ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Bevölkerungsstudie : Weit mehr unentdeckte Diabetiker als angenommen

POLITIK: Medizinreport

Bevölkerungsstudie : Weit mehr unentdeckte Diabetiker als angenommen

Vetter, Christine

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LNSLNS Ein „erschütterndes“ Resultat liefert die erste Bevölkerungsstudie zur Häufigkeit des unentdeckten Typ-2-Diabetes in Deutschland: Demnach weisen 8,2 Prozent der 55- bis 74-Jährigen eine diabetische Stoffwechsellage auf, ohne dass diese diagnostiziert worden wäre. Bislang ging man davon aus, dass auf zwei manifeste Diabetiker ein unerkannter Fall kommt. „Doch die Häufigkeit des unentdeckten Diabetes ist in der gewählten Altersgruppe ebenso hoch wie diejenige eines manifesten Typ-2-Diabetes“, kommentiert Dr. Wolfgang Rathmann (Düsseldorf) die aktuellen Ergebnisse des KORA Survey 2000 (Cooperative Health Research in the Region of Augsburg).
Hierbei wurde in der Zeit von Oktober 1999 bis April 2001 eine repräsentative Stichprobe von 1 300 Einwohnern im Alter von 55 bis 74 Jahren im Raum Augsburg auf einen Typ-2-Diabetes untersucht. Das Screening der – zufällig über die Einwohnermeldeämter – ausgewählten Personen umfasste neben dem oralen Glucosetoleranztest die Bestimmung von Größe und Gewicht sowie der allgemeinen Risikofaktoren.
Die hohe Rate unentdeckter Diabetiker überraschte die Untersucher: Obwohl die Daten nicht auf ganz Deutschland zu extrapolieren sind, sei doch davon auszugehen, dass bei den 55- bis 74-Jährigen rund 17 Prozent einen manifesten Diabetes mellitus aufweisen. „Im Vergleich zu anderen europäischen Studien scheint die Diabeteshäufigkeit damit in Deutschland zu den höchsten in Europa zu zählen“, sagte Rathmann.
Besonders bedenklich sei es, dass bei den unentdeckten Diabetikern Hypertonie und Dyslipoproteinämie ebenso häufig anzutreffen sind wie bei manifesten Diabetikern, sodass ein ähnlich hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall bestehe. Problematisch sei ferner die hohe Rate an Personen mit oraler Glucosetoleranzstörung, die Rathmann mit 16 Prozent schätzte. Nach derzeitiger Kenntnis werden pro Jahr sechs Prozent der Betroffenen einen Typ-2-Diabetes entwickeln, sofern dem nicht durch intensive präventive Maßnahmen entgegengewirkt wird.
„In Deutschland vergehen im Mittel fünf bis acht Jahre, ehe eine manifeste diabetische Stoffwechsellage als Diabetes diagnostiziert wird. Dann aber haben bereits 25 Prozent der Patienten Folgeschäden entwickelt“, betonte Prof. Werner Scherbaum (Düsseldorf). Zusammen mit Prof. Peter Bottermann (München), als Vertreter der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, fordert Scherbaum konsequentere Bemühungen um die Früherkennung des Diabetes. Die Wissenschaftler sprachen sich jedoch nicht für ein bevölkerungsweites Diabetes-Screening aus. Effektiver sei die Erkennungsrate, wenn konsequent bei Personen mit entsprechenden Risikofaktoren – wie Adipositas, Hypertonie, Hyperlipidämie und/oder einer familiären Belastung – gezielt der Nüchternblutzucker untersucht werde. Bei Auffälligkeiten ist nach Meinung von Bottermann ein oraler Glucosetoleranztest indiziert. Christine Vetter

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