ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Legasthenie – Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf und Behandlung: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Legasthenie – Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf und Behandlung: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2169

Schulte-Körne, Gerd; Remschmidt, Helmut

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LNSLNS Die Diagnostik einer Lese-Rechtschreib-Störung ist ohne Frage umfangreich und sie erfordert von dem Behandler ein vielfältiges Fachwissen. Die Auswahl der geeigneten Verfahren zur Überprüfung der Intelligenz (Strömer) sollte bei dem Patienten
die Lesestörung berücksichtigen. Dies geschieht durch Testverfahren, die sprachfrei, beziehungsweise weitestgehend sprachunabhängig sind, wie es für den Grundintelligenztest Skala 1 (Weiß und Osterland 1997) und Skala 2 (Weiß 1998) zutrifft. Da es sich bei diesen genannten Verfahren eher um Screeninginstrumente handelt, werden zur ausführlicheren Intelligenzdiagnostik der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest (HAWIK III, Tewes et al. 2000) angewendet, oder die Kaufmann-Assesment Battery for Children (Melchers und Preuß 1991) durchgeführt.
Bei beiden erwähnten Verfahren sollte nicht der Gesamtwert, sondern es sollte der sprachfreie Anteil als Intelligenzmaß verwendet werden. Anhand der Anwendung dieser Methoden sollte eine zuverlässige Abschätzung der Intelligenz (auch der Hochbegabung) bei Legasthenikern möglich sein.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Diagnostik einer Lese-Rechtschreib-Störung, der berücksichtigt werden sollte, betrifft die Überprüfung von visuellen Wahrnehmungsfunktionen und auditiven Wahrnehmungsfunktionen. Diese Diagnostik dient zum Ausschluss von organischen Schädigungen (zum Beispiel dem Ausschluss einer Aphasie), zur Differenzialdiagnostik und zur Bestimmung von Risikofaktoren für die Entwicklung einer Lese-Rechtschreib-Störung bei Kindern im Schulalter (Kohlberger).
Zur Risikobestimmung liegt als reliables und valides Verfahren für den deutschsprachigen Raum das Bielefelder Screening (BISC, Jansen et al. 2002) vor, das Aufgaben zur Lautunterscheidung, Silbentrennung, Reimbildung, zur visuellen Aufmerksamkeit und zum Kurz- und Langzeitgedächtnis umfasst. Dieses Verfahren ist zweimal, zehn und vier Monate vor der Einschulung durchzuführen und weist eine recht hohe Zuverlässigkeit auf, um das Risiko, Lese- und Rechtschreib-Schwierigkeiten in der zweiten Klasse zu entwickeln, vorherzusagen. Sinnvollerweise werden Kinder mit einem Risiko für die Entwicklung einer Lese-Rechtschreib-Störung bereits vorschulisch gefördert, hier empfiehlt sich das Programm „Hören, lauschen, lernen“ von Küspert und Schneider (2002).
Ein standardisiertes Vorgehen zur Diagnostik visueller und auditiver Wahrnehmungsstörungen bei der Lese-Rechtschreib-Störung gibt es nicht. Die Empfehlungen zur Überprüfung von okulären Störungen bei der Lese-Rechtschreib-Störung wurden von Trauzettel-Klosinski (9) zusammengefasst. Dieses Vorgehen wird, wie Lackner zurecht anmerkt, nur sehr selten durchgeführt.
Empfehlungen zur Erfassung von auditiven Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter wurden von den Autoren Ptok et al. (3) in einem Konsensuspapier zusammenfassend dargestellt. In der Praxis erscheint es jedoch nicht realistisch, alle Kinder mit einer Lese- Rechtschreib-Störung anhand dieser umfangreichen Untersuchungsempfehlungen zu überprüfen. Es ist bisher nach wie vor ein ungelöstes Problem, welche Verfahren zur Ausschlussdiagnostik bei der Lese-Rechtschreib-Störung unbedingt durchgeführt werden sollten.
Die Beobachtung von Bascheck über linguistische Fehler beim Rechnen sind gut bekannt und wiederholt beschrieben worden (4). Möglicherweise handelt es sich bei den beschriebenen Fällen um Patienten, die sowohl eine Legasthenie als auch eine Dyskalkulie aufweisen. Die Bedeutung gestörter Lateralität bei der Lese-Rechtschreib-Störung ist ebenfalls gut untersucht (5) und insgesamt nur von sehr geringer Bedeutung für die Legasthenie.
Der Einsatz so genannter basaler Funktionstrainings zur Behandlung der Lese-Rechtschreib-Störung ist immer wieder Gegenstand sehr kontroverser Diskussionen. Warnke, Fischer und Meinhardt weisen auf die mögliche Bedeutung dieses Therapieansatzes hin.
Ziel dieser basalen Funktionstrainings ist, die Voraussetzungen für den gestörten Schriftspracherwerb oder direkt die Legasthenie zu behandeln. Ergebnisse der neurobiologischen Forschung, wie sie bereits dargestellt wurden, unterstützen die Annahme, dass Störungen in der Verarbeitung von visuellen Informationen und akustischen Informationen eine wesentliche Ursache für die Entwicklung einer Legasthenie sind. Um diese Annahme zu überprüfen, sind Therapiestudien besonders geeignet.
Das Trainingsprogramm von Warnke verfolgt die Förderung basaler auditiver und visueller Diskriminationsfähigkeit von nichtsprachlichem und sprachlichem Material (Brain-Boy- Universal- und Lateraltrainer). Es liegen hierzu kaum Evaluationsbefunde vor. In einer veröffentlichten Studie (2) konnte kein Effekt von einzelnen Trainingskomponenten zur Verbesserung der Lese- und Rechtschreib-Fähigkeit gezeigt werden. In einer erst kürzlich erschienenen Arbeit von Tewes et al. (7, 8) wurde anhand eines Kontrollgruppendesigns die Wirksamkeit wesentlicher Komponenten erneut überprüft. Die Bedeutung dieser Arbeit ist jedoch durch eine Reihe methodischer Schwächen und widersprüchlicher Ergebnisse erheblich eingeschränkt (zum Beispiel: Kontrollgruppe war im klinischen Sinne nicht betroffen, Rechtschreibleistung im Durchschnittsbereich). Es sind folglich weitere Studien notwendig, um die Wirksamkeit dieser Fördermethode aufzuzeigen.
Der Förderansatz von Fischer verfolgt das Ziel, über das Training der Blickmotorik die Blicksteuerung und die Leseleistung zu verbessern. Während die Blicksteuerung durch das Training signifikant verbessert werden konnte (bei Legasthenikern sowie bei Kontrollen), ließen sich bisher Transfereffekte auf das Lesen nicht nachweisen (1).
Otto weist auf eine unspezifische Therapie zur Behandlung von Legasthenie, Konzentrationsproblemen, Aufmerksamkeitsdefizit und Depression hin. Evaluationsstudien zur Wirksamkeit dieser Methode bei der Legasthenie liegen nicht vor. Eine Empfehlung für diese Therapie kann daher nicht gegeben werden.
Im Gegensatz zur Popularität der Förderung von basalen Wahrnehmungsfunktionen bei der Lese-Rechtschreib-Störung ist die Wirksamkeit dieser Methoden kaum untersucht und die bisher vorliegenden Untersuchungen zeigen keine Wirksamkeit. Daher sollte die Förderung bei der Legasthenie, wie bereits dargestellt, auf die symptomorientierten Verfahren aufbauen, die sich an dem Schriftspracherwerbsmodell orientieren. Hierzu liegen international Wirksamkeitsstudien vor (6).

Literatur
1. Biscaldi-Schäfer M, Wagner M, Hennighausen K, Schulz E, Fischer B: Effekte eines täglichen Trainings der Blickmotorik auf die Leseleistung von Kindern mit Legasthenie. In: Schulte-Körne G, (eds.): Legasthenie und Rechenschwäche – Neue Wege in die Zukunft – Aktuelle Ergebnisse aus Praxis und Forschung 2002: 29–30.
2. Berwanger D, Hage M, Greiner E, Kinn B, von Suchodoletz W: Evaluation eines Zeitverarbeitungstrainings. In: Schulte-Körne G (eds.): Legasthenie und Rechenschwäche – Neue Wege in die Zukunft – Aktuelle Ergebnisse aus Praxis und Forschung 2002: 28–29.
3. Ptok M, Berger R, von Deuster Chr., Gross M, Lamprecht-Dinnesen A, Nickisch A, Radü HJ, Uttenweiler V: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. HNO 2000; 48: 357–360.
4. Schulte-Körne G, Remschmidt H: Neuropsychologie von umschriebenen Entwicklungsstörungen. In: Lautenbacher S und Gauggel S (eds.): Die Neuropsychologie psychischer Störungen. Heidelberg: Springer 2003.
5. Strehlow U: Legasthenie und Lateralität. In: Schulte-Körne G (eds.): Legasthenie: Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte. Bochum: Dr. Winkler 2002; 101–112.
6. Suchodoletz von W: Therapie der Lese-Rechtschreibstörung: Traditionelle und alternative Behandlungsverfahren im Überblick. Stuttgart: Kohlhammer 2003.
7. Tewes U, Steffen S, Warnke F: Automatisierungsstörungen als Ursache von Lernproblemen. Forum Logopädie 2003; 17: 24–30.
8. Tewes U: Forschungsbericht über das Forschungsvorhaben zum Einsatz des Brain-Boy-Universal und des Lateraltrainers nach Warnke 2002. (Auf Anfrage beim Autor).
9. Trauzettel-Klosinski S, Schäfer WD, Klosinski G: Legasthenie Grundlagen des Lesens – Lese-Rechtschreib-Störung – okuläre Lesestörung. Ophthalmologie 2002; 99: 209–229.

Priv.-Doz. Dr. med. Gerd Schulte-Körne
Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt
Klinik und Poliklinik
für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und -psychotherapie
Hans-Sachs-Straße 6
35039 Marburg

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