ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Schwangerschaft und Mutterschaft nach sexuellen Missbrauchserfahrungen im Kindesalter: Seriosität bezweifelt
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LNSLNS Es ist ohne Zweifel verdienstvoll, auf die spezifischen geburtshilflichen Probleme von Frauen hinzuweisen, die in der Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. An der Kernaussage des Artikels habe ich nichts
zu kritisieren, wohl aber an der Behauptung, dass jede dritte bis fünfte Frau (20 bis 30 Prozent) sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit machen musste. Diese hohe Prävalenz kommt nämlich auf sehr merkwürdige Art zustande:
« Die Altersgrenze für „Kindheit“ auf 18 Jahre festzulegen, ist lebensfremd. Demnach wäre auch eine 16- oder 17-jährige junge Frau ein „Kind“. Diese Altersgrenze entspricht weiterhin nicht der gesetzlichen Definition des sexuellen Missbrauchs von Kindern (§ 176 StGB) in Deutschland, nach der die Grenze bei 14 Jahren liegt. Auch die polizeiliche Kriminalstatistik, die solche Taten auflistet, folgt der gesetzlichen Altersgrenze.
¬ Die Definition des „sexuellen Missbrauchs“ ist ausgesprochen unscharf. Sie führt dazu, dass eine 17-Jährige, die auf einer Party erleben muss, dass ihr ein (meinetwegen fünf Jahre älterer) Mann ungewollt an die Brust fasst, genauso als sexuell missbraucht gilt wie eine 7-Jährige, die über einen längeren Zeitraum regelmäßig vergewaltigt wird.
­ Wenn, wie die Autoren selbst anführen, ein solcher sexueller Missbrauch bei 74 bis 96 Prozent der betroffenen Frauen körperliche und/oder psychische Symptome zurücklässt, müssten diese in der weiblichen Bevölkerung ausgesprochen häufig, nämlich bei rechnerisch mindestens 15 Prozent aller Frauen, feststellbar sein. Das widerspricht jedoch der klinischen Erfahrung.
Andere Untersucher kommen zu wesentlich geringeren Zahlen, beispielsweise sprechen Siegel et al. (1) (Altersgrenze 16 Jahre, Missbrauch mit körperlicher Berührung) von sechs Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen und Raupp und Eggers (2) (Altersgrenze 14 Jahre, körperliche Berührung) geben als Zahlen 15 Prozent der Mädchen und vier Prozent der Jungen an, wobei die letztere Untersuchung (2) Formen des intensiven Missbrauchs (Vergewaltigung, Oral-, Analverkehr) bei 2,3 Prozent der Mädchen und 1,5 Prozent der Jungen fand.
Die Behauptung, dass 18 bis 62 Prozent der Frauen keine bewussten Erinnerungen an ein sexuelles Missbrauchserlebnis in der Kindheit haben, lässt wirklich starke Sorgen bezüglich der wissenschaftlichen Seriosität der angeführten Zahlen aufkommen. Vielleicht, das ist immerhin zu bedenken, hat gar kein Missbrauch stattgefunden und die entsprechende Erinnerung wurde erst im Nachhinein durch entsprechend motivierte Therapeuten induziert. Derartige Fälle von „false memory syndrome“ sind bereits in hinreichender Anzahl bekannt geworden.
Ich habe mich vor einigen Jahren intensiv mit der Frage der Sexualdelikte und auch mit der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs von Kindern befasst (3). Jeder dieser Fälle ist einer zuviel und es ist richtig, dagegen anzugehen und den betroffenen Mädchen Hilfe und Unterstützung zu gewähren. Allerdings meine ich, dass aufgebauschte Häufigkeitszahlen der Sache nicht dienlich sind.

Literatur
1. Siegel JM et al.: The prevalence of childhood sexual assault. Am J Epidemiol 1987; 126: 1141–1153.
2. Raupp U, Eggers C: Sexueller Missbrauch von Kindern. Mschr Kinderheilkd 1993; 141: 316–322.
3. Schäfer AT: Untersuchung und Spurensicherung bei Sexualdelikten. Stuttgart: Enke 1996.

Dr. med. Achim T. Schäfer
Heinrichsallee 13
52062 Aachen

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