ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003Nahtodeserfahrung: Nachvollziehbares Phänomen
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LNSLNS Das abgedruckte Bildnis wurde von seinem Maler Hieronymus Bosch (1450–1516) „Aufstieg ins himmlische Paradies“ genannt. Die seiner Darstellung zugrunde liegende Erfahrung dient einerseits mit Vorliebe immer wieder und immer öfter metaphysischen Spekulationen und steht andererseits im Prinzip jedermann offen: Als ich 1942 im Alter von 14 Jahren einmal heftige Zahnschmerzen mit Äthyläther betäubte, erlebte ich das von Bosch dargestellte Phänomen des – übrigens rotierenden – dunklen Tunnels mit der blendenden Helle im oberen offenen Rund. Als ich wieder zu mir kam, fiel mir eine Erzählung meines Vaters ein, der das Gleiche während eines offenbar nicht lege artis durchgeführten Chloräthylrausches erlebt hatte. Neugierig geworden, wiederholte ich etwas später mit Erfolg mein „Experiment“. Auf keinen Fall kann das an der Schwelle zur Bewusstlosigkeit aufgetretene Phänomen auf eine „Nahtodeserfahrung“ reduziert werden; denn – abgesehen vom Zahnweh – erfreute ich mich damals wie übrigens auch heute noch guter Gesundheit, die anscheinend auch eine „subjektive“ Todesnähe ausschloss. Ihren Erlebniswert erhält die Erscheinung durch eine extreme Euphorie, woraus sich die „kultur- und religionsspezifischen“ Ausschmückungen herleiten lassen, die man besser mit dem der Traumforschung entlehnten Begriff „sekundäre Bearbeitung“ bezeichnen kann. Die der Neurowissenschaft zur Genüge bekannten extrakampinen Halluzinationen sind nota bene bei der populären Betrachtung und Vermarktung intrapsychischer Vorgänge ebenso beliebt wie das von Bosch gemalte und rein optisch eher banal wirkende transkulturelle und transepochale Phänomen.
Dr. med. Norbert Willerding, Burgblick 16, 97688 Bad Kissingen
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