ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003Psychotherapeutische Versorgung: Kinder und Jugendliche nach wie vor unterversorgt

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Psychotherapeutische Versorgung: Kinder und Jugendliche nach wie vor unterversorgt

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 348

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LNSLNS Eine bundesweite Umfrage, die vom Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität des Saarlandes durchgeführt wurde, zeigt eklatante Mängel in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland auf. Siegfried Zepf und seine Mitarbeiter befragten 180 Psychotherapeuten. Sie fanden heraus, dass die Wartezeit auf einen Therapieplatz im Durchschnitt viereinhalb Monate beträgt. Bei jeder zweiten Anfrage wegen eines Erstgespräches und einer möglichen Behandlung wird keine probatorische Sitzung durchgeführt. Nach den probatorischen Sitzungen wurden etwa 43 Prozent der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen nicht in ambulante Behandlung angenommen, obwohl die diagnostizierten Störungsbilder eine Behandlungsbedürftigkeit vermuten lassen. Nur ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, die in der BRD als behandlungsbedürftig und behandlungswillig angesehen werden, befanden sich zum Befragungszeitpunkt in Behandlung.
In Deutschland gibt es 4 117 überwiegend psychotherapeutisch tätige Psychotherapeuten, von denen 1 653 ausschließlich Kinder und Jugendliche behandeln. 2 464 Psychotherapeuten können sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche behandeln. Trotz dieser Anzahl an qualifiziertem Fachpersonal ist der Bedarf ungedeckt. Eine Ursache dafür ist nach Zepf die unterschiedliche Honorierung psychotherapeutischer Leistungen durch Kostenträger. Etwa die Hälfte der Psychotherapeuten lässt sich nach eigenen Angaben bei der Auswahl ihrer Patienten von deren Kassenzugehörigkeit leiten. Während in Deutschland von 77 Millionen Versicherten 26 Millionen bei Ersatzkassen, 44 Millionen bei Primärkassen und 7 Millionen privat versichert sind, waren die Kostenträger der Einzelbehandlungen zu 51 Prozent Ersatzkassen, zu 36 Prozent Primärkassen und zu 13 Prozent Selbstzahler, Beihilfeberechtigte oder Privatversicherte. „Für Kinder und Jugendliche, die bei einer Primärkasse versichert sind, war schon der Zugang zu probatorischen Sitzungen erschwert“, berichten die Autoren. Sie mussten länger auf einen Therapieplatz warten. Wenn sie in Behandlung waren, wurden sie in einem höheren Prozentsatz in suggestiven, übenden Verfahren, der psychosomatischen Grundversorgung und in Einzelkurzzeittherapien versorgt als die anderen Versicherten. Diese wiederum wurden in einem höheren Maße in Langzeittherapien behandelt. „Die unterschiedliche Honorierung psychotherapeutischer Leistungen durch die Kostenträger übt einen deutlichen Einfluss auf den Zugang zur und die Art der Psychotherapie aus“, sagen die Autoren.
Nach Zepf und Kollegen besteht auch eineindreiviertel Jahre nach dem In-Kraft-Treten des Psychotherapeutengesetzes für Heranwachsende die schlechte psychotherapeutische Versorgungslage unverändert fort. Im Durchschnitt hielten 84 Prozent der befragten Psychotherapeuten die psychotherapeutische Versorgung der Kinder und Jugendlichen im Planungsbereich, in dem sie niedergelassen sind, für nicht ausreichend. Die Autoren sind der Ansicht, dass der Bedarf sich nicht durch eine Mehrarbeit der Psychotherapeuten decken lässt. Sie schließen aus nicht genutzten Möglichkeiten von Einsparungen im Gesundheitswesen, dass nicht ein gesellschaftlicher Mangel an finanziellen Ressourcen, sondern ökonomische Partialinteressen für die nicht ausreichende Honorierung psychotherapeutischer Tätigkeiten verantwortlich sind. ms

Zepf S, Mengele U, Hartmann S: Ambulante Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Psychotherapeut 2003; 1: 48: 23–30.

Prof. Dr. med. Siegfried Zepf, Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Universitätskliniken des Saarlandes, Geb. 2, 66421 Homburg/ Saar, E-Mail: pppszep@med-rz.uni-sb.de
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