ArchivDeutsches Ärzteblatt45/19961947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (II): Arzt im Krankenhaus Von den Notjahren nach dem Krieg über die Westerländer Leitsätze bis zur anhaltenden Diskussion über die Verzahnung der Leistungsbereiche

THEMEN DER ZEIT: 50 Jahre Bundes­ärzte­kammer

1947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (II): Arzt im Krankenhaus Von den Notjahren nach dem Krieg über die Westerländer Leitsätze bis zur anhaltenden Diskussion über die Verzahnung der Leistungsbereiche

Vogt, Gerhard

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LNSLNS Die Geschichte der Beziehungen zwischen den Krankenhäusern und ihren Ärzten in den fünf Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat zwei gegensätzliche Aspekte: Auf der einen Seite steht der gelungene Wiederaufbau zahlreicher im Krieg zerstörter oder in ihrer Substanz geschädigter Krankenhäuser und anschließend daran die Modernisierung und der Ausbau der deutschen Krankenhäuser auf den heutigen modernen, international anerkannten Leistungsstand. Ungeachtet der Partnerschaft zwischen Arzt und Träger im jeweiligen Krankenhaus, die eine wesentliche Voraussetzung dieses Aufbaus war, und ungeachtet der Kooperation, die die Verbände beider Seiten in der Gesundheits- und Sozialpolitik notwendigerweise verbindet, gab es andererseits aber auch eine Anzahl interessenbedingter, nicht selten spannungsreicher Auseinandersetzungen.
Nach schweren Aufbaujahren, nach hohen Investitionen vor allem in den 70er und 80er Jahren, die Staat und Versicherungen finanziell ermöglichten, standen 1994 insgesamt 2 337 Krankenhäuser mit 618 000 Betten in der Bundesrepublik für die Versorgung der Patienten bereit (ohne Reha-Häuser). Leistungsumfang und Leistungsintensität haben sich ständig erhöht, und hieran haben alle mitgewirkt: Krankenhausträger, Ärzte, Schwestern und Pfleger sowie die Angehörigen der zunehmend spezialisierten weiteren Krankenhausberufe. Die Zahl der stationär aufgenommenen Patienten hat sich von 6,31 Millionen (1954) auf 14,62 Millionen (1994) mehr als verdoppelt, die Verweildauer für Akutkranke sank von 21,6 Tagen (1960) auf 11,9 Tage (1994). Im statistischen Durchschnitt wird derzeit nahezu jeder fünfte Bundesbürger einmal jährlich ins Krankenhaus aufgenommen. 98 Prozent der Kinder werden hier geboren, und etwa die Hälfte aller Sterbenden wird hier in den letzten Stunden betreut.
Die deutschen Krankenhäuser sind ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor mit (1994) 1,147 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 99 Milliarden DM. Allein aus der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezogen sie 1995 circa 77,6 Milliarden DM, das ist – übrigens seit mehreren Jahren – etwa ein Drittel der gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung.


Rollenverständnis und Interessenkonflikte
Die Zahl der Krankenhausärzte wuchs – parallel mit der Behandlungsintensität und der Verkürzung der Arbeitszeit – von 1947 mit circa 19 000 auf 133 000 im Jahre 1995; davon waren 1947 circa 4 000 und 1995 circa 13 000 Chefärzte. Das Krankenhaus hat schon seit Jahren die freie Praxis als Beschäftigungsort für Ärzte weit überflügelt (1995 waren etwa 111 000 Ärzte niedergelassen).
Der angestellte oder beamtete Krankenhausarzt hat ein spezifisches Rollenverständnis. Er ist, wie das auch die Bundesärzteverordnung von 1961 statuiert, Angehöriger eines dem Wesen nach freien Berufes, insbesondere was seine Unabhängigkeit und Eigenverantwortung in Diagnostik und Therapie anbelangt. Die Krankenhausärzte mochten sich dementsprechend noch nie – im gesellschaftlichen Sinne – als "Erfüllungsgehilfen" der Krankenhausträger definieren – wenngleich sie das im strengen juristischen, insbesondere dienstrechtlichen Kontext sind.
Demgegenüber betonten die Krankenhausträger stets ihren gesellschaftlich und juristisch gesicherten Versorgungsauftrag, die kirchlichen außerdem ihr Selbstverständnis als religiös-karitative Einrichtungen und ihre verfassungsrechtlich garantierte Unabhängigkeit vom Staat.
Neben diesem unterschiedlichen Rollenverständnis hatte in den letzten fünf Jahrzehnten auch die Art der Krankenhausfinanzierung starken Einfluß auf die Beziehungen der Krankenhausträger zu den Ärzten.
Vor allem bis Anfang der 70er Jahre waren die Krankenhäuser weitgehend unterfinanziert. Die Pflegesätze deckten die Kosten nicht, und das war politisch sogar so gewollt, um die Beitragsmittel der Krankenkassen zu schonen. Investitionen und laufende Betriebsführung waren den Krankenhäusern damals in aller Regel nur dank erheblicher Zuschüsse ihrer Träger möglich, und diese fielen den steuerfinanzierten Kommunen zumeist leichter als zum Beispiel Kirchengemeinden oder religiösen Orden.
Erst das Krankenhausfinanzierungsgesetz von 1972 brachte dann eine – auch von der verfaßten Ärzteschaft wiederholt angemahnte und damals selbstverständlich erscheinende – Kostendeckungsgarantie für die Krankenhäuser. Der Staat trägt seither – wenn auch, wie die Beteiligten meinen, derzeit unzureichend – die Investitionskosten im Rahmen einer den Ländern obliegenden Krankenhausbedarfsplanung. Die Pflegesätze, getragen von den Patienten und ihren Versicherungen, hatten die nachgewiesenen Betriebskosten eines sparsam wirtschaftenden Krankenhauses zu decken.
Dieses zeitweise recht großzügig gehandhabte Finanzierungssystem aufgrund nachgewiesener Kosten stieß allerdings je länger, desto stärker auf Kritik und fand auch immer weniger die Zustimmung der Bundes­ärzte­kammer und der Lan­des­ärz­te­kam­mern. 1993 wurde es aufgegeben, es wurden Krankenhausbudgets sowie verpflichtend ab 1997 Leistungspauschalen und Sonderentgelte eingeführt; auch wird für die Zukunft eine Krankenhausfinanzierung aus einer Hand angestrebt. Allerdings geht auch diese Umstellung mit Problemen in einzelnen Krankenhäusern einher, die unter anderem die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und die Leistungsfähigkeit der Häuser insgesamt stark beeinträchtigen können, wie die aktuelle Berichterstattung in dieser Zeitschrift zeigt.


Notjahre der Ärzte nach dem Kriege
1945 erschienen auf dem Arbeitsmarkt neben den Ärzten, die schon bisher für die einheimische Zivilbevölkerung gearbeitet hatten, die vielen anderen, die aus dem Kriegsdienst, aus Kriegsgefangenschaft oder einer Evakuierung heimkehrten oder aus den verlorenen Ostgebieten oder der damaligen sowjetischen Besatzungszone geflüchtet waren. Auch hatte man in der NS-Zeit wesentlich mehr Ärzte als bisher ausgebildet, um den zusätzlichen Bedarf der Streitkräfte und paramilitärischen Organisationen zu decken.
Nicht alle, die nun im Krankenhaus arbeiten wollten, wurden dort auch benötigt, ein noch kleinerer Teil erhielt eine Planstelle, und die Verträge waren zumeist auch noch zeitlich limitiert. Viele junge Ärztinnen und Ärzte, die ihre Weiterbildung oder die kassenärztliche Vorbereitungszeit absolvieren wollten, arbeiteten daher als "Volontärärzte", "Hilfsärzte" oder "Gastärzte": nur teilweise bezahlt oder – was oft vorkam – ganz ohne Gehalt, nur für ein Taschengeld oder freie Verpflegung und Unterkunft oder nicht einmal dafür. So waren 1947 von 15 000 nachgeordneten Krankenhausärzten in den Westzonen nur 8 000 tariflich bezahlt. Noch 1961 hatten 710 von circa 16 500 nachgeordneten Ärzten keine vollbezahlte Stelle.
Die meisten Betroffenen fühlten sich ausgebeutet, weil sie in aller Regel vollwertige Arbeit im Krankenhaus zu leisten hatten und nicht, wie manche Träger argumentierten, nur zum zeitlich begrenzten Erwerb von Kenntnissen und Erfahrungen tätig wurden. Die Situation änderte sich erst allmählich, nicht zuletzt aber auch aufgrund von Musterprozessen, die der Marburger Bund alsbald nach der Währungsreform mit solidarischer Unterstützung der verfaßten Ärzteschaft für die Betroffenen begonnen hatte. Außerdem entfielen 1960 gemäß einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts bis dahin bestehende Zulassungsbeschränkungen für die Kassenpraxis, mehr Ärzte als bisher ließen sich nieder. Die Verbitterung unter den damals jungen Ärzten, die oft auch noch durch kleinliches Verhalten im einzelnen Krankenhaus gesteigert wurde, wirkte aber noch jahrzehntelang nach.
Weitere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen brachte 1961 der BAT, den der Marburger Bund maßgeblich mitgestaltet hatte. Erstmals gab es nun eine tariflich festgelegte Arbeitszeit für Ärzte von 48 Stunden; bis 1956 waren noch 60 Wochenarbeitsstunden gefordert worden; Überstunden und zusätzliche Dienste mußten oft unbezahlt geleistet werden. Seither aber gibt es eine bis heute in der Struktur unveränderte Regelung für die Abgeltung von Überstunden, Bereitschaftsdiensten und Rufbereitschaften. Sie wurde in den 80er Jahren durch weitere Tarifverträge und ab 1996 durch das Arbeitszeitgesetz ausgebaut – im Sinne des Gesundheitsschutzes für den Arzt und vor allem, um Patienten vor einer möglichen Fehlbehandlung durch zu stark beanspruchte, unausgeruhte Ärzte zu bewahren.
Insgesamt gesehen führten die Tarifregelungen zu einer wesentlich besseren Einkommenssituation der Krankenhausärzte, vor allem, soweit sie regelmäßig Dienste verrichten.
1987 kam zu der Kostendämpfungspolitik, die den wirtschaftlichen Druck auf die Krankenhäuser in den letzten Jahren permanent erhöhte, ein von der Berufsorganisation von Anfang an abgelehntes Gesetz, nach dem Ärzte in Weiterbildung befristet angestellt werden können. Die Bundes­ärzte­kammer befürchtet, daß dadurch die Kontinuität in der Personalführung und als Folge davon die Patientenbetreuung gefährdet werde. Bei den Mitarbeitern entstehe durch die Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse ein "Wohlverhaltensdruck".


Vertragsbedingungen für leitende Krankenhausärzte
Von unterschiedlichen Interessen überlagert waren zumeist auch die Vertragsverhältnisse der Träger zu den leitenden Krankenhausärzten. Deren wirtschaftliche Situation beruht traditionsgemäß auf einem vergleichsweise bescheidenen Gehalt für die Behandlung der Sozialversicherungspatienten sowie dem – zumindest in den klinischen Fächern zumeist ertragreichen – Liquidationsrecht bei stationären und ambulanten "Privatpatienten", aus der Kassenbeteiligung und aus Gutachtertätigkeit.
Im Rahmen ideologisch motivierter Auseinandersetzungen zu Beginn der 70er Jahre, die unter anderem in der Forderung nach einem "klassenlosen" Krankenhaus gipfelten, versuchten politisch links orientierte Kräfte, das Liquidationsrecht zu beseitigen oder ersatzlos auf das Krankenhaus selbst überzuleiten. Hiergegen opponierte damals die ärztliche Berufsorganisation sehr nachhaltig: Nur durch das Liquidationsrecht sei realistischerweise eine angemessene Honorierung der an der Leistungsspitze der Ärzteschaft stehenden Kräfte zu erreichen. Diese Ansicht setzte sich damals in der Politik durch. Allerdings wurden die bisher bestehenden Privatstationen aufgelöst, seither können alle stationären Patienten im Krankenhaus "wahlärztliche Leistungen" in Anspruch nehmen.
Da der Chefarzt bei seinen liquidationsberechtigten Tätigkeiten Mitarbeiter und Ausstattungen des Krankenhauses nutzt, hat er, auch nach Meinung der verfaßten Ärzteschaft, eine Abgabe an das Krankenhaus zu leisten, die dessen Kosten in diesem Bereich decken soll. In früheren Jahren waren diese Abgaben keineswegs so selbstverständlich wie heute. Nach dem Kriege stellten die Krankenhäuser aber zunehmend ihre Forderungen; viele verlangen inzwischen einen über eine Kostenerstattung hinausgehenden "Vorteilsausgleich"; dieser trägt – systemwidrig – direkt zur Finanzierung der Krankenhäuser bei. Inzwischen werden derartige Forderungen durch Vertragsmuster der Trägerverbände und in den letzten Jahren auch durch komplizierte Gestaltungsformen in Bundespflegesatzverordnung und GOÄ gestützt.
Erhöhte Abgaben beeinflussen nicht nur erheblich die Einkommenssituation der leitenden Krankenhausärzte, sondern auch deren Möglichkeit, ärztliche Mitarbeiter an ihren privaten Honorareinnahmen zu beteiligen, wie ihnen das – nach langen innerärztlichen Auseinandersetzungen – seit 1970 der 73. Deutsche Ärztetag in Stuttgart durch Änderung der Muster-Berufsordnung aufgab.


Vorschläge der Ärzteschaft zur inneren Struktur
Seit Kriegsende nahm die verfaßte Ärzteschaft immer wieder programmatisch zur inneren Struktur der Krankenhäuser und ihres ärztlichen Dienstes Stellung und diskutierte darüber mit den Verbänden der Krankenhausträger und mit politischen Instanzen. Schon der 54. Deutsche Ärztetag 1951 in München formulierte erstmals berufspolitische Forderungen, der 64. Deutsche Ärztetag 1961 in Wiesbaden bestätigte sie inhaltlich weitgehend. Danach beschlossen vor allem der 75. Deutsche Ärztetag 1972 in Westerland und der 80. Deutsche Ärztetag 1977 in Saarbrücken neu gestaltete Leitsätze. Der 77. Deutsche Ärztetag 1974 ergänzte sie durch Leitsätze für die Hochschulreform. Spätere Ärztetage übernahmen diese Programmatik immer wieder in die gesundheits- und sozialpolitischen Vorstellungen der deutschen Ärzteschaft, und noch heute sind sie Grundlage der Kammerpolitik.
Ausgangspunkt aller Strukturüberlegungen war die zunehmende Differenzierung und Spezialisierung der Medizin. Die meisten Krankenhäuser waren nach dem Kriege darauf noch nicht eingestellt, auch viele größere hatten damals nur zwei bis drei Fachabteilungen (Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie, soweit diese nicht von der Chirurgie mitvertreten wurde), und diese waren entsprechend groß: 150 bis 250 Betten, manche hatten auch mehr, 300 und sogar darüber hinaus.
So viele Patienten aber – argumentierte die Bundes­ärzte­kammer – könne ein Chefarzt nicht verantwortlich behandeln, er könne sich schlechterdings kaum jedem einzelnen zuwenden. Auch könne er die wachsende wissenschaftliche Breite seines Aufgabenbereichs immer schwerer übersehen und sei auf verantwortliche Zusammenarbeit mit Spezialisten angewiesen. Deshalb, so schon die Forderung 1951, müßten große Abteilungen geteilt werden, und dies ist in der Folge auch geschehen.
Aus dem vorhandenen Bettenbestand entstanden neue Abteilungen für wichtige, in der ärztlichen Weiterbildung ausgewiesene klinische Fächer (Urologie, Orthopädie, später auch Neurologie) und Funktionsbereiche (Anästhesie, Radiologie, Strahlenheilkunde, Pathologie, Labormedizin und Blutbank). Außerdem entwickelten sich in den verbleibenden "großen" Fächern in den letzten zwanzig Jahren zumeist mehrere selbständige Parallelabteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (in der Inneren Medizin zum Beispiel Kardiologie, Hämatologie, Gastroenterologie, Nephrologie; in der Chirurgie zum Beispiel allgemeine Chirurgie und Unfallchirurgie). Am weitesten gedieh die Differenzierung naturgemäß an Hochschulkliniken und Schwerpunktkrankenhäusern.
Heute gibt es an deutschen Krankenhäusern nur noch wenige Abteilungen mit mehr als 100/120 Betten. Dadurch erweiterte sich – auch dank entsprechender apparativer Ausrüstung – die spezialisierte Patientenversorgung. Es entstanden aber auch neue selbständige Arbeitsmöglichkeiten für Krankenhausärzte.
Parallel zur Neugliederung der Abteilungen forderte die ärztliche Berufsorganisation – ebenfalls schon seit den 50er Jahren – mehr Lebensstellungen für Krankenhausärzte. Es sollten nicht nur junge Ärzte in den Gebieten und Bereichen der Medizin zu Fachärzten, die sich dann niederlassen, weitergebildet werden; es müsse vielmehr – über die Chefärzte hinaus – auch ein Stamm erfahrener Fachärzte am Krankenhaus bleiben, um die Spezialisierung der Medizin in der gewünschten Breite realisieren zu können. Auch diese Forderung der Ärztetage hat sich nach und nach verwirklicht.
Inzwischen ist die Zahl der am Krankenhaus unbefristet angestellten Fachärzte beinahe genauso groß wie die der niedergelassenen Fachärzte – Anzeichen eines wesentlichen Strukturwandels im krankenhausärztlichen Dienst gegenüber der Kriegs- und Vorkriegszeit.


Westerländer Leitsätze
Eine wesentlich andere Krankenhausstruktur als bisher gewohnt schlug der Westerländer Ärztetag 1972 vor. Er gab die bisherige Forderung, die Krankenhäuser in kleinere, für einen Chefarzt überschaubare Fachabteilungen mit weniger Betten zu untergliedern, auf – aus Sorge vor einer zu starken Zersplitterung der Medizin zum Nachteil der Patienten. Statt dessen rückte er nun eine Integration der Einzelaufgaben in einem übergreifenden Fachbereich in den Vordergrund.
Die Bettenzahl der das ganze Fachgebiet umfassenden Abteilungen solle nicht mehr schematisch begrenzt werden, sondern sich an der erkennbaren Leistungsnachfrage im jeweiligen Fach und in seinen Teilgebieten orientieren. Die Abteilung solle dann gewissermaßen von innen heraus, aber ohne eine zahlenmäßige Aufteilung der Betten, strukturiert werden; die Patienten sollen in geregelter kollegialer Zusammenarbeit von der Fachgruppe versorgt werden. Dieses Team solle aus erfahrenen Fachgruppenärzten und einem koordinierenden leitenden Arzt bestehen und von in Weiterbildung stehenden Stationsärzten unterstützt werden. Jeder Patient solle einen für ihn persönlich verantwortlichen und seine Behandlung koordinierenden Fachgruppenarzt haben.
Dem Westerländer Ärztetag ging es also nicht um eine "Demokratisierung" der Krankenbehandlung und schon gar nicht um Mehrheitsabstimmungen am Krankenbett. Gefördert werden sollte aber die gegenseitige Beratung und Information in einem überschaubaren Arbeitsbereich. Dafür sollten auch entsprechende Gremien sorgen.


Leitsätze bisher kaum verwirklicht
Bemerkenswerterweise verabschiedete der 75. Deutsche Ärztetag 1972 in Westerland die Leitsätze damals einstimmig, mit Zustimmung aller wichtigen berufspolitischen Kräfte innerhalb der Ärzteschaft (Chefarztverband, Marburger Bund, Hartmannbund, NAV, Kassenärztliche Bundesvereinigung und Allgemeinarztverband). Die Leitsätze entsprachen ganz oder teilweise Reformvorstellungen, die in diesen Gruppierungen, am weitesten gehend 1971 in der Mitgliederversammlung des Marburger Bundes in Saarbrücken, entwickelt worden waren. In wesentlichen Punkten entsprachen sie sogar einer danach 1973 herausgegebenen Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft ("Moderne Kran­ken­haus­struk­tu­ren").
Trotzdem sind die Westerländer Leitsätze bis heute kaum verwirklicht worden. Insbesondere rückten die Trägerorganisationen und auch der Chefarztverband – teilweise unausgesprochen – später von dem 72er Ideengut wieder ab. Sie betonten die Notwendigkeit, den hierarchischen Aufbau des krankenhausärztlichen Dienstes beizubehalten, um eine einheitliche Führung und Lenkung des Krankenhauses ermöglichen und eine sichere wirtschaftliche Betriebsführung gewährleisten zu können. Vertreter der Ärzteschaft haben dagegen bis in die jüngste Gegenwart betont, daß mit ihren Vorschlägen zahlreiche Probleme der weiteren Entwicklung der Krankenhäuser und Hochschulkliniken hätten gelöst werden können.


Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung
Noch weniger Zuspruch fand 1970/71 ein in den Gremien der Bundes­ärzte­kammer und im Hartmannbund diskutiertes Strukturmodell "Krankenhausärztliche Vereinigungen"; es ging von Vorschlägen des Kölner Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Prof. Dr. Philipp Herder-Dorneich aus. Kern dieser Überlegungen war es, die Krankenhausärzte aus ihrem Angestelltenverhältnis zu den Krankenhausträgern zu lösen, in eine begrenzte Freiberuflichkeit zu überführen und im Rahmen öffentlich-rechtlicher Selbstverwaltungskörperschaften zusammenzuschließen. Diese sollten im Rahmen eines Gesetzes- und dreiseitigen Vertragsgeflechts gegenüber Krankenhäusern und Krankenkassen die ärztliche Versorgung der Krankenhauspatienten gewährleisten, die Ärzte direkt honorieren und vor allem zu einer seit langem geforderten "Verzahnung" zwischen ambulanter und stationärer Versorgung beitragen. Interessanterweise wird ein derartiges Selbstverwaltungsmodell nun im Rahmen der Grundsatzüberlegungen zur dritten Stufe der Gesundheitsreform ernsthaft diskutiert – obgleich wohl auch jetzt noch Ablehnung oder Desinteresse überwiegen. Damit bleibt allerdings auch weiterhin – trotz jahrzehntelanger Diskussionen – eine qualitätsgesicherte, gesundheitspolitisch und in den wirtschaftlichen Auswirkungen überzeugende Verzahnung der ambulanten und stationären Leistungsbereiche unvollendet. Die Ärzteschaft hat sich hier immer für personale Lösungen eingesetzt – im Gegensatz zu den permanent seit 1945 wiederholten Forderungen der Krankenhausträger nach Einschaltung der Krankenhäuser als Institution in die ambulante Vor- und Nachbehandlung ihrer Patienten.
Eine solche personale Lösung wäre nach Meinung der Bundes­ärzte­kammer der entschlossene Ausbau eines modifizierten kooperativen Belegarztsystems; in Wirklichkeit geht die Zahl der Belegärzte langsam, wenn auch konstant zurück, und Kooperationsmodelle, die diese Versorgungsform in ihrer Effektivität glaubhaft machen könnten, werden kaum realisiert. Umgekehrt tendieren die Kassenärztlichen Vereinigungen, dem Gesetz entsprechend, dazu, die persönliche Beteiligung qualifizierter Krankenhausärzte an der ambulanten kassen(vertrags)ärztlichen Versorgung zu reduzieren, weil sich das Leistungsspektrum der freien Praxen qualitativ und quantitativ ständig verdichtet hat und damit das Bedürfnis für Beteiligungen immer mehr sinkt.
Was zur Lösung des Verzahnungsproblems bleibt, sind die zahlreichen Empfehlungen der Berufsvertretung (unter anderem wiederholt seit dem 80. Deutschen Ärztetag 1977 in Saarbrücken), sind Gesetzesvorschriften sowie Verträge der gemeinsamen Selbstverwaltung von Krankenkassen und Ärzten, die eine engere praktische Kooperation zwischen den Berufskollegen im Krankenhaus und in freier Praxis bewirken sollen. Leider ist aber auch diese im manchmal beschwerlichen Alltag der Ärzte nicht optimal. Es sind Lösungsansätze der Selbstverwaltung gefragt, wenn sich nicht die Politik dieses für die Struktur des deutschen Gesundheitswesens so brisanten Themas auf ihre Weise bemächtigen soll.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2934–2938
[Heft 45]


Anschrift des Verfassers:
Gerhard Vogt
Im Eschfeld 54
52351 Düren

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