalen Hirnzellen aus Gewebe, das bei Schwangerschaftsunterbrechungen bis zum dritten Monat gewonnen wird". Es gehe außerdem um spezielle experimentelle Untersuchungen mit diesem Gewebe, unter anderem auch um die Implantation von Zellen in Ratten. Diese Versuche sollen der Feststellung und Verbesserung der Funktionsfähigkeit von embryonalen Zellen dienen, auch nach deren Übertragung in einen lebenden Organismus. Über eine klinische Anwendung der Implantation embryonaler Gehirnzellen beim kranken Menschen will die Ethikkommission nach Vorlage der Ergebnisse des jetzt genehmigten Teilprojektes erneut entscheiden. Dabei werde dann auch der aktuelle Stand anderer Behandlungsmöglichkeiten der Parkinsonschen Krankheit zu berücksichtigen sein.
Auf scharfe Kritik stieß die Entscheidung der Ethikkommission beim Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Karl Finke. "Diese Behandlungsmethode, deren Erfolgsaussichten äußerst ungewiß sind, degradiert die verbrauchten Embryonen zum Ersatzteillager und drängt Frauen in die Rolle von Rohstofflieferantinnen für ethisch äußerst fragwürdige Forschungsprojekte", so Finke. Er räumte jedoch ein, daß die verbrauchende Forschung an abgetriebenen Embryonen bisher gesetzlich nicht geregelt sei. Die grundsätzliche Entscheidung, ob kranken Menschen embryonales Gewebe übertragen werden dürfe, könne nicht von Ethikkommissionen getroffen werden. "Hier ist der Gesetzgeber gefragt, der solchen Praktiken einen Riegel vorschieben muß", forderte Finke.


"Abtreibung auf Bestellung"
Diese Ansicht vertrat auch Marina Steindor, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. "Derzeit nutzen Mediziner die rechtliche Grauzone zwischen Embryonenschutzgesetz und Paragraph 218 aus, um verschiedene Verfahren der Embryonalzelltransplantation zu entwickeln." Leichtfertig würden Ärzte und Forscher ihren kurzsichtigen Machbarkeitsvorstellungen erliegen. Solche Transplantationen förderten die Abtreibung auf Bestellung. Das zeichne sich bereits in China und den GUS-Staaten ab, wo der Schwangerschaftsabbruch gängiges Mittel der Familienplanung sei. Dort würden embryonale Zellen der Bauchspeicheldrüse bereits zur Diabetesbehandlung eingesetzt.
Im Gesetzentwurf von Bündnis 90/Die Grünen sei deshalb festgelegt, daß "Organe, Organteile, Gewebe und Zellen von Anencephalen, Embryonen und Föten weder entnommen noch übertragen oder zu expe- rimentellen oder industriellen Zwekken, insbesondere der pharmazeutischen oder kosmetischen Industrie dienenden Zwecken verwendet werden" dürfen.
Der Entwurf zu einem Transplantationsgesetz, den die Regierungsparteien und die SPD erarbeitet haben, stellt ausdrücklich fest, daß sich der Geltungsbereich "nicht auf Gene oder andere DNA-Teile, Ei- und Samenzellen, embryonale und fetale Organe" bezieht. Dafür würden das Embryonenschutzgesetz und die entsprechenden Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) greifen.
Die Ethikkommission der MHH beruft sich auf die "Richtlinien zur Verwendung fetaler Zellen und fetaler Gewebe" der BÄK von 1991. Darin heißt es, daß "Entscheidungen zum Schwangerschaftsabbruch unabhängig von dem Vorhaben einer Verwendung für Forschungs- oder Therapiezwecke erfolgen. Das Gespräch über die Verwendung fetaler Zellen oder Gewebe darf erst geführt werden, wenn der Entschluß zum Schwangerschaftsabbruch endgültig ist. Vergünstigungen, mit denen die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch oder zur Verwendung des Fetus beeinflußt werden sollen, dürfen weder angeboten noch gewährt werden." Die an der Abtreibung Beteiligten dürften nicht an der Verwendung fetaler Zellen oder fetaler Gewebe zu Forschungs- oder fremdnützigen Therapiezwecken mitwirken.
Prof. Dr. med. Rudolf Pichlmayer, der Vorsitzende der Ethikkommission der MHH, betont, "daß entscheidende Grundvoraussetzung für die Akzeptanz dieses auf die Behandlungsmöglichkeit einer schweren und häufigen Erkrankung gerichteten Forschungsvorhabens ist, daß eine strikte und gesicherte Trennung des Bereichs Schwangerschaftsunterbrechung einerseits und einer erst nach der Entscheidung zu der Schwangerschaftsunterbrechung möglichen Diskussion über eine Verwendung des Gewebes – einschließlich einer entsprechenden Entscheidung der Schwangeren – andererseits gewährleistet wird." Gisela Klinkhammer

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