ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Legasthenie – Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf und Behandlung: Neue Entwicklungen unberücksichtigt

MEDIZIN: Diskussion

Legasthenie – Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf und Behandlung: Neue Entwicklungen unberücksichtigt

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2167

Fischer, Burkhart

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LNSLNS In dem Beitrag zur Legasthenie von Schulte-Körne und Remschmidt wird behauptet, „die Wirksamkeit der Förderung basaler Wahrnehmungsfunktionen“ sei bisher nicht belegt. Im Textkasten 4 wird aber ein „Wahrnehmungstraining nichtsprachlicher akustischer Reize“, ein „Training von Blickbewegungen“ und eine „Training von visuellen Mustern“ empfohlen. Im Text nehmen die Autoren einen gegensätzlichen Standpunkt ein.
Sie haben allerdings die neuere Entwicklung auf dem Gebiet der Wahrnehmungs- und Blickfunktionen bei Legasthenie nicht berücksichtigt, obwohl die Ergebnisse teils bereits publiziert sind und teils beim letztjährigen Legasthenie-Kongress in Freiburg als Po-
ster dargestellt und auch mündlich vorgetragen wurden.
Entwicklungsdefizite in fünf Bereichen der sprachfreien auditiven Differenzierung sind anhand der Daten von hunderten von Legasthenikern nachgewiesen und ein symptomspezifisches, adaptives und kontrolliertes Hörtraining verringert die Wahrnehmungsfehler beim Schreiben nach Diktat signifikant, die Regelfehler dagegen nicht (Legasthenie-Kongress, Freiburg, 2002).
Die Überprüfung der Frontalhirnkomponente bei der Sakkadensteuerung ergab, dass die Bewegungen der Augen im Allgemeinen normal sind, aber die Frontalhirnkontrolle über die Sakkaden nicht altersgerecht arbeitet. Bei Legasthenie wächst die Auffälligkeitsquote im entsprechenden Antisakkaden-Test mit dem Alter von 25 auf
60 Prozent (Biscaldi et al., 2000). Dies ist das erste Mal, dass ganz spezifische und systematische Auffälligkeiten in der Blicksteuerung von Legasthenikern gefunden wurden, die auch erklären, warum frühere Untersuchungen zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen (Pavlidis, 1981; Olson et al., 1983).
Ein symptomspezifisches, adaptives und kontrolliertes Blicktraining unter Benutzung des dynamischen Sehens funktioniert in etwa 85 Prozent der Fälle (Fischer und Hartnegg, 2000) und bietet den blicktrainierten Kindern einen signifikanten Vorteil beim Erlernen des Lesens im Vergleich zu untrainierten (Poster beim Legasthenie-Kongress, Freiburg, 2002).
Diese Ergebnisse werden dadurch unterstützt, dass bei Legasthenie Defizite im so genannten magnozellulären System gefunden werden (Galaburda, 1993; Stein und Walsh, 1997; Demp et al., 1998), die sich auch mit bildgebenden Verfahren darstellen lassen (Eden et al., 1998). Die kortikalen Strukturen, die in die Sakkadensteuerung eingreifen, der parietale und frontale Cortex, erhalten ihre visuellen Signale aus dem magnozellulären System (Mishkin et al., 1983). Die Zellen des magnozellulären Systems zeichnen sich durch transiente Reaktionen auf visuelle Reize aus. In diesem System sind mit psychophysischen Methoden Defizite bei Legasthenie gefunden worden (Breitmeyer, 1993).
Landesweit herrscht ein großer Informationsbedarf bezüglich der Wahrnehmungs- und Blickfunktionen bei Schulproblemen. Es ist jetzt klar, dass eine unzuverlässige Sinnesverarbeitung den Erwerb der Schriftsprache behindern kann und eine Verbesserung nachgewiesener Wahrnehmungsschwächen zu signifikanten Erleichterungen für Kinder und Lehrer führt.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. rer. nat. Burkhart Fischer
Hansastraße 9
79104 Freiburg

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