ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003Psychiatrie und Recht: Gesetz soll vor Bedrohung und Belästigung schützen

WISSENSCHAFT

Psychiatrie und Recht: Gesetz soll vor Bedrohung und Belästigung schützen

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 364

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Im Vordergrund der Behandlung der so genannten
Stalker steht eine zugrunde liegende psychische Störung.

Ein wiederholtes Bedrohen oder belästigendes Verhalten, das beim Opfer Angst hervorruft, wird im anglo-amerikanischen Sprachraum als „Stalking“ bezeichnet. Bei uns ist der Begriff erst seit kurzem gebräuchlich. Zu den typischen pathologischen Verhaltensweisen zählen Verfolgen, Beobachten, Überwachen oder Kontaktieren eines Opfers gegen dessen erklärten Willen. Auch aggressive Verhaltensweisen, wie tätliche Bedrohung, Körperverletzung und Nötigung, gehören zum Spektrum. Das Phänomen ist nicht neu. Vielmehr sind die unter „Stalking“ gefassten Verhaltensmuster schon seit langem Gegenstand psychiatrischer Untersuchungen, wobei sie beispielsweise als Belästigungssyndrom im Rahmen eines Liebeswahns betrachtet wurden. Das Phänomen oder Facetten davon wurden außerdem mit den Begriffen „De-Clérambault-Syndrom“ und „Erotomanie“ beschrieben. Das so genannte Stalking ist keine Verhaltensweise von besonderem Seltenheitswert, sondern kann im klinischen und praktischen psychiatrischen Alltag relativ häufig und in verschiedenen Formen angetroffen werden.
Viele Fälle von Stalking münden in Gewalttätigkeit gegen das Opfer. „Bei Tätern, deren Opfer ehemalige Intimpartner sind, ist die Gewaltbereitschaft besonders hoch“, sagen Dr. med. Martin Kamleiter und Dr. med. Gregor Laakmann von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Ärzte haben mehrere Studien zum dem Thema gesichtet und die Ergebnisse zusammengestellt.
Danach geht das Phänomen vor allem von Männern aus. Die Täter sind im Durchschnitt zwischen 35 und 40 Jahre alt, selten verheiratet und weisen anamnestisch wiederholt Versagen im sozialen und sexuellen Bereich auf. Weitere typische Kennzeichen sind eine überdurchschnittliche Intelligenz, häufiger Substanzmissbrauch und eine kriminelle oder psychiatrische Vorgeschichte. Zwei Drittel und mehr sind von psych-iatrischen Störungen, wie Schizophrenien, sowie von affektiven, wahnhaften, paranoiden und Persönlichkeitsstörungen betroffen.
Verfolgt werden in erster Linie Angehörige des jeweils anderen Geschlechts, wenngleich auch wenige Fälle gleichgeschlechtlichen Stalkings bekannt sind. Überwiegend sind die Täter frühere Sexualpartner (40 Prozent) oder Bekannte der Opfer (36 Prozent). Nur ein Viertel der Täter sind dem Opfer völlig fremd. In den meisten Fällen beschränkt sich dieses Verhalten auf ein Opfer. Das Verhaltenssyndrom hält zwischen einer Woche und vielen Jahren an, im Durchschnitt fünf Jahre.
Stalking ist strafbar
Am 1. Januar 2002 ist in Deutschland das neue Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten. Es soll den Opfern erweiterten und verbesserten Schutz bieten. Das Gericht kann erforderliche Anordnungen aussprechen, wie beispielsweise Verbote, die Wohnung des Opfers zu betreten und sich in einem bestimmten Umkreis aufzuhalten. Ferner kann dem Täter verboten werden, Orte aufzusuchen, an denen sich das Opfer häufig aufhält, Zusammentreffen herbeizuführen und Verbindung mit modernen Kommunikationsmitteln herzustellen. Hält sich der Täter nicht an diese Verbote, so sieht das Gesetz die Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr vor. Auch das Einschreiten der Polizei wird dadurch gewährleistet.
„Die Therapie eines Stalkers muss mehrere Ziele verfolgen“, sagen Kamleiter und Laakmann. Im Vordergrund steht die Behandlung einer möglicherweise zugrunde liegenden psychischen Störung. Darüber hinaus muss die Therapie darauf hinwirken, dass der Patient sein verfolgendes Verhalten unterlässt, wobei auch die möglichen juristischen Konsequenzen aufgezeigt werden. Der Behandlungserfolg kann durch eine längerfristige supportive, jedoch auch direktive Psychotherapie entscheidend verbessert werden.
Selbstvertrauen der Opfer wieder herstellen
Bei der Behandlung der Opfer wird der Therapeut mit dem Empfinden von Psychoterror und seelischer Vergewaltigung konfrontiert. Zur Verminderung der Angstsymptome kann eine psychopharmakologische Therapie hilfreich sein. Besonders wichtig sind ein sicheres und schützendes Therapieumfeld sowie eine stabile Vertrauensbasis. Ein Ziel der Behandlung ist es, das Selbstvertrauen des Opfers wieder aufzubauen. Ein weiteres Ziel besteht darin, die Interaktionsmuster des Opfers zu analysieren, um Mechanismen aufzudecken, die das Verhalten des Täters verstärken.
Es ist noch nicht geklärt, weshalb Stalking in letzter Zeit deutlich zugenommen hat. Möglicherweise spielen die wachsende gesellschaftliche Instabilität, die Unverbindlichkeit von Beziehungen sowie die zunehmende Isolation Einzelner für die Genese und Ausbreitung des Syndroms eine Rolle. Durch den stetigen Anstieg der Fälle gewinnt dieses Verhaltenssyndrom ständig an Aktualität und Relevanz für Juristen und Psychiater. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Kamleiter M, Laakmann G: Stalking – Bedeutung für klinische Praxis und Rechtsprechung. Psychiat Prax 2003; 30: 152–158.

Ansprechpartner:
Dr. med. Martin Kamleiter, Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München, Nussbaumstraße 7, 80336 München, E-Mail: martin.kamleiter@psy.med.uni-muenchen.de
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Avatar #668468
timocracy
am Samstag, 13. Juli 2013, 00:05

Wer hat´s erfunden?

Die mit Abstand schlimmsten "Stalker", die ich bislang erfahren musste, waren allesamt Psychiater...

Der Witz an der Sache ist, dass die tatsächliche Bedeutung dieses Wortes "Stalking" einen im Übermasse euphorisierten Fan eines Stars(!) meint!

Psychiater bilden sich bekanntlich sehr viel ein, sogar dass sie eine medizinische Disziplin darstellen könnten, tatsächlich aber geniessen sie in einer ethisch vertretbaren Pathologie Hausverbot.

Wenn der Herr Zufall noch ein passendes Psychopharmakon erfindet, kann man aus dem täglichen Inhalt des Hausbriefkasten tatsächlich noch soviel abschöpfen, dass es sich für einen Psychiater lohnt?

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