ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Hormontherapie: 20 000 zusätzliche Brusttumoren

AKTUELL: Akut

Hormontherapie: 20 000 zusätzliche Brusttumoren

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2109 / B-1757 / C-1661

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LNSLNS Die in Europa üblichen Präparate zur Hormontherapie erhöhen das Brustkrebsrisiko in gleichem Maße wie die in den USA gebräuchlichen. In der Fachzeitschrift „The Lancet“ (2003; 362: 419) beschreibt eine britische Gruppe die Ergebnisse einer Studie an mehr als einer Million Engländerinnen. Die Forscher hatten die Frauen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren seit 1996 regelmäßig nach ihrer Hormoneinnahme gefragt und gleichzeitig verfolgt, wer an Brustkrebs erkrankte. Es bestätigte sich, dass bei Frauen, die jahrelang Hormone nehmen, das Brustkrebsrisiko nachweisbar steigt: Von 1 000 Frauen, die zehn Jahre lang Östrogen-Präparate nehmen, müssen fünf mit einem zusätzlichen Brustkrebs rechnen; bei Frauen, die Östrogen-Gestagen-Kombinationen nehmen, sind es sogar 19 zusätzliche Erkrankungen.

Dabei war nach fünfjähriger Einnahme von Gestagenen wie Norethisteron oder Norgestrel/Levonorgestrel das Brustkrebsrisiko ebenso erhöht wie unter Medroxyprogesteronazetat; mit Tibolon war sogar ein etwas höheres Risiko verbunden als mit Östrogen-Monopräparaten. Aus den Zahlen errechnete das Forscherteam, dass in England in den letzen zehn Jahren „20 000 zusätzliche Brusttumoren“ der Hormoneinnahme zuzuschreiben seien. Die Studie bestätigt Berechnungen, die Prof. Eberhard Greiser vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin im Sommer 2000 für Deutschland vorgelegt hatte (DÄ 2000, 33: A-2145–2146). Dem Argument, dass unter einer Hormontherapie auftretende Tumoren leicht zu heilen seien, widerspricht die Studie: Bei den Hormoneinnehmerinnen war auch die Rate der Frauen um 22 Prozent erhöht, die an ihrem Brustkrebs gestorben sind. „Das sind beunruhigende Ergebnisse“, sagt Prof. Olaf Ortmann (Universitätsfrauenklinik Regensburg), Koordinator einer Expertengruppe der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Hormone sollten nur gegen schwere Wechseljahrsbeschwerden eingesetzt werden und dann so kurz wie möglich.“

Fast gleichzeitig zeigen weitere Daten der im Jahr 2002 in den USA abgebrochenen WHI-Studie (2003; 349: 523), dass die eingesetzte Östrogen-Gestagen-Kombination bei keiner Gruppe von Frauen Herzkrankheiten vorbeugte: Ob die Hormoneinnehmerinnen 50 waren oder 70, ob sie rauchten oder nicht, ob sie schlank waren oder dick – das Risiko für Herzinfarkte war durchweg eher erhöht statt vermindert.
Klaus Koch
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