ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2003„Signs of Life“: Formen im Wandel

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„Signs of Life“: Formen im Wandel

PP 2, Ausgabe August 2003, Seite 370

Krannich, Stephanie

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„Tongue in Cheek. 2002“ Fotos: Bundeskunsthalle
„Tongue in Cheek. 2002“ Fotos: Bundeskunsthalle
Tony Cragg hat den Dachgarten der Bundeskunsthalle in einen Skulpturenpark verwandelt.

Ein eindrucksvolles Erlebnis ist die Welt geheimnisvoller Formen in luftiger Höhe vor der Kulisse des ehemaligen Regierungsviertels und des Siebengebirges. Tony Cragg, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer, hat den Dachgarten der Bundeskunsthalle in einen Skulpturenpark verwandelt. 20 seiner großformatigen Arbeiten der letzten fünf Jahre sind dort bis zum 5. Oktober zu sehen. Sie veranschaulichen die enorme Vielseitigkeit seines Œuvres, eine Essenz 30-jähriger bildhauerischer Tätigkeit.
Anthony Cragg, 1949 in Liverpool geboren, arbeitet nach dem Abitur zunächst als Praktikant in einem biochemischen Forschungsunternehmen. Doch schon bald wendet er sich der Kunst zu, studiert am Gloucestershire College of Art and Design, besucht die Malklasse der Wimbledon School of Art und anschließend das Royal College of Art in London. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Wuppertal. Er lehrt an der Kunstakademie in Düsseldorf und ist Mitglied der Royal Academy of Arts in London.
Der britische Bildhauer, dessen Werke anfangs durch die Stilrichtungen der Minimal Art, Land Art, Konzeptkunst, Performance, Arte Povera geprägt sind, findet seine eigene, äußerst vielseitige Formensprache. Unermüdlich experimentiert er mit verschiedenen Materialien, erforscht deren Eigenschaften und Verarbeitungsmöglichkeiten. Er setzt sich kontinuierlich mit grundlegenden Fragen zum Verhältnis von Körper, Materie und Objekt auseinander. Nie gibt er sich mit der einmaligen Umsetzung einer bildhauerischen Idee zufrieden, sondern drückt sie in zahlreichen Varianten aus. Er testet all ihre Möglichkeiten und Aspekte aus. So erklärt sich die fast unüberschaubare Anzahl und Vielfalt seines bildhauerischen Werkes.
Seine Skulpturen sind keineswegs statische Gebilde, vielmehr Formen im Wandel: Während des Betrachtens aus verschiedenen Perspektiven verändern sie sich ständig. „Bilder“ entstehen und vergehen. In den säulenartigen Skulpturen aus der Serie „Rational Beings“ tauchen zum Beispiel Gesichter auf und verschwinden wieder. In den „Early Forms“ lassen sich Gefäße erkennen, die sich im weiteren Wahrnehmungsprozess verändern und auflösen. Diese Phänomene lassen die Skulpturen lebendig wirken. Tony Cragg bezeichnet sie deshalb als „Signs of Life“ (Zeichen des Lebens). Sie sprechen jeden Besucher an, da vertraute Formen in ihnen erkennbar sind. Tony Cragg sieht in der Kunst „eine Möglichkeit, eine neue Perspektive zu haben auf unsere alltägliche Nutzwelt – sie plötzlich in einem neuen Licht erscheinen zu lassen“. So bleibt Vertrautes erkennbar, verwandelt sich jedoch durch das Spiel mit Form- und Oberflächengestaltung in eine neue Objektwelt.
„Slice. 2000“
„Slice. 2000“
Ein Besuch des so genannten Zentralkabinetts der Bundeskunsthalle rundet die Eindrücke der erlebten Formen ab. Denn hier eröffnen Zeichnungen und kleine Skulpturen aus unterschiedlichen Materialien einen Einblick in die Entstehungsweisen der faszinierenden Skulpturenwelt Tony Craggs. Anders als Bildhauer im herkömmlichen Sinn, die zum Beispiel vom ersten bis zum letzten Hieb an einem Marmorblock oder von der Anfertigung eines Gipsmodells bis zum letzten Schliff des danach erfolgten Bronzegusses nur selbst Hand anlegen, bedient sich Tony Cragg einer dem Zeitgeist entsprechenden, effektiveren Produktionsweise: Er fertigt die Modelle seiner Skulpturen selbst an und delegiert die handwerklichen Prozesse, setzt Spezialisten ein, die ihm ermöglichen, seine Ideen aus Materialien wie Kunststoff, Glas oder Metall in großen Dimensionen zu verwirklichen.
Eine umfangreiche Monographie mit 500 Abbildungen dokumentiert den künstlerischen Werdegang Tony Craggs (36 Euro). Wer die Skulpturenschau besucht, hat gleichzeitig die Möglichkeit, sich hochkarätige Ausstellungen in der Bundeskunsthalle anzusehen. „Menschen – Zeiten – Räume. Archäologie in Deutschland“ (bis 24. August): Mehr als 5 000 kostbare Funde dokumentieren die Ausgrabungsergebnisse der vergangenen 25 Jahre aus allen 16 Bundesländern, Zeugnisse von der Urzeit bis ins 20. Jahrhundert. „Japans Schönheit – Japans Seele“ (bis 26. Oktober): Meisterwerke des 15. bis 18. Jahrhunderts aus dem Tokyo National Museum gewähren einen Einblick in das goldene Zeitalter der japanischen Kunst. „Azteken“ (12. September–11. Januar 2004; dazu DÄ, Heft 27/2003).
Dr. med. Stephanie Krannich
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