ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Gesundheitsrisiken in der Arbeits- und Umwelt: Interdisziplinäre Bewältigungsstrategien erforderlich

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Gesundheitsrisiken in der Arbeits- und Umwelt: Interdisziplinäre Bewältigungsstrategien erforderlich

Baur, Xaver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Arbeits- und Umweltmedizin beschäftigen sich mit den verschiedenen exogenen gesundheitsgefährdenden Belastungen und den daraus resultierenden Beanspruchungen und Erkrankungen des Menschen. Der rasche technologische und gesellschaftliche Wandel schaffen immer neue Bedingungen und Fragestellungen. Infolgedessen müssen heute ein umfassenderes Gesundheitsverständnis sowie neben den körperlichen auch die psychischen und sozialen Dimensionen von Gesundheit sowie verfeinerte Krankheitsbegriffe berücksichtigt werden. Die Verifizierung von Belastung und Beanspruchung erfolgt mit einer fortlaufend aktualisierten Feinanalytik und -diagnostik, mit angewandter und grundlagenorientierter Forschung, sozialwissenschaftlichen Verfahren, Risikoanalysen und probalistischen Abschätzungen des Eintritts von Gesundheitsstörungen.

Einer belgischen Studie zufolge spielen in mehr als zehn Prozent der internistisch-stationären Krankenhausaufnahmen berufliche Faktoren eine ursächliche Rolle (5). In der Bundesrepublik Deutschland ereigneten sich im Zuständigkeitsbereich der gewerblichen Berufsgenossenschaften 1995 mehr als 1,6 Millionen Unfälle, 78 348mal wurde eine Berufskrankheit angezeigt und 28 096mal ein entsprechender Verdacht bestätigt. Unter letzteren Fällen befanden sich 6 724, bei denen eine rentenberechtigte Minderung der Erwerbsfähigkeit neu festgestellt wurde. Die Ausgaben der gewerblichen Berufsgenossenschaften für Heilbehandlung, Berufshilfe, Renten, Beihilfen, Abfindungen, Erstattungen, Sterbegeld und Entschädigung von Berufskrankheiten beliefen sich im selben Jahr auf 15 Milliarden DM (Geschäfts- und Rechenschaftsbericht der gewerblichen Berufsgenossenschaften 1995).
Berufskrankheiten – in Paragraph 551 der Reichversicherungsordnung (RVO) und in Paragraph 9 des kürzlich verabschiedeten Sozialgesetzbuches VII definiert und im Anhang 1 der Berufskrankenverordnung konkretisiert – stellen eine Teilmenge arbeitsbedingter Erkrankungen und Beschwerdebilder dar. Unter die arbeitsbedingten Erkrankungen fallen auch weniger schwere Krankheiten und eine Vielzahl multikausaler Gesundheitsstörungen. Da diese aber nicht näher definiert und abgegrenzt sind und keine verläßlichen epidemiologisch-statistischen Erhebungen vorliegen, gibt es bezüglich ihres Umfangs bisher keine validen Angaben. Jeiter (1995) geht davon aus, daß rund 30 Prozent der etwa 628 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr arbeitsbedingt sind.
Auch Gesundheitsstörungen, die durch allgemeine Umweltbelastungen wie Schwebstäube, Ozon, NOx, saure Aerosole (mit)verursacht werden, lassen sich derzeit nicht zuverlässig von anderen Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen abgrenzen und somit auch nicht quantifizieren.
Nach der Studie "Krankenkosten und Luftverschmutzung" (9) belaufen sich die Mehrkosten für die diesbezüglichen Atemwegserkrankungen auf rund 2,6 Milliarden DM und für Herz-Kreislaufkrankheiten auf 2,8 Milliarden DM. In der Einzelstudie "Kosten des Lärms in der Bundesrepublik Deutschland" werden die auf Straßen- und nur zu einem geringeren Teil auf Fluglärm zurückzuführenden Kosten für Herz-Kreislaufkrankheiten auf 1,1 bis 3,8 Milliarden DM beziffert (Antwort der Bundesregierung zu "Externe Gesundheitskosten durch Umweltbelastungen", Drucksache 12/7606 (19. Mai 1994).
Eine nicht erkannte Ätiopathogenese bedeutet eine verpaßte Chance, im Einzelfall frühzeitig erfolgversprechend zu intervenieren. Jede derartige Krankheit ist aber auch ein Indikator unzureichender Präventionsmaßnahmen für andere derzeitig oder zukünftig Exponierte und Gefährdete. Die oben genannten Daten zeigen auf, daß Nicht-Erkennen und Nicht-Beseitigen der Gefahrenquellen volkswirtschaftliche Produktionsausfälle und oft erhebliche finanzielle Belastungen der Sozialversicherungsträger zur Folge haben.
Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang ein heute zunehmend in den Mittelpunkt rückendes umfassenderes Gesundheitsverständnis, das sich mit dem Stichwort "psychosoziales Wohlbefinden" umschreiben läßt. Dieses wird vor allem am Arbeitsplatz erwartet (vergleiche auch Zielvorgabe der OttawaCharta der WHO hinsichtlich sicherer, anregender, befriedigender und angenehmer mitbestimmbarer Arbeitsbedingungen).
Aktuelle Beispiele belegen die Schwierigkeiten, die zur Diskussion stehenden Gesundheitsstörungen zu erfassen. Außerdem sollen im folgenden wesentliche Instrumentarien und Verfahren der Diagnostik und Ursachenforschung auf verschiedenen Fachgebieten dargestellt werden. Schließlich wird darauf verwiesen, daß das Erkennen der gesundheitsgefährdenden Belastungen und der Beanspruchungsparameter die Entwicklung effektiver kausalorientierter Gegenstrategien, einschließlich von Gesundheitsförderprogrammen und einem sozial gerechten und ausgewogenen administrativen Handeln, zur Folge haben muß.


Beispiele aktueller Gesundheitsrisiken
In Tabelle 1 sind Gesundheitsrisiken in der Arbeits- und Umwelt sowie damit zusammenhängende offene Fragen aufgelistet. Im Vordergrund stehen die Auswirkungen der technologischen Entwicklung, nämlich krebserzeugende, fruchtschädigende, irritativ, toxisch oder allergisierend wirkende Stoffe, die ein erhebliches Gefährdungspotential darstellen (1, 2, 3, 6, 12, 14, 20, 21). Dabei gilt es, die bislang vorherrschende monokausale Betrachtungsweise (zum Beispiel asbestassoziierte Lungen- und Pleurakrankheiten) zugunsten einer komplexeren wirklichkeitsnäheren Sichtweise zu verlassen oder zu modifizieren. Außerdem müssen Synergie-Effekte sowohl aus der Arbeits- und Umwelt als auch aus dem privaten Bereich berücksichtigt werden. Ferner sind in jüngster Zeit zahlreiche Krankheitsbegriffe verfeinert worden, was die Berücksichtigung der Ergebnisse neuer sensitiver klinischer Untersuchungsverfahren erfordert, zum Beispiel Früherkennung neurologischer Störungen und psychomentaler Beeinträchtigungen. Hierzu zählen auch früher wenig beachtete Funktionseinschränkungen und Symptomenkomplexe wie Bronchitis, muskuloskelettale Beschwerden, Befindlichkeitsstörungen und psychosoziale Problemkonstellationen.


Schwierigkeiten in Erfassung, Interpretation und Bewertung
Die Bearbeitung der oben angeführten Beispiele und Fragestellungen (Tabelle 1) zeigt, daß die zu untersuchenden Gesundheitsstörungen durch folgende Schwierigkeiten gekennzeichnet sind, die zum Teil über die Arbeits- und Umweltmedizin hinausgehen:
! Ausgeprägte Überhäufigkeiten fehlen.
Grafik 1 zeigt den Rückgang der relativen Mortalitätsraten während der Smogphasen in Großstädten.
Die standardisierten Mortalitätsraten für Bronchialkarzinome unter Quarzstaub-Exponierten beziehungsweise Silikotikern bewegen sich im Bereich zwischen 0,9 und 4. Hier sowie bei einer Reihe weiterer Diagnosen ist die Abgrenzung von nichtberuflichen klinisch gleichartigen Krankheiten sehr schwierig.
! Unspezifische Befunde und Multikausalität im Einzelfall:
a) Obstruktive Atemwegserkrankungen, bei denen Sensibilisierungen gegen Allergene des Arbeitsplatzes, häuslichen Milieus, die allgemeine Umwelt, ferner Infekte und exzessives Inhalationsrauchen eine Rolle spielen können.
b) Wirbelsäulenschäden, die durch arbeitsbedingte Überbelastung, Zwangshaltung, statische und muskuläre Fehlbeanspruchung oder aber durch primär degenerative, entzündliche Prozesse und möglicherweise auch durch Bewegungsmangel hervorgerufen werden (12). Auf Schwierigkeiten der Abgrenzung und Mißverständnisse weist eine gewaltige Kluft zwischen den Erwartungen (rund 50 000 Berufskrankheits- [BK-]Anzeigen hinsichtlich der neuen BK-Nummern 2108–2110) und den entsprechenden BK-Anerkennungen (bisher etwa 600) hin.
c) Lärmbedingte Gesundheitsstörungen (6, 14), die auf Einwirkungen sowohl in der Freizeit als auch am Arbeitsplatz zurückgehen können.
d) Kombinationsbelastungen wie Lärm plus Ganzkörpervibrationen.
! Große biologische Streubreite der Meß(Ziel)-Größen.
Dies trifft vor allem auf viele Laborparameter zu. So ist nach den Ergebnissen der SAPALDIA-Studie eine von der Schwebstaub-Konzentration (PM10) abhängige Verschlechterung der forcierten Vitalkapazität festzustellen, die maximal im Bereich von 5 Prozent des Absolutwertes liegt (1). Im Vergleich dazu ist die biologische Streuung dieses Lungenfunktionsparameters (95 Prozent Vertrauensbereich) in der Normalbevölkerung mehr als fünfmal so groß; das heißt, die einmalige Betrachtung derartiger Meßwerte in bezug auf sogenannte Normalbereiche läßt erst langfristig bedeutsam werdende Einflußgrößen kaum erkennen (Grafik 2).
! Schwierige meßtechnische/naturwissenschaftliche Erfaßbarkeit und Prognoseabschätzung: zum Beispiel lösemittelbedingte Enzephalopathie im Frühstadium; hier fehlen spezifische und eindeutig pathologische Befunde.
! Schwierigkeiten bei der Erfassung, Nutzung, Zusammenführung und wissenschaftlichen Auswertung von Belastungsdaten und Beanspruchungsparametern:
Entsprechende Daten wurden zwar zum Teil über Jahrzehnte gesammelt (zum Beispiel bei der Überprüfung der Einhaltung von MAK- und TRK-Werten und bei arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen), oft ist die bisherige Befunddokumentation aber für neue Fragestellungen nicht ausreichend (zum Beispiel bei den Routinedaten der Krankenkassen und bei der Berufskrankheiten-Dokumentation). Hier gilt es, aktualisierte und geeignete Datenerfassungsprogramme zu entwickeln. Dabei sind auch Hemmnisse zu beseitigen (unter anderem Ausräumung von Vorbehalten hinsichtlich der Datenerhebung und -einsicht, Vermeidung einer Pervertierung von Datenschutzbestimmungen) und grundsätzlich vorliegende wesentliche Informationen sowie Krebs-Diagnosen zusammenzuführen (Krebsregister fehlen bisher weitgehend).
! Abgrenzungsprobleme hinsichtlich Gefährdungen im privaten Bereich, zum Beispiel durch Rauchen, Alkohol, Suchtmittel, Sport, Tourismus.
Die Kenntnis der genannten diagnostischen Probleme und Grenzen ist zusammen mit der detaillierten klinischen Befundung und neuen Forschungsergebnissen Voraussetzung für die richtige Beurteilung und Erarbeitung erfolgversprechender ganzheitlicher Präventionskonzepte.


Verfahren der Arbeits- und Umweltmedizin
Zur Aufdeckung von Risikokonstellationen und zur Früherkennung von Gesundheitsstörungen bedient sich die Arbeits- und Umweltmedizin sensitiver Verfahren, um die vielfältigen Belastungen (unter anderem zahlreiche Gefahrstoffanalysen) und Beanspruchungsparameter zu erfassen. Sie setzt eine klinische Feindiagnostik ein, die sie teils selbst, teils zusammen mit anderen Fachdisziplinen entwickelt und durchführt. Dabei steht die Verlaufsbeobachtung morphologischer und funktioneller Organbefunde im Vordergrund, die zum Teil in regelmäßig durchzuführenden Vorsorgeuntersuchungen von Risikokollektiven zu erheben sind, zum Beispiel neurologischer Status und Urinanalysen bei Arbeiten mit aromatischen Lösemitteln, Blut- und Urinzytologisches Biomonitoring von Arbeitnehmern mit Kontakt zu aromatischen Aminen, Audiometrie (gegebenenfalls erweitert durch die Hochtonaudiometrie) von Lärmexponierten, Rhinoskopie nach inhalativer Belastung mit Nickel oder Staub von Harthölzern, Lungenfunktionsprüfung bei Einwirkung quarz- und asbesthaltiger Stäube. So kann man auch unter den heute üblichen Expositionsbedingungen zum Beispiel eine noxenbedingte Lungenfunktionseinschränkung durch die intraindividuelle Verlaufsbeobachtung erfassen (Grafik 2). Dies ist durch den Bezug auf Sollwerte der Literatur kaum möglich. Prinzipielle Voraussetzung für die Feindiagnostik ist ein hoher Stand qualitätssichernder Maßnahmen.
Die grundlagenorientierte und angewandte Forschung deckt Ursachen, Pathomechanismen und Zusammenhänge auf (22). Die Forschung findet zusammen mit der Lehre und Fortbildung vor allem an den entsprechenden Lehrstühlen der Universitäten statt, zum Teil auch bei den Berufsgenossenschaften, der Industrie und anderen Einrichtungen. Forschungsmittel stammen auch vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, von anderen Ministerien, der Europäischen Union und mehreren Stiftungen. Der Textkasten "Staatliche Förderprogramme und -konzeptionen" enthält eine Übersicht derzeitiger umweltmedizinischer Forschungsschwerpunkte und -programme staatlicher Stellen.
Die Beantwortung einer Vielzahl arbeits- und umweltmedizinischer Fragestellungen erfordert ausgereifte epidemiologische Studien mit detaillierten Langzeitbeobachtungen der Zielgrößen in geeigneten Untersuchungs- und Kontrollkollektiven. Hier gilt es, Verzerrungen der Statistiken (Bias) möglichst klein zu halten (das heißt, durch ein optimiertes Studiendesign systematische Fehler, wie den Healthy-worker-Effekt, weitgehend auszuräumen) und dabei nicht eliminierbare Störgrößen (Confounder, zum Beispiel Rauchen) genau zu kontrollieren. Insbesondere retrospektive Studien sind aufgrund der Datenschutzbestimmungen nur mit größerem personellen und finanziellen Aufwand als im Ausland durchführbar. Gerade im Bereich der betrieblichen Epidemiologie bedarf es noch erheblicher Anstrengungen, um den Standard anderer Länder in der Analyse spezieller Risikofaktoren und -konstellationen zu erreichen.
Die Sozialwissenschaften komplementieren unter anderem mit epidemiologischen und statistischen Methoden den naturwissenschaftlich-technischen Ansatz zur frühzeitigen Erkennung neuer arbeitsassoziierter Risikofaktoren im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Dabei ist die Einbeziehung heuristisch-pragmatischer Annahmen (Konventionen) für die qualitative und quantitative Abschätzung adverser gesundheitlicher Wirkungen notwendig (Textkasten "Teilschnitte der Risikoabschätzung"). Auch wenn so nur eine Approximation an die Wirklichkeit zu erzielen ist, ermöglicht dieses Vorgehen eine integrative Betrachtung von Risikokonstellationen und eine vergleichende Risikobewertung. Es schafft damit wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklung von Präventivkonzepten. Dazu zählen auch psychosoziale Problemakkumulationen im Arbeitsleben wie Unsicherheiten des Arbeitsplatzes für ältere Menschen, Über- und Unterforderungen, Leistungsdruck, Rollenkonflikte, Führungsprobleme, Fehlen von Transparenz und Gestaltungsmöglichkeit der Arbeit (4, 7, 8, 11, 19, 18).


Umsetzung der Forschungsergebnisse
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat sich gezeigt, daß die technologische und auch die sich zunehmend etablierende Dienstleistungsgesellschaft nach Erkennen von Fehlentwicklungen korrekturfähig sind. Sie entwickeln sensible Taktiken zum Schutz vor katastrophalen Konsequenzen von Fehlern. Die pessimistische Einschätzung von absoluter Uneinsichtigkeit und selbstzerstörerischer Eigendynamik, wie sie Albert Schweitzer, der französische Soziologe Jaques Ellul und der Gesellschaftskritiker Lewis Mumford äußerten, erweisen sich, zumindest bisher, als unrichtig, auch wenn bedrohliche, von Menschen geschaffene Gefährdungen, die sich unter anderem aus der Übervölkerung, dem Ozonloch in der Stratosphäre und dem CO2-Anstieg ergeben, noch nicht beherrscht sind.
Bisherige Public-Health-Konzepte sind oft vorrangig an Symptomen/Auswirkungen orientiert und tragen wenig zum Erkennen von Kausalitäten bei.
Die Umsetzung der Forschungsergebnisse in langfristig erfolgreiche Strategien setzt effiziente Informationsstrukturen und einen interdisziplinären Dialog zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Gesetzgeber mit fortlaufendem Wissenstranfer voraus. Die Erarbeitung und Realisierung erfolgversprechender Präventionskonzepte involvieren weitere Disziplinen wie Demographie, Soziologie, Ökonomie, aber auch herstellende Industrie, Anwender, Sozialpartner, Sozialversicherungsträger, staatliche Einrichtungen und nicht zuletzt den informierten mündigen Arbeitnehmer und Bürger. Sie sind nur auf der Basis sozialer Ausgeglichenheit und eines politischen Konsenses möglich (15, 16, 18).
Beispiele aus jüngster Zeit für die präventive Umsetzung von neuen arbeits- und umweltmedizinischen Erkenntnissen sind die wesentliche Verbesserung des Lärmschutzes anhand des Bundesimmissionsschutzgesetzes (Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigung, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge) und der Technischen Anleitung zum Schutz gegen "Lärm" (TA Lärm) sowie die VDI-Vorschrift 2058, Bl. 1: "Beurteilung von Arbeitslärm in der Nachbarschaft" im Bereich des Anliegerlärmschutzes, im Bereich des arbeitsbedingten Lärms die Gewerbeordnung und die Arbeitsstättenverordnung sowie die Unfallverhütungsvorschrift "Lärm" (UVV Lärm) zusammen mit den VDI-Vorschriften 2058, Bl. 2 und Bl. 3 ("Beurteilung von Arbeitslärm am Arbeitsplatz hinsichtlich Gehörschäden"; "Beurteilung von Lärm am Arbeitsplatz unter Berücksichtigung unterschiedlicher Tätigkeiten"). Auch hinsichtlich des Gefahrstoffgehaltes in der Luft sind diverse Vorschriften ergangen. Die TA Luft (Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft, eine allgemeine Verwaltungsvorschrift auf der Grundlage des Bundes-Immissionsschutzgesetzes) sowie die Verbrennungsanlagen-Verordnung führten zu einer entscheidenden Minderung der Luftbelastung.
Im Bereich der durch den Personenkraftverkehr verursachten Schadstoffausstöße kam es durch die Begrenzung des Benzin-Blei-Gehaltes auf sukzessive Obergrenzen zu einer spürbaren Reduzierung der Bleibelastung der Ökosphäre. Durch die Einführung der Katalysator-Technik, die bleifreie Ottokraftstoffe verlangt, wurde die Reduktion des organischen Schadstoffeintrags erreicht. An Arbeitsplätzen hatten das Chemikalien-Gesetz (Gesetz zum Schutz vor gefährlichen Stoffen) und die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) mit den zugehörigen technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) eine deutliche Verbesserung der Arbeitshygiene zur Folge. Mit der Chemikalienverbotsverordnung wurden Anwendungsverbote für bestimmte, besonders gefährliche Stoffe erlassen, unter anderem für Asbest, Benzol, Tetrachlorkohlenstoff. Anwendungsbeschränkungen hinsichtlich stark sensibilisierend wirkender Noxen, etwa Glyzerylmonothioglykolat als Bestandteil der sauren Dauerwelle, erwiesen sich als sehr wirksam. Weitere Verbesserungen wurden durch neue Technologien oder Zubereitungsformen von Gefahrstoffen erzielt, die weniger gesundheitsgefährdend sind (zum Beispiel Automatisierung sehr belastender oder unfallträchtiger Arbeitsabläufe, Umstellung auf pastenförmige Blondiermittel im Friseurgewerbe, Verwendung granulierter anstelle von pulverförmigen Backmittelenzymen (3), Gebrauch allergenarmer und allergenfreier Naturlatex-Produkte, nachdem hier die Charakterisierung ursächlicher Allergene gelungen ist).
Das Erkennen der Ursachen von Morbidität und Mortalität in komplexen arbeits- und umweltbedingten Risikokonstellationen ermöglicht es, mit umfassenden Public-Health-Konzepten pathogene Belastungen zu senken und salutogene Ressourcen zu fördern. Dazu gehört die Entwicklung von Gegenstrategien mit gezielten Gesundheitsförderprogrammen. Public Health geht dabei wesentlich über die Begriffe öffentliches Gesundheitswesen und Hygiene hinaus und involviert auch alle anderen bevölkerungsbezogenen staatlichen, institutionellen und privaten gesundheitssschützenden und -fördernden Aktivitäten in der Gesellschaft. Dabei werden in einem ganzheitlichen Ansatz gesellschaftliche Entwicklungen, Lebensgewohnheiten, Technik, Arbeitsorganisation, -Gestaltbarkeit und -Qualifizierung sowie Umwelt- und Arbeits-UmweltGesundheitsschutz aufeinander bezogen, weil sie sich gegenseitig beeinflussen. Auf dieser Basis entwickeln sich in der Arbeits- und Betriebsorganisation und im Produktions- und Dienstleistungsmanagement neue effektivere Strukturen und Funktionen, die auf Kooperation und einer breiteren kompetenten Beteiligung in Entscheidungsprozessen beruhen. Auf diese Weise werden Produktivität und Qualität der geleisteten Arbeit gesteigert (unter anderem durch erhöhte Motivation und Kreativität, Konfliktabbau, vermehrte Identifizierung mit der Tätigkeit und dem Betrieb, Rückgang des Krankenstandes), was zu einem positiven, werbewirksamen Unternehmensimage führt.
In diesem Zusammenhang steht auch die Erweiterung des traditionellen Arbeitsschutzes. Durch Implementierung geeigneter, auch betrieblicher Gesund­heits­förder­ungskonzepte mit Verhältnisprävention, Verhaltensprävention, Entwicklung und Stärkung der individuellen Ressourcen und Handlungskompetenzen, aktiver verantwortungsbewußter Beteiligung der Mitarbeiter werden letztlich gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen in körperlicher, psychischer und sozialer Hinsicht geschaffen.
Die Ergebnisse der arbeits- und umweltmedizinischen Forschung und die verbesserten Möglichkeiten der Gefährdungsanalyse müssen verstärkt einfließen in administratives Handeln, in die Weiterentwicklung und Verbesserung von Rechtsvorschriften und Sozialgesetzgebung. Dies trifft sowohl für den nationalen Rahmen als auch für die nun konkreter werdenden Vorgaben der Europäischen Gemeinschaft (Rahmenrichtlinien) zu.
Hierbei sind auch grundlegende Aspekte der Risikobetrachtung, -abschätzung (Textkasten "Teilschnitte der Risikoabschätzung") und -bewertung (Tabelle 2) zu berücksichtigen. So gilt es, Prioritäten zu setzen. Dabei geht es auch um die Festlegung der Nicht-Handlungsgrenze, also um die Standortbestimmung zwischen Risikoakzeptanz und Risikoaversion unter Abwägung der Kosten-Nutzen (= Risiko-Minimierung)-Relation und die Berücksichtigung des Gesetzes des abnehmenden Grenznutzens (Grafik 3). Der gefundene Standort steht in Anbetracht neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, der öffentlichen Diskussion und massenpsychologischer Einflüsse ständig zur Disposition. Dies wird insbesondere deutlich an den Themen "toxische Substanzen in der Um- und Arbeitswelt", "Kernenergie", "Gentoxikologie", "Ozonschicht" und "Auswirkungen von Informationstechnologien".
Neben den Kosten-Nutzen-Aspekten kommen hier moralisch-ethische Dimensionen, das "Menschenbild" einer Gesellschaft sowie (gesellschafts-)politische Einflüsse zum Tragen (Verwirklichung sowohl von Human- als auch Wirklichkeitszielen; konkrete Frage: wieviel sind über den volkswirtschaftlichen Nutzen hinaus die Erhaltung von Gesundheit und ein verhinderter vorzeitiger Tod wert?).
Überlegungen dieser Art finden Eingang in
L die Diskussion um risikobasierte Grenzwerte, Einstufung von Arbeitsstoffen, unter anderem in der Gefahrstoff-Verordnung, TRK-Werte-Liste und die damit verbundene Festlegung von sicherheitstechnischen, organisatorischen und persönlichen Schutzmaßnahmen, Erlaß von Umgangsvorschriften mit Berücksichtigung synergetischer Wirkungen in komplexen Belastungen, L Entwicklung und Einsatz von Biomonitoring, um über die Hintergrundbelastung hinausgehende Belastungen zu erfassen und als Warnhinweise zu begreifen, Weiterentwicklung und Etablierung von Standards für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen und deren Aktualisierung (Beispiel: derzeitige Konkretisierung eines Berufsgenossenschafts-Grundsatzes "Keramikfasern"),
L Festlegung in bezug auf die Kompensation von arbeitsbedingten Gesundheitsschäden,
L Entwicklungen des Berufskrankheiten-Rechts (unter anderem Berufskrankheiten-Neuaufnahmen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, zum Beispiel der "Polyneurophatie oder Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische" in die Berufskrankheitenliste, Verifizierung bestehender Berufskrankheiten unter Beachtung ihrer Multikausalität, etwa bei Tumoren nach Einwirkung mehrerer Noxen mit gleicher Organotropie),
L Festlegung von Grenzwerten/Qualitätskriterien für Luft, Wasser, Boden, technische Produkte, Nahrungsmittel,
L Regularien bezüglich Produkthaftung.
Die Umsetzung der Ergebnisse arbeits- und umweltmedizinischer Ursachenforschung trägt – wie die auf neuen wissenschaftlichen Daten basierende Festlegung der Berufskrankheit "chronisch obstruktive Bronchitis oder Emphysem von Bergleuten im Steinkohlenbergbau" belegt – dazu bei, auf Wissensdefiziten und Mißverständnissen beruhende Unsicherheiten und gesellschaftliche Konfliktsituationen zu minimieren beziehungsweise zu beseitigen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2949–2955
[Heft 45]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über den Verfasser.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Xaver Baur
Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin
Institut an der Ruhr-Universität
Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum

1.Ackermann-Liebrich U: Air pollution epidemiology. International union against tuberculosis and lung disease. Global Congress on Lung Health, Mainz, 14.-17. Juni 1994
2.Baur X: Umwelt und Lunge. Dt Ärztebl 1996; 93: 244-248 [Heft 5]
3.Baur X, Chen Z, Sander I: Isolation and denomination of an important allergen in baking additives: a-amylase from Aspergillus oryzae (Asp o II). Clin Exp Allergy 1994; 24: 456-470
4.Fruhmann G, Rohrer B: Arbeitsmedizinische Aspekte bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer in den nächsten Jahrzehnten. ZbI Arbeitsmed 1994; 44: 302-308
5.Geschäfts- und Rechnungsergebnisse der gewerblichen Berufsgenossenschaften 1994. Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, St. Augustin 1995
6.Griefan B: Lärmwirkung und Hypertonie. Zeitschrift Lärmbekämpfung 1994; 41: 31-36
7.Gulian E, Matthews G, Glendon AI, Davies DR, Debney LM: Dimensions of driver stress. Ergonomics 1989; 32: 585-602
8.Hartley LR, Hassani JE: Stress, violations and accidents. Egonomics 1994; 25: 221-230
9.Klaaßen-Mielke H: Krankheitskosten und Luftverschmutzung. Heidelberg, 1990
10.Jeiter W: Beurteilung der Risiken bei der Arbeit. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz. Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft, Bremerhaven, 1995; 1-8
11.Knauth P: Arbeitsmedizinische Aspekte der Arbeitszeitorganisationsformen. Verh Dtsch Ges Arbeitsmed, Gentner-Verlag Stuttgart 1992; 53-71
12.Krämer J, Brandenburg S: Anerkennung von Wirbelsäulenschäden als Berufskrankheit. Dt Ärztebl 1995; 92: 2481-2492
13.Leiss W: A typology of risk managment issues. Risk Abstracts 1990; 7: 1-8
14.Lercher P, Hörtnagl J, Kofler W: Work noise annoyance and blood pressure: Comined effects with stressful working conditions. Int Arch Occup Environ Health 1993; 65: 23-28
15.Neus H, Sagunski H, Kappos A, Schümann M: Zur administrativen Umsetzung von Risikoabschätzungen - Ziele, Rahmenbedingungen und Entwicklungsbedarf (Teil 1). Bundesgesundhbl 7/95a; 258-264
16.Neus H, Sagunski H, Kappos A, Schümann M: Zur administrativen Umsetzung von Risikoabschätzungen - Ziele, Rahmenbedingungen und Entwicklungsbedarf (Teil I1). Bundesgesundhbl 8/95b; 304-309
17.Plinske W, Francks HP, Drexel G, Butz M: Dokumentation des Berufskrankheiten-Geschehens in der Bundesrepublik Deutschland 1993. Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, St. Augustin 1995; 147-152
18.Rosenbrock R: Gesundheit und Arbeit - Bedingungen und Chancen der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung. In: Arbeit gesund machen - Forum zu neuen Konzepten der Gesund­heits­förder­ung in Betrieb und Verwaltung, 13.-14. 10. 1994, Hamburg. Geschäftsstelle der Gesund­heits­förder­ungskonferenz, Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Hamburg, 1994
19.Rowe WD: Ansätze und Methoden der Risikoforschung. In: Krohn W, Krücken G (Hrsg): Riskante Technologien: Reflexion und Regulation: Einführung in die sozialwissenschaftliche Risikoforschung. Suhrkamp 1993; 1: 45-78
20.Schwartz J: Air pollution and daily mortality: A review and metaanalysis. Environ Research 1994; 64: 36-52
21.Schwartz J: What are people dying of on high air pollution days? Environ Research 1994; 64: 26-35
22.Valentin H, Zober A: Über den permanenten Dialog zwischen Politik und Wissenschaft in der Arbeitsmedizin. Verh Dtsch Ges Arbeitsmed, Gentner-Verlag Stuttgart 1982; 131-142

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote