ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Heil- und Kurmedizin: Gegner oder Partner?

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Heil- und Kurmedizin: Gegner oder Partner?

Driesen, Oliver

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LNSLNS Vorsorge- und Rehabilitationskuren stehen gleichermaßen unter Druck. Durch die dritte Stufe der Gesundheitsreform wächst die Notwendigkeit, Kosteneffizienz und Qualität dokumentieren zu können. Doch im Kleinkrieg von Definitionen und Interessen droht das gemeinsame Anliegen von Präventions- und RehaAnbietern gegenüber der kurativen Medizin und der Politik aus dem Blick zu geraten.


Baldur Wagner, Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, platzte der Kragen: Vielfach, so beklagte er auf dem Symposium "Gegenwart und Zukunft der Bäderwirtschaft", treffe er auf "diffuse Vorstellungen" über das Verhältnis von Vorsorgekuren, Akutbehandlung und Rehabilitation. Wagner hat tagtäglich mit dem Kleinen Einmaleins der kurpolitischen Diskussion zu tun – und mit den Interessengruppen, die in dieser Diskussion Forderungen stellen und Initiativen ergreifen.
Das Phänomen der Begriffsverwirrung im Dschungel von "ambulanten Badekuren", "Kompaktkuren", "stationärer Rehabilitation" hat neben mangelnder Sprach-Genauigkeit auch eine systembedingte Ursache: Unter dem politischen Trommelfeuer des Sparenmüssens werden allenthalben neue Modebegriffe geboren und Kur-Modelle aus dem Boden gestampft, die dynamisch und irgendwie wegweisend klingen sollen – bis hin zur unsäglichen "Wellness", von der niemand so recht weiß, was sie ist, wie sie der Patient erlangt und was das kosten soll.
Daß die potentiellen Kurgäste von alledem eher verunsichert werden, ist nur die eine Negativfolge. Die andere wiegt schwerer: Präventions- und Rehabilitationsmediziner, die gegenüber den Kostenträgern und Budgetplanern eigentlich als natürliche Schicksalsgenossen an einem Strick ziehen sollten, verwirren sich selbst im Gestrüpp ihrer begrifflichen Abgrenzungen. Neid und Mißgunst zwischen den "Ambulanten" und den "Stationären" brechen auf, wenn es um die Verteilung der immer knapper werdenden Budgets und öffentlichen Beihilfen geht.
Einig scheinen die zerstrittenen Brüder im Kleinkrieg der Schuldzuweisungen für Ausgabenanstiege nur in einem Punkt: gegenüber der dritten Front der Akut- oder Heilmedizin. Und diese hackt wiederum auf beiden herum. Laut Hans-Peter Grigoleit vom Verband der Angestellten-Krankenkassen machen jedoch Leistungen für Kuren zum Beispiel im Bereich der Ersatzkassen nur rund 2,5 Prozent der gesamten Leistungsausgaben aus – "vielfach emotional und irrational" sei insofern der Vorwurf, die Bäderwirtschaft treibe die Versichertengemeinschaft in den Ruin.
Doch was wird in Zukunft noch haltbar sein von den Eifersüchteleien zwischen Reha-, Erholungs- und Präventionskuranbietern und der klassischen kurativen Medizin? Was von den schützenden Mauern der Kompetenzbereiche und Zuständigkeits-Erbhöfe? Nicht viel, folgt man BMG-Staatssekretär Wagner: "Es gibt eine zu scharfe Trennung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung." Eingebürgert habe es sich auch, daß die Kran­ken­ver­siche­rung die kurative und die Rentenversicherung die rehabilitative Medizin betreibe, aber "es ist unabweisbar, daß man sich von bürokratisch-verwaltungsegoistischen Erwägungen verabschieden muß".
Die politische Vision eines ganzheitlicheren Ineinandergreifens von stationären und ambulanten Angeboten, Vorsorge-, Heil- und Reha-Maßnahmen entspricht dem von der Gesundheitsreform angestrebten Doppelziel: kontrollierbarere Kostengestaltung durch mehr Selbstverwaltung und bessere Patientenbetreuung durch gezielteres Lenken der Ressourcen dorthin, wo sie wirklich gebraucht werden. So weit, so gut, doch mit jedem Schritt in Richtung einer konkreten Umsetzung entdecken die Reformer deutlicher, wie komplex die monetären Wechselwirkungen sind.
Kleine Beispiele aus der Praxis verdeutlichen dies: Die Krankenhäuser haben auf ihre Budgetierung mit einer Aufgabenverschiebung zu den Reha-Kliniken reagiert. Deren Patientenstruktur wurde dadurch, so Dr. Jost Bauer-Tertius, ärztlicher Geschäftsführer der Diana-Klinik in Bad Bevensen, "älter und kränker", also teurer. Umwälzung von schlechten Risiken innerhalb des Gesundheitssystems auf Kosten der Patienten war jedoch in keinem Abschnitt der Reform beabsichtigt.
Dabei wird das Sparziel von den Reha-Anbietern durchaus bejaht. Herbert Rütten, Kurdirektor von Bad Neuenahr: "Wir sind dazu bereit. Unsereiner hat allerdings Sorge, ob zur Zeit nicht zu viel experimentiert wird, der Gesetzgeber nicht alles auf einmal haben will." Zu kritisieren, so Rütten, sei die "Politik von einem Wahltag zum anderen", die aus-schließlich die finanziellen Aspekte in den Vordergrund stelle. Benötigt werde dagegen eine Gesundheitspolitik mit langfristig konstanten Rahmenbedingungen. Da allerdings stehen die Chancen schlecht. Oliver Driesen

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