ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Unerwünschte Arzneiwirkung

POLITIK

Unerwünschte Arzneiwirkung

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2116 / B-1762 / C-1666

Böhmeke, Thomas

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Herr Kritisch sitzt mir gegenüber und berichtet völlig aufgelöst über das Drama der vergangenen Nacht. „Der Blutdruck wollte und wollte nicht runter! Dann habe ich sie genommen, die Captopril, dann wurde es zwar besser, aber“, und er beugt sich mit hervortretenden Augen über den Schreibtisch, „diese Nebenwirkungen! Erst der Abfall des Serum-Natriums! Und dann die Alveolitis! Vom erhöhten ANA-Titer ganz zu schweigen! Und alles in einer Nacht! Ich hätte fast den Notarzt gerufen!“
Ich schlage einen Wechsel auf einen Betablocker vor.
„Dann geht es mir erst recht dreckig! Da kriege ich nachts sofort den AV-Block ersten Grades!“
Sie ahnen schon: Herr Kritisch steht den Errungenschaften der modernen Pharmakotherapie äußerst kritisch gegenüber und liest immer erst den Beipackzettel genauestens durch. In meinem Frust rufe ich einen befreundeten Kollegen an. Der meint:
„Du musst das anders machen, nicht die bittere Pille, sondern die nette Tablette verordnen. Also sag nicht: Enalapril, sondern Bio-Enalapril. Oder Metoprolol-Vital!“
Das ist viel zu absurd, das ist doch Etikettenschwindel. Aber in Anbetracht der drohenden hypertensiven Hirnblutung einen Versuch wert.
Und siehe da: Es funktioniert. Mein Patient schluckt jetzt Bio-Enalapril für den Blutdruck, der sich damit gehorsam im Normbereich befindet. Es scheint sich schon etwas Zufriedenheit vor und hinter dem Rezeptblock auszubreiten, da steht Herr Kritisch bereits wieder vor mir. Mit vorwurfsvoller Miene wirft er den Beipackzettel auf den Tisch: „Das ist ja gar kein Bio! Da sind ja Nebenwirkungen drin!“
Ertappt. Ich laufe rot an.
Mit staksiger Stimme versuche ich ihm klarzumachen, dass Digitalis, Maiglöckchen und Co. bereits Tausende dahingerafft haben. Und Mutterkorn und Tollkirsche dem Wahnsinn einen Namen gegeben haben.
„Das müssen Sie aber zurücknehmen!“
Verzweifelt versuche ich zu erklären, dass es in unserer Botanik keinen derart hochkarätigen Blutdrucksenker gibt.
„Das meine ich doch gar nicht! Das Medikament, das ist prima, das will ich behalten. Den Beipackzettel, den müssen Sie zurücknehmen!“ Dr. med. Thomas Böhmeke
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