ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Medizinabsolventen: Unsicher in der Praxis

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Medizinabsolventen: Unsicher in der Praxis

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2114 / B-1760 / C-1664

Richter-Kuhlmann, Eva

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Studenten beklagen den Mangel an praktischen ärztlichen Fähigkeiten. Foto: Peter Wirtz
Studenten beklagen den Mangel an praktischen ärztlichen Fähigkeiten. Foto: Peter Wirtz
Umfrage an sieben Universitäten: Angehende Ärzte fühlen sich für praktische Tätigkeiten ungenügend ausgebildet.

Mit Nervosität und einem unguten Gefühl in der Magengegend treten viele Medizinabsolventen ihre erste Stelle an. Nur ein Drittel fühlt sich nach dem dritten Staatsexamen gut oder sogar sehr gut auf den klinischen Alltag vorbereitet. Dies ergab eine Befragung von knapp 700 ehemaligen Medizinstudierenden der Universitäten Dresden, Gießen, Jena, Köln, Leipzig, Lübeck und Würzburg zwischen April und Dezember 2002.
„Trotz Famulaturen und Praktischem Jahr beklagen die Absolventen einen Mangel an praktischen ärztlichen Fähigkeiten und interdisziplinärer Denkweise“, erklärt der Leiter der Befragung, Prof. Dr. Elmar Brähler, Universität Leipzig. Der Medizinpsychologe ließ die angehenden Ärzte rückblickend ihr Studium bewerten. Positiver als ihre westdeutschen Kollegen sahen dieses die Absolventen der Universitäten Dresden, Jena und Leipzig (Tabelle). Das Prädikat „schlecht“ vergaben die Studienteilnehmer bundesweit unter anderem für die Praxisorientierung des Studiums, das Angebot berufsorientierender Veranstaltungen an den Universitäten sowie die Möglichkeiten, sich eine wissenschaftliche Arbeitsweise anzueignen. Keine großen Defizite sahen die Absolventen bei der Vermittlung einer speziellen Fachkompetenz und bei der Aktualität der Lehrinhalte. „Die Universitäten sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht nur für die Hochleistungsmedizin ausbilden“, fordert Brähler. Die Mehrheit der Studenten wolle hauptsächlich praktische ärztliche Fähigkeiten erwerben. Dies müsse bei der Reform des Medizinstudiums beachtet werden.
Gerade jetzt können die Fakultäten mehr denn je für die Ausbildung ihrer Studenten tun. Denn die 9. Novelle der Approbationsordnung, die am 1. Oktober mit Beginn des Wintersemesters 2003/2004 in Kraft tritt, räumt den Universitäten mehr Gestaltungsspielraum ein. Sie sieht dabei unter anderem vor, die theoretischen Fächer besser mit den klinischen zu verzahnen und Blockpraktika, bedside teaching sowie fächerübergreifenden und problemorientierten Unterricht zu intensivieren. 21 von 36 Fakultäten hätten bisher die neuen Anforderungen berücksichtigt, hatte der Vorsitzende des Medizinischen Fakultätentages, Prof. Dr. med. Gebhard von Jagow (Universität Frankfurt/Main), im Mai vor dem 106. Deutschen Ärztetag berichtet (DÄ, Heft 22/2002).
„Die neue Approbationsordnung ermöglicht es zudem, die psychosozialen Aspekte besser in die klinischen Fächer zu integrieren“, meint Brähler und verweist auf einen weiteren Hauptkritikpunkt der von ihm befragten Absolventen. Die meisten hatten bedauert, dass während des Studiums zu wenig psychosoziale Kompetenz im Umgang mit den Patienten vermittelt würde. Für die ärztliche Tätigkeit sehen jedoch 85 Prozent der Befragten solche Fähigkeiten als zentral an. Dabei messen Frauen sowie ostdeutsche Studenten den psychosozialen Fächern einen höheren Wert bei als ihre männlichen sowie westdeutschen Kommilitonen.
Bundesweit kritisieren die Befragten die Prüfungspraxis. „Nahezu sämtliche Absolventen beklagen die Abfrage von Detailkenntnissen bei den Examina“, berichtet Brähler. Zwei Drittel der angehenden Ärzte halten die Multiple-Choice-Fragen für zu schwer, nur zwei Prozent für tatsächlich praxisrelevant. Drei Viertel der Absolventen wünschen sich mehr mündliche Prüfungen. Den Schwierigkeitsgrad der fakultätsinternen Prüfungen schätzen dagegen ebenfalls drei Viertel als „genau richtig“ ein.
Nur geringe „Abwanderung“ in andere Berufe
Mit Überraschung registrierte Brähler, dass nach dem Studium offensichtlich nur wenige Absolventen nicht ärztlich tätig sein wollen. „Etwa zwölf Prozent wollen nach dem Praktischen Jahr zunächst keine AiP-Stelle antreten. Dies ist ein viel geringerer Anteil als häufig von der Presse verkündet wird“, sagt Brähler. Hinzu komme, dass die meisten derer, die vorerst keine AiP-Stelle möchten, diese später antreten wollen. Offen bleibe jedoch, ob potenzielle „Aussteiger“, die beispielsweise in anderen Ländern arbeiten wollen, tatsächlich mit der Befragung erreicht werden konnten. Fakt ist dennoch: Nur zwei Prozent der Befragten planen, einen anderen Beruf zu ergreifen, oder geben schlechte Zukunftsaussichten an. Das spätere Berufsziel der Absolventen ist vor allem die eigene Niederlassung: 36 Prozent möchten ambulant fachärztlich, zwölf Prozent ambulant hausärztlich arbeiten. Ein reichliches Drittel möchte an der Klinik bleiben: 25 Prozent wollen Oberarzt/-ärztin werden; neun Prozent Assistenzarzt/-ärztin und fünf Prozent Chefarzt/-ärztin. Eine universitäre Karriere streben nur knapp neun Prozent der Befragten an. „Interessant ist, dass es sich dabei hauptsächlich um Männer handelt“, sagt Prof. Dr. Dorothee Alfermann vom Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Leipzig. In der Tat interessieren sich nur drei Prozent der Frauen für eine wissenschaftliche Tätigkeit, dagegen wünschen sich 13 Prozent der Männer eine universitäre Karriere. „Frauen achten bei den beruflichen Zielen stärker als Männer auf eine Vereinbarkeit mit Familie“, erklärt Alfermann das Ergebnis. Eine Promotion scheint jedoch für Absolventen eines Medizinstudiums dazuzugehören: Nur etwa vier Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen streben keine an. Sich habilitieren wollen dagegen nur knapp zwei Prozent der Frauen und elf Prozent der Männer.
Der Befragung zufolge streben fast sämtliche Absolventen eine Facharztausbildung an (92 Prozent der Frauen und 93 Prozent der Männer). Die Liste der gewünschten Facharztausbildungen führen die Fächer Innere Medizin und Allgemeinmedizin an, gefolgt von Chirurgie und Kinderheilkunde. „Selten gaben die Befragten psychiatrisch und psychotherapeutisch orientierte Facharztausbildungen als Berufsziel an“, berichtet Brähler. Möglicherweise könne die ablehnende Haltung mit den Ausbildungsdefiziten in diesem Bereich zusammenhängen, mutmaßt der Medizinpsychologe.
Brählers und Alfermanns Frage nach der Intention, Medizin zu studieren, beantworten die meisten Studienteilnehmer mit dem Wunsch, anderen Menschen helfen zu können. Am häufigsten geben dies jedoch Frauen an. „Bei ihnen war das Medizinstudim ein Jugendtraum; bei den Männern nicht so sehr“, erklärt Alfermann. Ihnen seien dagegen der erwartete hohe soziale Status, guter Verdienst sowie eine Führungsposition wichtiger als den weiblichen Absolventen. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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