THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Nürnberger Ärzteprozeß: Die Auswahl der Angeklagten

Dtsch Arztebl 1996; 93(45): A-2929 / B-2483 / C-2207

Benzenhöfer, Udo

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Einen Vortrag zum Thema "Zustandekommen und Zielsetzung des Nürnberger Ärzteprozesses" hielt auf dem diesjährigen 99. Deutschen Ärztetag in Köln der Stuttgarter Historiker Prof. Dr. Eberhard Jäckel (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 25/1996). Jäckel wies darauf hin, daß unter anderem noch folgende Fragen zu klären seien: "Warum war der Ärzteprozeß der erste (Nachfolgeprozeß des sogenannten Hauptkriegsverbrecherprozesses)? Wie kam es zur Auswahl der Angeklagten?" Ohne einer detaillierten Untersuchung vorzugreifen, versucht der folgende Beitrag eine Beantwortung dieser Fragen.

Der sogenannte Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß vor dem Internationalen Militärgerichtshof richtete sich gegen die politische, militärische und wirtschaftliche Führung des "Dritten Reiches". Dazu gehörte die Reichsregierung, bestehend aus a) den Mitgliedern im "gewöhnlichen Kabinett" nach dem 30. Januar 1933, namentlich den Reichsministern, b) den Mitgliedern des Ministerrats für die Reichsverteidigung und c) den Mitgliedern des Geheimen Kabinettsrats. Es kann angenommen werden, daß, wenn es einen nominellen Ge­sund­heits­mi­nis­ter im Dritten Reich gegeben hätte, auch dieser zur angeklagten Ministerriege gehört hätte. So aber blieb der medizinische Bereich im ersten Nürnberger Prozeß zumindest formal ausgespart.


Zustandekommen des Ärzteprozesses
Warum wurde nun der Ärzteprozeß als erster von zwölf Nachfolgeprozessen angestrengt? Laut Hauptankläger Taylor waren dabei einige Zufälle am Werk.
1 Den ersten Anstoß gab nach Taylor die Verhandlung gegen Reichsmarschall Hermann Göring im Hauptkriegsverbrecherprozeß. Dabei ergaben sich Hinweise auf die Verwicklung deutscher Luftwaffenärzte in verbrecherische Menschenversuche in Konzentrationslagern.
1Ein zweiter Anstoß war laut Taylor die Zeugenaussage von SS-Standartenführer Wolfgang Sievers, ehemaliger Generalsekretär der "Gesellschaft Ahnenerbe" und Direktor des Institutes für wehrwissenschaftliche Zweckforschung dieser Gesellschaft, im ersten Nürnberger Prozeß. Bei seiner Vernehmung wurde man auf die Anlage einer "jüdischen Skelettsammlung" an der Reichsuniversität Straßburg (dazu wurden jüdische KZ-Insassen ermordet) aufmerksam, in die Sievers verwickelt war. Laut Taylor habe man daraufhin eruiert (die alliierten Ermittler hatten zur Vorbereitung des ersten Nürnberger Prozesses umfangreiches Material gesammelt), welches Anklagematerial im medizinischen Bereich generell "verfügbar" sei. Da zu dieser Zeit in britischer und amerikanischer Haft zahlreiche Ärzte einsaßen, wurde ein Gefangenenaustausch organisiert und Anklage erhoben.


Der Prozeß
Der sogenannte Ärzteprozeß vor dem Ersten Amerikanischen Militärgerichtshof fand vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 in Nürnberg statt. Angeklagt wurden 20 Ärzte sowie drei Nicht-Ärzte. Die leitenden Prinzipien für die Auswahl der Angeklagten sind nicht auf den ersten Blick erkennbar, sie lassen sich jedoch erschließen. Berücksichtigt werden muß, daß potentielle Angeklagte verstorben waren oder sich der Strafverfolgung durch Selbstmord entzogen hatten. Andere saßen einfach deshalb nicht auf der Anklagebank, weil zu Prozeßbeginn ihr Aufenthaltsort nicht bekannt war (dies gilt zum Beispiel für Prof. E. Hippke, bis Ende 1943 Chef des Sanitätswesens der Luftwaffe). Außerdem lag noch nicht alles belastende Material vor. Laut "opening statement" des Hauptanklägers Taylor lassen sich die Angeklagten in drei größere Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe umfaßt acht "Luftwaffenärzte", die zweite sieben "SS-Ärzte", die dritte, sehr uneinheitliche Gruppe, enthält neben Karl Brandt, Siegfried Handloser, Paul Rostock und Kurt Blome den niedergelassenen Dermatologen Adolf Pokorny sowie die drei Nicht-Ärzte Wolfram Sievers, Viktor Brack und Rudolf Brandt.
Diese grobe Einteilung war für die Zwecke des Gerichts sicher angemessen, sie verschleiert aber die Prinzipien der Auswahl der Angeklagten zumindest teilweise. Meine These ist, daß man bei der Auswahl der Angeklagten nicht nur primär deliktbezogen vorging und dann, nach Feststellung der direkt Beteiligten, durch Nachvollzug der Verantwortungskette zu den ranghöheren und ranghöchsten Angeklagten vorstieß. Es wurde auch ein systematischer Ansatz verfolgt, den man primär hierarchiebezogen nennen könnte. Denn zweifellos, dies wird im "opening statement" des Hauptanklägers Taylor explizit, wollte man die ranghöchsten Verantwortlichen der "staatlichen medizinischen Dienste" ("state medical services") des Dritten Reiches anklagen, um so das Wirken des verbrecherischen Systems (nicht nur verbrecherischer Einzelpersonen) zu demonstrieren. Von daher läßt sich die von Taylor vorgenommene Gruppeneinteilung – dies tat er im übrigen auch selbst in seinen weiteren Ausführungen im "opening statement" – etwas modifizieren, um den hierarchiebezogenen Ansatz zu verdeutlichen.


Die ranghöchsten Ärzte
Auf der militärischen Seite wurde zuvörderst der höchste Militärarzt des Dritten Reiches, Generaloberstabsarzt Prof. Siegfried Handloser, angeklagt. Handloser war seit Juli 1942 Chef des Wehrmachtssanitätswesens gewesen (bis Ende August 1944 war er in Personalunion auch Heeres-Sanitätsinspekteur). Auch der zweithöchste Militärarzt, Generaloberstabsarzt Prof. Oskar Schröder, der nach 1943 als Nachfolger von Prof. E. Hippke für das Sanitätswesen der Luftwaffe verantwortlich gezeichnet hatte, wurde angeklagt. In Nürnberg saß ferner der ranghöchste verfügbare SS-Arzt, der Chef des Sanitätswesens der Waffen-SS, Dr. med. Karl Genzken, auf der Anklagebank. Es fehlte der oberste SS-Arzt, Reichsarzt SS und Polizei Dr. med. Ernst Robert Grawitz, der im April 1945 Suizid begangen hatte. Bis zum Jahr 1942 war Reichsgesundheitsführer Dr. med. Leonardo Conti, zugleich Staatssekretär im Innenministerium, höchster "Zivilarzt" gewesen. Er konnte in Nürnberg nicht angeklagt werden, da er nach Kriegsende Selbstmord begangen hatte. Deshalb ist Prof. Karl Brandt, der unter anderem auch eine wichtige Rolle bei der Planung der "Euthanasie"-Aktion spielte, auf jeden Fall als der ranghöchste angeklagte Zivilarzt anzusehen. Brandt, der Begleitarzt Hitlers, wurde als Hitler direkt unterstellter Bevollmächtigter (seit dem 28. Juli 1942) beziehungsweise Generalkommissar (seit dem 5. September 1943) für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Conti übergeordnet. Er hatte in dieser Position auch starken Einfluß auf den militärmedizinischen Bereich. Karl Brandt direkt nachgeordnet war der in Nürnberg ebenfalls angeklagte Chirurg Prof. Paul Rostock als "Beauftragter für medizinische Wissenschaft und Forschung". Prof. Kurt Blome war in bezug auf die Funktion des Reichsgesundheitsführers Stellvertreter Leonardo Contis gewesen, so daß man ihn in systematischer Hinsicht als hierarchiebezogen ausgewählt ansehen kann. Mit diesen genannten Ärzten geriet auf jeden Fall die hierarchische Spitze der "state medical services" des Dritten Reiches ins Blickfeld der Öffentlichkeit.


Weitere angeklagte Ärzte
Zusammen mit diesen ranghohen Ärzten wurden in Nürnberg hierarchisch untergeordnete Ärzte angeklagt. Ihnen warf man die Ausführung beziehungsweise die Beteiligung unter anderem an verbrecherischen Menschenversuchen an KZ-Insassen oder an Kriegsgefangenen vor. Auf diese Einzelvorwürfe kann hier nicht näher eingegangen werden. Den angewandten systematischen Ansatz für die Auswahl dieser Gruppe der Angeklagten kann man jedenfalls primär deliktbezogen nennen. Die von Taylor unterschiedene erste Gruppe bestand neben Prof. Schröder aus sieben weiteren "Luftwaffenärzten" in unterschiedlichen hierarchischen Positionen (Prof. Gerhard Rose, Dr. Georg August Weltz, Dr. Hermann Becker-Freyseng, Dr. Siegfried Ruff, Dr. Hans Wolfgang Romberg, Dr. Konrad Schäfer und Prof. Wilhelm Beiglböck).
Die von Taylor unterschiedene zweite Gruppe, die "SS-Gruppe", war noch einmal in sich heterogen: Neben Genzken wurden die Grawitz unterstellten SS-Ärzte Prof. Dr. Joachim Mrugowsky, Oberster Hygieniker beim Reichsarzt SS, und Prof. Karl Gebhardt, Oberster Kliniker beim Reichsarzt SS und Chefarzt der bekannten Heilanstalt Hohenlychen, angeklagt. Hinzu kamen die SS- Ärzte Dr. Helmut Poppendieck, Chef des persönlichen Büros im Stabe des Reichsarztes SS, Dr. Waldemar Hoven, Lagerarzt im KZ Buchenwald, und Dr. Fritz Fischer, Assistenzarzt in Hohenlychen. Die Angeklagte Dr. Hertha Oberheuser wurde dieser "SSGruppe" zugeordnet, sie war Lagerärztin im KZ Ravensbrück und Assistenzärztin in Hohenlychen gewesen.
Aus der von Taylor erwähnten dritten Gruppe bleibt noch ein angeklagter Arzt zu erwähnen, der eine Sonderstellung einnimmt: Der niedergelassene Dermatologe Dr. Adolf Pokorny – ein williger Mitdenker Hitlers – hatte in einem Brief an Himmler auf eine ihm praktikabel erscheinende Möglichkeit der medikamentösen Massensterilisation von "Feinden" des Regimes hingewiesen. Konkrete Schritte in die von Pokorny vorgeschlagene Richtung wurden jedoch nicht unternommen, so daß er – trotz seines ungeheuerlichen Vorschlages – freigesprochen wurde.


Angeklagte Nicht-Ärzte
Neben diesen Ärzten wurden auch drei Nicht-Ärzte angeklagt, die durch die ausgewählten Delikte in den Blick geraten waren. Viktor Brack war Oberdienstleiter in der für die "Euthanasie"-Aktion zuständigen Kanzlei des Führers gewesen (Bracks Vorgesetzter, Reichsleiter Ph. Bouhler, hatte kurz nach Kriegsende Selbstmord begangen). Dr. jur. Rudolf Brandt hatte als Persönlicher Referent des Reichsführers SS Himmler und Leiter des Minister-Büros im Innenministerium eine hohe Stellung im NS-Machtgefüge innegehabt, die auch den medizinischen Bereich berührte. Wolfram Sievers war – wie schon erwähnt – Generalsekretär der Gesellschaft Ahnenerbe und Direktor des Institutes für wehrwissenschaftliche Zweckforschung dieser Gesellschaft gewesen.
Auch die genannten Nicht-Ärzte wurden im übrigen von den Ermittlern als ranghohe Vertreter des NSGesundheitswesens angesehen, wie aus ihrer Plazierung in einer im Prozeß verwandten schematischen Darstellung der staatlichen medizinischen Dienste zu ersehen ist.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2929–2931
[Heft 45]


Literatur
Mitscherlich A, Mielke, F [Hrsg.]: Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1987
Taylor, T: Beitrag zur Konferenz "Biomedical Ethics and the Shadow of Nazism", 8. 4. 1976 [The Hastings Center]. In: Hastings Center Report, Special Supplement, August 1976, S. 4–7
Trials of War Criminals Before the Nuernberg Military Tribunals, Vol. I und II [The Medical Case]. Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office [1949]


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Dr. Udo Benzenhöfer
Abt. Medizingeschichte, Ethik und Theoriebildung in der Medizin
Medizinische Hochschule Hannover
30623 Hannover

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