ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Schirn Kunsthalle: Auf eigene Gefahr

VARIA: Feuilleton

Schirn Kunsthalle: Auf eigene Gefahr

Apke, Bernd

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Christoph Büchel, Ohne Titel, 2003 Fotos: Schirn Kunsthalle Frankfurt
Christoph Büchel, Ohne Titel, 2003 Fotos: Schirn Kunsthalle Frankfurt
In der Frankfurter Ausstellung soll aus einem konsumierenden Betrachter
ein agierender Benutzer werden.

Den größten Ansturm gab es bei der Eröffnung der Frankfurter Ausstellung an der Champagner-Bar. Vor allem Männer zog es in Gruppen dorthin. Das lag nicht nur am Champagner, der dort tatsächlich gratis zu haben war, sondern vor allem an der blonden Dame, die zuoberst auf der an eine Sanitäreinrichtung erinnernden Bar lag. Die Nixe goss das prickelnde Getränk in eine Schale unter sich. Trinken konnte man es nur dann, wenn man sich zu einem der drei Saugnäpfe aus Gummi hinunterbog, die die Schale nach unten abschlossen. Man diskutierte lautstark: Sollte man sich wirklich vor dem Publikum so unterwürfig zeigen und an einem Schnuller saugen? War das ein Schluck Champagner und ein Nixenlächeln wert? Für einige Besucher der Ausstellung genügte das. Sie gingen auf den Boden, nuckelten – und machten sich erwartungsgemäß lächerlich.
Die Champagner-Bar, eine Installation der in Berlin lebenden Künstlerin Camilla Dahl, verdeutlicht trefflich die Grundidee der Ausstellung „Auf eigene Gefahr“ in der Schirn Kunsthalle. Die Schau vereinigt Installationen, die so attraktiv für den Besucher sein sollen, dass er sich für das Risiko der Mitwirkung entscheidet. Aus dem konsumierenden Betrachter soll so der agierende Benutzer werden. Der Vorteil dieser veränderten Haltung zum Kunstwerk ist ein größerer Erlebnis- und Erkenntnischarakter. Diesem steht allerdings eine gewisse Gefahr gegenüber, in die man sich begibt oder die man zumindest gedanklich mitvollzieht.
Julia Scher, Embedded, 2003
Julia Scher, Embedded, 2003
Hintergrund der Ausstellung ist zum einen die Beobachtung, dass sich seit den 60er-Jahren immer mehr benutzerorientierte Formen von Kunst durchsetzen. Schon Joseph Beuys inszenierte theatralische „Happenings“, die das Publikum in einen Prozess miteinbezogen und ihm nicht mehr nur ein abgeschlossenes, quadratisches Kunstwerk an der Wand präsentierten. Die andere Beobachtung der Kuratoren Martina Weinhart und Markus Heinzelmann
Camilla Dahl, Champagne Bar, 1999
Camilla Dahl, Champagne Bar, 1999
Anzeige
ist, dass die Menschen in der heutigen Gesellschaft einem immer größeren Risiko ausgesetzt sind oder sich freiwillig in Risiken begeben. Was damit gemeint ist, zeigt die Arbeit der US-Aktivisten Critical Art Ensemble. Das mobile Labor der Künstlergruppe ermöglicht es den Besuchern, Lebensmittel unter Anleitung auf genetisch veränderte Bestandteile hin zu testen.
So fand man während der Ausstellung bereits heraus, dass Cornflakes einer bekannten Marke genetisch manipuliert sind, obwohl auf der Verpackung nicht darauf hingewiesen wird. Critical Art Ensemble verdeutlicht, wie riskant Konsum heute sein kann und wie leicht man unfreiwillig nicht deklarierte Spurenelemente zu sich nimmt, auf die man möglicherweise allergisch reagiert.
Die Gefahr lauert am ehesten dort, wo man sie nicht vermutet. Das ist noch mehr der Tenor der von dem Schweizer Christoph Büchel entworfenen Räume. Die labyrinthisch angelegte, klaustrophobisch wirkende Installation besteht aus einer bieder eingerichteten Wohnung, die vor wenigen Minuten – der Plattenspieler läuft noch – von den Bewohnern fluchtartig verlassen worden sein muss. Der Grund dafür zeigt sich im Wohnzimmer: Eine Wand ist unter einer Gerölllawine eingestürzt, deren Schlamm sich bis fast vor ein Häkelbild mit einem Porträt von Rembrandt an einer anderen Wand ergießt. Hier ist das Unvorstellbare unvermutet in den behaglichen Alltag eingebrochen.
Nirgendwo sonst wird in der Ausstellung Gefahr körperlich so nachvollziehbar wie in Büchels Wohnung. Denn alle Installationen sind so angelegt, dass der Besucher grundsätzlich physisch unversehrt bleibt. Man kann bedenkenlos Carsten Höllers Placebotabletten schlucken, die durch einen Glaskasten wirbeln oder durch den dichten Nebel schreiten, den Ann Veronica Janssens in einem Raum farblich changieren lässt. Schließlich erhält der Besucher auch die Möglichkeit, endlich einmal das der Öffentlichkeit zu zeigen, was ihr bislang vorenthalten wurde: Julia Schers Betten laden zu exhibitionistischen Akten unter der Beobachtung von Kameras ein, die zeitversetzt ins Internet übertragen werden. Die Künstlerin weiß eben, dass Risiko nicht nur ängstigen muss, sondern ebenso Lust bereiten kann. Bernd Apke

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote