ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003Sexualstraftäter: Jedes Verbrechen hat sein Risiko

BRIEFE

Sexualstraftäter: Jedes Verbrechen hat sein Risiko

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 359

Link, Günter

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LNSLNS Bei der Diskussion über bestmögliche Maßnahmen bei Sexualstrafdelikten erstaunt mich immer wieder, dass unser StGB gleichermaßen Exhibitionisten und Frauen- und Kindermörder dem Sammelbegriff Sexualstraftäter zuordnet. Verletzt ein Exhibitionist – wertungsfrei gesprochen – höchstens die öffentliche Moral, ohne dass er dabei Leib und Leben der von ihm belästigten Personen gefährdet, da er sich ja nur narzisstisch „zeigen“ will, so liegt bei einem Sexualdelikt mit körperlichem Trauma oder gar mit Todesfolge nicht nur ein ganz anderer Tatbestand vor, sondern auch psychopathologisch eine ganz andere Motivation, die einen lebensbedrohlichen Schaden am Objekt Frau oder Kind einschließt.
Im Artikel werden aber nicht nur Exhibitionisten, Pädophile, Alkoholiker und Sexualstraftäter in einen Topf geworfen, sondern im Kontext eines Interviews mit Leygraf bezüglich Sicherungsverwahrung auch Gewalt- und Sexualstraftäter. M. E. muss aber auch hier differenziert werden, da psychopathogenetisch zwischen einem Frauenmörder etwa mit Borderline-Struktur oder Schizophrenie, einem Kinderschänder/-mörder und einem sonstigen Gewaltverbrecher wesentliche Unterschiede bestehen. Inwieweit sich dies in der Prognosestellung bezüglich Resozialisierung niederschlagen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Soweit mir aber bekannt ist, wird ein Borderline-Frauenmörder (böses Mutter-Objekt i. S. von Kernberg) wohl immer eine tickende Zeitbombe bleiben, zumal derartige schwere Persönlichkeitsstörungen therapeutisch eine denkbar schlechte Prognose haben. Ob beim Kinderschänder mit Gewaltverbrechen die Prognose günstiger einzuschätzen ist, wage ich sehr zu bezweifeln.
Wenn Frau Bühring meint, „Trotzdem kann es nicht angehen, alle Straftäter für immer wegzusperren“, frage ich mich, ob ihrer Äußerung nicht der gleiche Fehler zugrunde liegt, eben alle genannten Straftaten in einen Topf zu werfen. So kann ich ihre polemische Äußerung gegen „Schlagzeilen in der Boulevardpresse“ oder gegen die Äußerung des Bundeskanzlers Schröder nicht ganz nachvollziehen. Die Angst der Bevölkerung in politische bzw. rechtspolitische Konsequenzen zu integrieren, sehe ich als legitim, sogar als Pflicht der Regierung an.
Zugegebenermaßen wird es keine ideale Patentlösung für Täter und Opfer geben können. Aber in dubio hat die Angst vor Tatwiederholung Vorrang gegenüber ggf. großer Härte gegen den Täter. Mit statistischen Beweisführungen bezüglich Rezidivquote kommen wir hier ebenso unzulänglich weiter, wie dies häufig in der Medizin gilt. Denn was nützen Wahrscheinlichkeitszahlen dem Menschen, der von Rezidiv – hier des Täters – betroffen wird? Der Humanitätsgedanke gilt hier wohl in erster Linie dem Opfer bzw. seinen Angehörigen oder einem potenziellen Opfer! Ein solcher Schwerverbrecher oder ggf. Psychopath mit infauster Prognose wird höchstens lebenslang sozial isoliert, wobei es nicht vordergründig um Bestrafung, sondern in jedem Fall um Sicherheitsprävention für alle Bürger/Bürgerinnen geht. Dies steht noch lange nicht in Relation zur Tatfolge, die Tod oder u. U. lebenslange psychophysische Posttraumatisationsstörungen einschließen. Nicht nur jede normale menschliche Tätigkeit kann ein Risiko beinhalten, auch jedes Crimen hat sein Risiko, ggf. im Sinne von „lebenslang“.
Dr. med. Günter Link,
Auf der Halde 13, 87439 Kempten
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