ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Drogen: „Safer use“ ist für Teens keine Alternative zur Abstinenz

POLITIK: Medizinreport

Drogen: „Safer use“ ist für Teens keine Alternative zur Abstinenz

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2201 / B-1834 / C-1738

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Junge Menschen kommen immer früher mit Suchtmitteln in Kontakt. Gleichzeitig wird die Zunahme riskanter Konsummuster mit vermutlich hohem neurotoxischen Potenzial beobachtet.

Partydrogen erfreuen sich bei Jugendlichen wachsender Beliebtheit. Die höchste Steigerungsrate gab es innerhalb von fünf Jahren mit rund 60 Prozent für Cannabis (Grafik). 38 Prozent in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen und 16 Prozent der 12- bis 18-Jährigen haben bereits einschlägige Erfahrungen – so die Daten einer Repräsentativerhebung des Instituts für Therapieforschung in München.
Die Zahlen verschiedener Untersuchungen in der Discoszene sind noch erschreckender. Gelegentlich oder häufig konsumiert wurde Cannabis von 60 bis 80 Prozent und andere psychoaktive Substanzen wie Ecstasy, Amphetamine, Halluzinogene oder Kokain von jedem Zweiten bis Fünften der befragten Jugendlichen – was auch den in Drogenambulanzen beobachteten Trend zur Polytoxikomanie erklärt.
Demgegenüber weise das Angebot an vorbeugenden Maßnahmen und Aussteigehilfen für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche in Deutschland erhebliche Mängel und Lücken auf, nannte der Leiter der Drogenambulanz an der Universität Hamburg, Prof. Rainer Thomasius, die Beweggründe, warum er einen dreitägigen Kongress zu diesem brisanten Thema in Hamburg initiiert hatte.
Schmaler Grat zwischen Gebrauch und Missbrauch
Das entwicklungspsychologische Modell geht davon aus, dass problematische Formen des Substanz-„Gebrauchs“ mit der Übernahme von Erwachsenenrollen wie Berufsausübung oder Familiengründung beendet werden, wenn keine psychischen oder sozialen Beeinträchtigungen aus der Kindheit die Adoleszenz behindern und soziale Netzwerke als Protektivfaktoren wirken.
In etwa zehn Prozent der Fälle droht jedoch anhaltender Substanz-„Missbrauch“. Charakteristisch für diese Jugendlichen ist der hohe Ausprägungsgrad der Suche nach Sensationen und Grenzüberschreitungen. Das eskalierende Problemverhalten mit Impulsivität, Aggressivität, Frustrationsintoleranz, Aufmerksamkeitsstörungen und Defiziten bei sozial-adaptiven Funktionen lasse sich bis in die frühe Kindheit zurückverfolgen, beschrieb Thomasius typische Prädiktoren.
Begünstigt wird späteres Suchtverhalten auch durch Traumatisierungen sexueller oder gewalttätiger Art und Vorbilder in der Familie. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen ist mindestens ein Angehöriger drogen-/alkoholabhängig. Ebenfalls eine Rolle zu spielen scheinen ein inadäquater Erziehungsstil (Inkonsequenz, Gleichgültigkeit, Überprotektion) und widrige familiäre Konstellationen wie Trennung der Eltern beziehungsweise früher Tod von Vater oder Mutter.
Der Anteil der 14- bis 24-Jährigen, die die Kriterien für Substanzmissbrauch erfüllen, hat sich in Deutschland in den letzten fünf Jahren etwa verdoppelt (Cannabis auf 7,7 Prozent) bis verdreifacht (Stimulanzien oder Kokain auf 1,6 beziehungsweise 1,5 Prozent). In etwa der Hälfte der Fälle besteht Abhängigkeit. Dazu kommt die große Zahl von jugendlichen Alhoholabusern. Auch unter Berücksichtigung von Überschneidungen muss man nach Aussage von Thomasius konservativ gerechnet davon ausgehen, dass die Prävalenz des Suchtmittelmissbrauchs bei etwa 20 Prozent liegt und damit zu den häufigsten psychischen Störungen in dieser Altersgruppe gehört.
Ein weiteres Phänomen, das auch bei den Behandlungskonzepten berücksichtigt werden muss, ist die psychische Komorbidität. In Längsschnittuntersuchungen häufig dokumentiert wurden Verhaltens- und Affektstörungen, Depressionen, Angstsyndrome, Sozialphobien und pathologische Essgewohnheiten, aber auch Borderline-Persönlichkeitsstörungen. In der praktischen Arbeit spielten drogeninduzierte Psychosen eine immer größere Rolle, berichtete Thomasius.
Die modernen synthetischen Drogen, aber auch Cannabis, könnten darüber hinaus bei entsprechender Prädisposition beziehungsweise Vulnerabilität auch zur Manifestation einer Schizophrenie führen. Insgesamt gehe er davon aus, dass es im Kindes- und Jugendalter keine Suchtentwicklung ohne psychische Komorbidität gebe. Wenn man nichts finde, dann liege es wahrscheinlich an den nicht ausreichend sensitiven Messmethoden.
Bei der Behandlung von Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter hält Thomasius eine Orientierung an den altersspezifischen psychosozialen Umständen beziehungsweise psychopathologischen Auswirkungen des Substanzmissbrauchs für unerlässlich. Er sehe in der Drogenambulanz häufig 22-Jährige, die als Teen in den intensiven Cannabiskonsum (3 bis 5 g/Tag) eingestiegen seien und entwicklungspsychologisch auf der Stufe eines 15-Jährigen ständen – die Heranreifung des psychischen Apparats sei durch die Droge gewissermaßen ausgebremst worden.
Ebenfalls unerlässlich ist eine abstinenzorientierte Ausstiegshilfe. „Safer use“ in Analogie zu einem möglichen Therapieansatz bei abhängigen Erwachsenen zu propagieren, hält Schulte-Markwort „schlicht für zynisch“. Dies setze Entscheidungsfreiheit für oder gegen die Droge voraus – eine Option, über die Kinder und Jugendliche aber nicht verfügten. Sie konsumierten nicht, um Spaß zu haben, sondern versuchten, mit Cannabis oder Ecstasy ihre persönlichen Schwächen und Konflikte zu bewältigen.
Die Therapieangebote müssen darüber hinaus auf die spezifische Situation der Kids und Teens zugeschnitten sein, da in nicht spezialisierten Einrichtungen ein ungünstiger Einfluss durch ältere und teilweise verelendete Abhängige droht. Als bundesweit beispielhaft gilt das Modell der „Eppendorfer Familientherapie“. An dem unter Leitung von Thomasius durchgeführten Projekt haben sich 86 Familien mit einem drogenabhängigen Kind im Alter zwischen 13 und 17 Jahren beteiligt. Die Einbeziehung der Eltern und Geschwister zielte darauf ab, auch die Beziehungen und psychischen Befindlichkeiten innerhalb der Familie zu verbessern. Nach zwei Jahren war die Suchtproblematik in etwa drei Viertel der Fälle völlig behoben oder zumindest deutlich vermindert. Gabriele Blaeser-Kiel


Kongress „Süchtige Kinder und Jugendliche – Prävention und Therapie des Substanzmissbrauchs“ in Hamburg

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