THEMEN DER ZEIT

medica mondiale: „Dem Wahnsinn etwas entgegensetzen“

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 356

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Monika Hauser leitete Anfang des Jahres ein Seminar in Kabul. Foto: medica mondiale
Monika Hauser leitete Anfang des Jahres ein Seminar in Kabul. Foto: medica mondiale
Die Organisation medica mondiale leistet seit zehn Jahren
Hilfe für kriegstraumatisierte Frauen und Mädchen.

Bosnien im Herbst 1992 – die systematischen Vergewaltigungen muslimischer Frauen durch serbische Militärs und Paramilitärs erreichen die Schlagzeilen westlicher Medien. Die Wut über die Berichterstattung, darüber dass die betroffenen Frauen vom Objekt der Serben nun auch noch zum Objekt der Medien werden, veranlasst die Gynäkologin Monika Hauser, die Initiative zu ergreifen. „Es ging in den Artikeln ausschließlich um Blut und Tränen. Man erfuhr nichts darüber, was die Frauen wirklich erlebt hatten“, sagt Hauser zehn Jahre später in der Kölner Geschäftsstelle von medica mondiale gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Sie entschloss sich zu helfen. Da ihre Anfragen bei verschiedenen Hilfsorganisationen über Projekte für traumatisierte Frauen und Mädchen ergebnislos verliefen, nahm sie die Sache in die eigenen Hände.
Über persönliche Kontakte gelangte sie schließlich – mitten im Krieg – an Silvester 1992 ins zentralbosnische Zenica. „Ich hatte über eine kleine lokale Frauenorganisation angekündigt, dass ich ein Projekt für vergewaltigte Frauen plane“, erzählt Hauser. Mit der Unterstützung von 20 engagierten bosnischen Frauen entstand daraufhin innerhalb weniger Monate „Medica Zenica“, das erste von inzwischen drei Therapiezentren für Frauen. Zwischen Zenica und Deutschland hin und her pendelnd, organisierte Hauser den Umbau eines ehemaligen Kindergartens. Ein Operationssaal, Praxisräume, Schlaf- und Therapieräume mussten eingerichtet werden. „Es musste alles gekauft werden, von der Bettwäsche bis zum Anästhesiegerät“, erinnert sich die Gynäkologin. Damals, inmitten des Krieges, flossen die Spendengelder noch reichlich. Hausers parallel zu den Aktivitäten in Bosnien gegründeter Verein medica mondiale in Köln erhielt schnell und unbürokratisch 250 000 DM aus einem Hilfsfonds der TV-Sendung Mona Lisa, der für die Opfer der Vergewaltigungen in Bosnien eingerichtet worden war. Bereits Anfang April 1993 konnte das Therapiezentrum in Zenica eröffnet werden.
„Wir wollten die gynäkologische und die psychologische Seite verbinden“, erläutert Hauser das immer noch gültige Konzept. Es sei primär nicht nur darum gegangen, eine Klinik zu gründen, sondern ein empathisches Umfeld für die betroffenen Frauen zu schaffen. „Die Frauen wussten, hier wird ihnen geglaubt, hier können sie sein“, betont Hauser. Sie hat ein Jahr lang in Zenica gearbeitet, zunächst als Gynäkologin, später dann, als das Projekt begann, sich auszuweiten, als Managerin. Während dieser Zeit war die kroatische Frontlinie nur 20 Kilometer vom gettoisierten Zenica entfernt. „Wir waren beseelt von dem Gedanken, diesem ganzen Wahnsinn etwas entgegenzusetzen“, entgegnet Hauser auf die Frage, ob sie niemals Angst gehabt hat. „Ich hatte das ganze Jahr über keine Angst, weil ich funktionieren musste. Ich war unter anderem das Sprachrohr nach außen für die vergewaltigten Frauen.“
Heute, zehn Jahre später, hat das Therapiezentrum Zenica drei Standorte mit rund 70 bosnischen Mitarbeiterinnen. Medica Zenica 1 unterstützt kriegstraumatisierte Frauen und zunehmend Opfer häuslicher Gewalt. Im Haus von Medica 2 leben rund 20 Frauen, die in früher Kindheit und Jugend Traumatisierungen durch Flucht, Verlust der Familie, sexuelle Gewalt oder auch große Armut erlitten haben. Medica 2 bietet ihnen berufliche Fortbildung. „Die Frauen können dort leben und Lehrgänge besuchen, die inzwischen auch vom lokalen Arbeitsamt anerkannt werden“, sagt Monika Hauser. „Die berufliche Qualifizierung ist wichtig, damit die Frauen aus ihrem Opferstatus heraustreten können.“ Medica 3 liegt 35 Kilometer von Zenica entfernt in der Kleinstadt Visoko, in deren Nähe es noch immer zahlreiche Flüchtlingscamps und -siedlungen gibt. Auf einem alten Hof, der vor fünf Jahren zu einer psychosozialen Beratungsstelle für kriegstraumatisierte Frauen umgebaut wurde, werden die Zuflucht suchenden Frauen – viele von ihnen ehemalige Bäuerinnen – arbeitstherapeutisch betreut. Zwei ähnliche Einrichtungen betreibt medica mondiale auch im Kosovo und in Albanien.
Medica Zenica arbeitet inzwischen inhaltlich autonom. Auch finanziell wird das Zentrum künftig auf eigenen Beinen stehen müssen, das bislang 95 Prozent seines Budgets aus Köln erhielt. „Ende dieses Jahres läuft die Finanzierung aus“, erklärt Hauser. „Es gibt kein Geld mehr für Bosnien. Dabei wäre eine Fortsetzung der Arbeit weiter notwendig.“ Abgesehen davon, dass das bosnische Gesundheitswesen nur mangelhaft funktioniere, seien auch die Spätfolgen der Traumatisierungen nie untersucht worden. „Außerdem brechen viele Traumata erst jetzt auf. Die Gesellschaft muss ein Interesse daran haben, dass diese Frauen betreut werden“, sagt die Ärztin.
Die Frauen, die medica mondiale begleitet, leiden in zweifacher Weise unter ihren Gewalterfahrungen: zum einen an den direkten seelischen und körperlichen Folgen von Vergewaltigung, Folter und Misshandlung, zum anderen an deren gesellschaftlicher Tabuisierung. Neben der therapeutischen Betreuung der Frauen sind von daher auch Öffentlichkeitsarbeit und politische Lobbyarbeit integrale Bestandteile des Konzeptes von medica mondiale, um die Lebensbedingungen für Frauen zu verbessern. „Voraussetzung für die Traumaarbeit ist, dass den Frauen ermöglicht wird, über das Erlebte zu sprechen“, betont Hauser. „Dabei ist unter den instabilen Bedingungen in einer Krisenregion meist keine tiefer
gehende therapeutische Aufarbeitung möglich. Wir können die Frauen aber stabilisieren, ihnen Techniken an die Hand geben, mit flashbacks oder anderen Symptomen umzugehen.“ Eine wirkliche Integration des Traumas könne – vielleicht – später erfolgen, wenn die äußeren Lebensumstände sicherer geworden sind und es eine Zukunftsperspektive gebe. „Für den Heilungsprozess ist es sehr wichtig, dass die Frauen zunächst lernen, ihre Ressourcen aufzuspüren und für die Genesung zu nutzen, ohne die keine von ihnen überlebt hätte.“
Unter anderem weil der Aufbau und Betrieb von Therapiezentren enorme Kosten verursacht, will sich medica mondiale langfristig inhaltlich neu orientieren. Arbeitsschwerpunkt soll künftig die Fortbildung lokaler Fachfrauen sein. Dieser Ansatz spiegelt sich bereits in den beiden laufenden Projekten in Afghanistan und im Irak wider. In Afghanistan hat medica mondiale 40 Ärztinnen, Psychologinnen und Hebammen in Traumaarbeit fortgebildet. Im Norden des Irak unterstützt die Organisation zusammen mit dem Frankfurter Verein wadi ein Frauenzentrum mit
Beratungsstelle, in dem Frauen und Mädchen Zuflucht finden können. Dar-
über hinaus bietet ein mobiles Einsatzteam Frauen medizinische, psychologische und soziale Hilfe an. Wie in Afghanistan plant medica mondiale auch im Irak, Ärztinnen und Psychologinnen in Traumaarbeit zu schulen. Im Herbst soll ein Handbuch erscheinen, das erstmals Qualitätskriterien für die Arbeit mit kriegstraumatisierten Frauen beschreibt und mit dessen Hilfe die Gefahr von Retraumatisierungen im Umgang mit den Betroffenen vermieden werden soll. Finanziert wurde das Buchprojekt vom Bundesfamilienministerium.
Da sich medica mondiale zum großen Teil aus Spenden finanziert, sieht die finanzielle Situation derzeit wenig rosig aus. „In akuten Krisensituationen fließen auch die öffentlichen Gelder. Wir sind aber keine Krisenorganisation. Die Langfristigkeit der Finanzierung fehlt“, beklagt Hauser. „Geldmangel ist unser burn-out. Aus diesem Grund besteht ein großer Teil meiner Arbeit aus fundraising.“ Heike Korzilius
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige