ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Fachärztliche Weiterbildung: „Psychiatrie – Quo vadis?“

POLITIK

Fachärztliche Weiterbildung: „Psychiatrie – Quo vadis?“

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2200 / B-1833 / C-1737

Kettler, Richard

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LNSLNS Mit den Angriffen auf den neuen „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ lassen die Psychiater Ambivalenzen im Selbstverständnis erkennen, argumentiert der Autor.

Beim diesjährigen Deutschen Ärztetag legte die Psychiatrie überraschend einen Antrag auf Führung der alternativen Gebietsbezeichnung „Facharzt für Psychische Erkrankungen“ vor. Das wirft die Frage auf, ob die Psychiatrie aus Imagegründen nicht mehr Psychiatrie heißen will oder nicht mehr Psychiatrie sein will. Den Antrag begründen die nervenärztlichen und psychiatrischen Verbände mit der Behauptung, dass mit der Etablierung eines Facharztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein „zweistrangiges Versorgungssystem“ entstehen würde. Daraus konstruieren sie eine angeblich diskriminierende „Zweiklassenversorgung“, in der die „Schwerkranken“ allein der Psychiatrie zugemutet und die „Leichtkranken“ der Psychosomatischen Medizin vorbehalten blieben.
Ambivalenzen im Selbstverständnis
Die Absicht des Ärztetages, den psychosomatischen Gesichtspunkt auf Facharztniveau fest in der Medizin zu verankern, erwies sich jedoch als widerstandsfähig gegen solche Störmanöver. Nachdem die gemeinsamen Bemühungen der psychiatrischen und psychosomatischen Verbände um einen „common trunk“ in der Weiterbildung an den Hegemonieansprüchen der Psychiatrie und an ihrem Unverständnis für das Wesen der Psychosomatischen Medizin gescheitert waren, lässt die Psychiatrie gravierende Ambivalenzen im eigenen Selbstverständnis erkennen: Sie erhebt den Anspruch auf eine allumfassende Versorgungskompetenz („Facharzt für Psychische Erkrankungen“) und überschätzt die Bedeutung der Psychotherapie für ihre Identität und Praxis.
Psychotherapie hat für die beiden Fachärzte eine unterschiedliche Bedeutung: Sie ist für die Psychosomatiker konstitutiv, für die Psychiater dagegen fakultativ. Die Frage nach den psychischen Ursachen von Körperstörungen ist das Identität stiftende Paradigma der Psychosomatischen Medizin. Es basiert auf einem ätiologischen Konzept psychosomatischer Zusammenhänge. Die Psychiatrie folgt eher der Frage nach körperlichen Ursachen für psychische Erkrankungen. Die Psychosomatische Medizin ist eng mit der Entwicklung der Psychotherapie verknüpft. Die Psychiatrie in Deutschland eignete sich die Psychotherapie eher verzögert an – und delegierte sie lange Zeit an die Psychologie. Psychotherapie ist auch in den jeweiligen Weiterbildungsgängen unterschiedlich gewichtet.
Die berufspolitischen Meinungsführer der Psychiater wollen die Psychiatrie als explizit psychotherapeutisch verstanden wissen. Das ist Teil des Problems. Die Psychiatrie hatte auf dem Ärztetag 1992 erfolgreich für die Ergänzung ihres Namens um den Begriff Psychotherapie gekämpft, ihn aber nur mit Mühe verteidigen können, als er wegen des Verdachts auf inhaltliche Nichterfüllung wieder weggenommen werden sollte. Der nun überraschend beabsichtigte Verzicht auf „Psychotherapie“ im Namen steht daher in einem schwer verständlichen Gegensatz zu den vorangegangenen Bemühungen.
Die Psychiatrie hatte die Bemühungen um eine notwendige Modernisierung ihres Faches an das Etikett der Psychotherapie gekoppelt. Deren Erfolg war so durchschlagend, dass niemand glaubte, auf sie verzichten zu können. Mit der Einfügung von psychotherapeutischen Inhalten in die psychiatrische Weiterbildung war zugleich die Hoffnung verbunden, die künftigen Psychiater von der traditionellen „kustodialen“ Haltung wegzuführen und stärker auf die Beziehung zum Patienten auszurichten. Psychotherapie ist ein geeignetes Medium für diese Haltungsänderung – Beziehungsgestaltung allein ist aber noch nicht Psychotherapie. „Psychotherapie“ wurde zur Chiffre für eine Haltungsänderung. Zurzeit machen sich „unerwünschte Nebenwirkungen“ dieser impliziten Instrumentalisierung des Begriffes Psychotherapie bemerkbar: die Abhängigkeit der Psychiatrie von Psychotherapie in ihrer Selbstdefinition.
Abhängigkeiten
Der neue Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie will zusätzliche, psychosomatische (ärztliche) Versorgungsaufgaben neben der Anwendung von (nichtärztlicher) Richtlinien-Psychotherapie übernehmen, um sein Versorgungspotenzial entfalten zu können. Deshalb bemüht er sich seit langem darum, aus der einseitigen Abhängigkeit von der Richtlinien-Psychotherapie herauszukommen (EBM 2000plus). Die Psychiatrie macht sich hingegen abhängig von Psychotherapie, wenn sie sich einseitig methodisch-psychotherapeutisch definiert. Das wäre für beide Gebiete bedauerlich, denn Psychotherapie wird bereits jetzt von Psychologen dominiert. Wenn sich beide „Psycho-Fachärzte“ jedoch auf die gemeinsame ärztliche Identität und ihre medizinisch-psychotherapeutische Doppelkompetenz besinnen würden, sollte die Verfolgung gemeinsamer Interessen nicht schwer fallen.

Dr. med. Richard Kettler
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt für
Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse,
Reichsstraße 95,14052 Berlin, E-Mail:r@dr-kettler.de
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