ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Frauenförderung in der Hochschulmedizin

MEDIZIN: Referiert

Frauenförderung in der Hochschulmedizin

bt

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LNSLNS In den achtziger Jahren wurde man in den USA auf die Tatsache aufmerksam, daß Frauen in den medizinischen Fakultäten wesentlich geringere Aufstiegschancen und geringere Gehälter hatten als ihre männlichen Kollegen. Seitdem ist man vielerorts bemüht, diese Situation der Frauen zu verbessern. Ein Bericht über das erste Drittel eines Fünfzehn-Jahres-Programms im Department für Innere Medizin an der Medical School der angesehenen The Johns Hopkins University in Baltimore zeigt, was mit intensiven Bemühungen zu erreichen ist – und auch, daß auch die Männer davon profitieren.
Im Jahre 1990 setzte die Leitung des Departments eine "Task Force on Women’s Academic Careers in Medicine" ein, die zunächst einmal mittels anonymer Fragebogen an alle akademischen Mitglieder die Probleme analysierte. Es zeigte sich, daß – in unterschiedlichem Maße – Frauen sich in vielerlei Hinsicht konkret aus Gründen ihres Geschlechts benachteiligt und von den Männern nicht als Kollegen akzeptiert fühlten. Sie waren seltener mit ihren "Mentoren" zufrieden und meinten öfter als die Männer, daß die Mentoren die wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Schützlinge eher für die eigene Karriere ausnutzten. Ganz besonders empfanden die Frauen den Eindruck, isoliert zu sein.
Die Task Force – fünf Frauen – ging daraufhin energisch an die Arbeit, tatkräftig unterstützt von der Departments-Leitung. Dabei gab es ganz praktische Dinge, und die wirkten sich auch auf die Männer aus. So wurde beispielsweise zunächst für die Frauen eine jährliche Beurteilung ihrer Leistungen eingeführt, um geschlechtsspezifische, oft aus äußeren Umständen herrührende Hemmnisse aufzuspüren, die häufig dazu geführt hatten, daß Frauen den Zeitplan für die Weiterbildungsabschnitte nicht einhalten konnten. Inzwischen ist diese Einrichtung auch auf die Männer ausgedehnt worden, weil sie sich sehr bewährte. Ein anderes Beispiel, das das Gefühl der Isolation und der mangelnden Informiertheit betrifft: Konferenzen nach 17 Uhr gibt es nicht mehr, und die berühmte "Grand Round", die große klinische Konferenz, die an der Johns Hopkins Universität seit 100 Jahren am Sonnabend vormittag stattfand, ist auf den Freitag verlegt worden. Was noch nicht erreicht ist, das ist die Schaffung einer Möglichkeit der Kinderbetreuung im Haus – aber das soll bald folgen. Und mit vielen Einzelmaßnahmen, Hinweisen, regelmäßigen Gesprächen und Veranstaltungen ist das Klima für die Frauen verbessert, sind die Männer für die Probleme ihrer Kolleginnen sensibilisiert worden. Die Gehälter der Frauen sind an die der Männer angeglichen. Ein Fragebogen, der drei Jahre später die Fragen desjenigen von 1990 wiederholte, ergab überall einen höheren Zufriedenheitsgrad der Frauen – und auch der Männer! Das läßt sich insbesondere daran ermessen, wie die Befragten ihre Karrierechancen einschätzten. Während 1990 noch 63 Prozent der Frauen in der Klinik ernsthaft daran dachten, den Bereich der akademischen Medizin zu verlassen, waren es drei Jahre später nur noch 28 Prozent. Und statt 23 Prozent 1990 erwarteten 65 Prozent 1993, daß sie auch in zehn Jahren noch dort tätig sein würden. Auch der Anteil der in der Karriere aufsteigenden Frauen ist gestiegen, allerdings noch nicht gut quantifizierbar, da bisher nur eine der vier Beförderungsstufen ausgewertet werden konnte. bt


Fried LP, Francomano CA, MacDonald SM, Wagner EM, Stokes EJ, Carbone KM, Bias WB, Newman MM, Stobo JD: Career Development for Women in Academic Medicine. JAMA 1996; 276: 898–905
Linda P. Fried MD, MPH, Welch Center for Prevention, Epidemiology and Clinical Research, 2024 E Monument St.,
Suite 2-600, Baltimore, MD 21205–2223, USA

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