ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003Pränatale Diagnostik: Engere Grenzen für Spätabtreibungen

POLITIK

Pränatale Diagnostik: Engere Grenzen für Spätabtreibungen

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 351

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hält eine Reform des § 218 für dringend erforderlich.

Die Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs im Jahr 1995 sollte unter anderem auch verhindern, dass Kinder aufgrund einer Behinderung oder Krankheit abgetrieben werden. Deshalb wurde die so genannte embryopathische Indikation abgeschafft. Doch die gut gemeinte Absicht hat ihr Ziel verfehlt. Zwar fiel die embryopathische Indikation weg, die medizinische Indikation wurde jedoch insofern erweitert, als die Schwangere ohne zeitliche Befristung und ohne Beratung abtreiben kann, wenn sie eine schwere psychische Beeinträchtigung wegen der zu erwartenden Behinderung des Kindes geltend machen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) will diese Schwäche der Abtreibungsregelung beheben und forderte deshalb auf einer Tagung in Berlin am 24. Juni eine begrenzte Reform des § 218.
Zweifel an Statistiken
Die Zahl der Spätabtreibungen erscheint zunächst eher gering. Im Jahr 2002 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 130 387 Abbrüche erfasst. 188 Schwangerschaftsabbrüche wurden nach der 23. Schwangerschaftswoche gemeldet. „Diese Statistiken begegnen aber erheblichen Zweifeln“, heißt es in einem von den Gynäkologen vorgelegten Positionspapier. „Berichte aus der Praxis zeigen, dass in mehreren Kliniken Spätabbrüche erfolgen, die dann teilweise als Totgeburten und nicht als Abbrüche registriert werden.“
Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hatte bereits im Jahr 1998 (DÄ, Heft 47/1998) auf diesen Missstand reagiert und begrüßte jetzt diese Initiative. „Das Papier stellt quasi eine Weiterentwicklung der ,Erklärung zum Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik‘ dar“, sagte die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Ursula Auerswald. In ihrem Positionspapier fordert die DGGG, den Zeitpunkt der Lebensfähigkeit eines Ungeborenen nach etwa 20 bis 22 Wochen nach Empfängnis als Grenze für einen Schwangerschaftsabbruch anzunehmen. Ausnahmen sollten nur im Fall „schwerster unbehandelbarer Krankheiten und Entwicklungsstörungen des Ungeborenen anerkannt werden“. Darüber müsse aber eine interdisziplinäre Kommission aus Frauenärzten, Kinderärzten, Humangenetikern und Psychiatern beziehungsweise Psychotherapeuten beraten und entscheiden.
Wenn ein Abbruch aufgrund der medizinischen Indikation in Erwägung gezogen werde, sollte zusätzlich zu dem ärztlichen Gespräch eine unabhängige psychosoziale Beratung angeboten werden. Auf deren Bedeutung wies Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Berlin, eindringlich hin. „Viele Schwangere reagieren bei Befunden, die auf schwerwiegende Störungen des Ungeborenen hindeuten, in dem Sinne, dass sie akut und sofort den Abbruch wünschen, um diese Schwangerschaft ,ungeschehen‘ zu machen. Ärztliche und zusätzliche psychosoziale Beratung sind aber an diesem Punkt gefordert, um hektische Entscheidungen zu vermeiden.“ Die Gynäkologen halten eine Bedenkzeit von drei Tagen für sinnvoll.
Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Prof. Dr. med. Klaus Diedrich, und Dr. Auerswald sprechen sich für die Wiedereinführung der embryopathischen Indikation aus. „Das Subsumieren der embryopathischen Indikation in die medizinische Indikation hat fehlgebildeten Feten nicht mehr Lebensschutz gebracht“, resümiert Auerswald. Durch die Einführung der embryopathischen Indikation könnte zum Beispiel eine statistische Erfassung der Schwangerschaftsabbrüche wegen fetaler Erkrankungen und Entwicklungsstörungen ermöglicht werden.
Die Frauenärzte plädieren außerdem für eine Verbesserung der pränatalen Diagnostik. Diese Forderung wurde durch die Ausführungen des niederländischen Gynäkologen Prof. Dr. Juriy W. Wladimiroff, Erasmus Universität Rotterdam, gestützt. „In den Niederlanden entsteht die Problematik der späten Schwangerschaftsabbrüche in erster Linie dadurch, dass es immer noch kein verbindliches Ultraschallscreening für alle Schwangeren gibt. So fallen rund 60 Prozent der schwerwiegenden Fehlbildungen erst jenseits der 24. Schwangerschaftswoche auf, wenn die vom Gesetz her vorgeschriebene Zeit für einen legalen Abbruch verstrichen ist.“
Grobe Fahrlässigkeit
Die den Ärzten drohende Haftung für den Unterhalt eines vorgeschädigt geborenen Kindes könnte dazu führen, im Zweifelsfall einen Schwangerschaftsabbruch zu empfehlen. Die DGGG fordert deshalb dazu auf zu prüfen, „inwieweit die Haftung des Arztes für Kindesunterhalt wegen Nichterkennens einer Behinderung des erwarteten Kindes auf die Fälle grober Fahrlässigkeit zu beschränken ist“.
Die Gynäkologen erhoffen sich von ihren Vorschlägen nicht zuletzt „eine neue, andere Sicht behinderten Lebens und seiner Qualität“. Ob die Politik allerdings das Paket des § 218 erneut aufschnüren wird, bezweifelte der ehemalige Bundesjustizminister Prof. Dr. jur. Edzard Schmidt-Jortzig. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion legte indes am 1. Juli einen Gesetzesantrag vor, in dem sich viele Forderungen der Gynäkologen wiederfinden, wie die Einführung einer psychosozialen Beratung „nach einer pränatalen Diagnostik mit pathologischem Befund“. Gisela Klinkhammer
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