ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Medizinstudium: Weg ins Ausland

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Medizinstudium: Weg ins Ausland

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2115 / B-1761 / C-1665

Rühmkorf, Daniel

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LNSLNS Austauschprogramme sind häufig der erste Schritt, Deutschland ganz zu verlassen.
Die Nachwuchsentwicklung bei Ärzten ist nach wie vor alarmierend. Zwar ist die Zahl der Studienanfänger im Fach Humanmedizin in den letzten Jahren relativ konstant geblieben, aber gleichzeitig ist die Zahl der Absolventen seit acht Jahren rückläufig (um insgesamt 25 Prozent). Dies liegt daran, dass immer mehr angehende Ärzte ihr Studium abbrechen. Inzwischen liegt ihre Zahl nach Angaben der Bundes­ärzte­kammer bei etwa 2 600 jährlich.
Als Begründung für einen Abbruch geben die meisten Studenten an, dass man an einzelnen Scheinen oder an den Staatsexamina gescheitert sei. Zwar ärgern sich viele auch über die Ausbildungsbedingungen, ein Grund zum Aufhören ist das aber nur für die wenigsten. Stattdessen halten viele Studenten ihren Frust klein, indem sie ein zumeist einjähriges Auslandsstudium zum festen Bestandteil ihres Studienplans
machen. Rund 80 Prozent der Bewerber für das europäische Hochschul-Austausch-Programm „Sokrates“ geben in ihrer Bewerbung für ein Auslandsstipendium an, dass sie sich vorstellen könnten, Deutschland den Rücken zu kehren. Für Ulrike Arnold, Leiterin des Berlin Biomedical Exchange Office der Charite´, das jährlich mehr als 250 Austauschplätze für Medizinstudenten vermittelt, ist das nicht weiter verwunderlich: „Die Studierenden wissen doch heute längst, dass es zum Ausbildungssystem und zur Berufstätigkeit in Deutschland gute Alternativen gibt.“ Und so haben Großbritannien und Skandinavien von der Unzufriedenheit in Deutschland profitiert und viele Ärzte abgeworben. Der Auslandsaufenthalt werde so zu einer Möglichkeit, seine Vorstellungen vom Leben im Ausland im Alltag zu testen, so Arnold.
Was treibt die deutschen Medizinstudenten von ihren Heimatuniversitäten in die Ferne? Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt äußerten sich einige Studenten dazu:
Jörg Fimpeler von der Fachschaft Medizin in Essen beklagt weniger Geringschätzung in der praktischen Ausbildung als vielmehr schlichtes Desinteresse: Für viele hätten angesichts der allgegenwärtigen Hektik Studenten gerade noch gefehlt.
„Im Moment mache ich gerade Famulatur und bin wieder enttäuscht über den Umgang mit den Patienten“, sagte Andrea Rotter. „Am Studium selbst stört mich die Vereinnahmung. Man studiert eben nicht nur Medizin, sondern wird zum Mediziner.“ Rotter beklagt – wie viele andere – den Preis des Studiums: wegbrechende private Beziehungen; sie seien den Belastungen des Studiums und später denen des Berufs nicht gewachsen.
Eine Medizinstudentin aus Erlangen, die ihren Namen nicht nennen möchte, berichtete, dass sich ihr Vater, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, 1990 das Leben genommen habe. „Heilt man andere und zerstört sich am Ende dabei selbst?“ fragt sie sich seither. Sie sei jetzt im 7. Semester. „Da wäre es für mich gerade noch möglich, das Studium abzubrechen und etwas Neues zu beginnen.“
Daniel Lüdeling, Essen, kritisierte: „Die Medizin ist nicht das, für das ich sie gehalten habe. Es geht anscheinend nur noch um Aktensucherei, administrative Aufgaben, Terminkoordination, rechtlich unanfechtbare Untersuchungsabläufe und Betten frei machen oder belegen.“ Für Lüdeling steht fest, dass er den Arztberuf nach dem Studium höchstens halbtags ausüben möchte: „Alles andere macht mich auf Dauer selber krank.“ Dr. med. Daniel Rühmkorf
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