ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2003Humor als mentale Medizin: Gegen miese Mitmenschen und miese Meteorologie

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Humor als mentale Medizin: Gegen miese Mitmenschen und miese Meteorologie

Dtsch Arztebl 2003; 100(33): [100]

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LNSLNS Sicherlich gibt es auch den intoleranten Humor, den der Kölner aber vehement ablehnt: Verletzende Gehässigkeit, ätzender Wahnwitz und beleidigende Aggressivität, das sind Dinge, die in sein eigenes Weltbild nicht passen würden. „Humor in der Sonderpädagogik“, ein solches Seminar gibt es natürlich an der Kölner Uni, wo sonst? In diesem Zusammenhang sei ein chinesisches Sprichwort zitiert: „Du kannst die Sorgenvögel nicht abhalten, über deinem Kopf zu kreisen, aber du kannst verhindern, dass sie ihr Nest auf deinem Kopf bauen.“ Und dafür gibt es nicht nur in Köln eine gute Taktik – sich vor Lachen biegen oder sich vor Lachen schütteln. Der Unterschied zu anderswo: In Köln macht man es eben viel häufiger, schon deswegen, damit einem die Domtauben nicht auf den Kopf scheißen können.
Der Kölner liebt mehr das Paradox-Absurde, die groteske Satire, Persiflage als Pfeile, aber ohne Gift. Und so fragt man sich manchmal auch, ob nicht die in Köln unverhältnismäßig häufig anzutreffende Hypochondrie in Form gespielter Wehleidigkeit ebenfalls ein Zeichen seines Humors ist. Denn indem er sich Krankheiten, die er nicht hat, einbildet, kann er sich lustig über sie machen, und zwar oft in der Weise, wie er damit angibt. Einerseits entschuldigt das so einiges, andererseits aber ruft es immer wieder Bewunderung oder Schmunzeln hervor, „wie der das trotzdem alles noch so schafft – man sollte es nicht für möglich halten“.
Persönliche Angriffe auf den Kölner sind witzlos, denn mit humorvollen Gegenargumenten blockt er sie ab. Dieses pseudo-arrogante, aber erstaunlich selbstbewusste und scheinbar selbstsichere Gebaren äußert sich in den vielen Sätzen, die mit „Isch sage“ oder „do sage isch“ beginnen oder die oft nur mit „Isch“ anfangen. Gegen solche egozentrischen Kernsätze ist schwer anzukommen, eben weil sie, real gesehen, einer gewissen Komik nicht entbehren. Humor schont sein Ego. Wie gesagt: Die Kölner lassen mit sich reden, wenn man sie nur (mit sich) reden lässt.
Denn Lachen heißt für den Kölner nicht, dem Ernst des Lebens zu „entsagen“. Humor ist für ihn wie ein Kapital, für dessen Vermehrung er nicht zu arbeiten braucht. Und so schützt ihn der Humor auch auf diplomatische Art, indem er sich nicht der Lächerlichkeit aussetzt, weil er sich für Lachen einsetzt, beispielsweise als „ruchbar“ wurde, dass sich Düsseldorf eine Humorforschungsabteilung leisten konnte und ausgerechnet die Kölner Uni nicht!

Entnommen aus: Jürgen Bennack/Gerhard Uhlenbruck: Humor als kölsche Philosophie. Psychosoziale und medizinische Einsichten, Köln, 2003, 190 Seiten, 14,95 €
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