ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Der hippokratische Eid: Ein zeitgemäßes Gelöbnis?

THEMEN DER ZEIT

Der hippokratische Eid: Ein zeitgemäßes Gelöbnis?

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2203 / B-1836 / C-1740

Eigler, Friedrich Wilhelm

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Entnommen aus: Der Eid des Hippokrates, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln
Entnommen aus: Der Eid des Hippokrates,
Deutscher Ärzte-Verlag, Köln
Der Eid bewahrt ein Erbe, das nicht nur historisches, sondern auch ärztlich-ethisches Interesse verdient.

Ein neuer hippokratischer Eid ?“ (1) – unter diesem Titel erschien vor kurzem im Rheinischen Ärzteblatt ein Bericht, der sich mit dem Versuch internistischer Berufsverbände befasste, zeitgemäße ethische Prinzipien zu formulieren. Einerseits möchte man diese Initiative begrüßen, andererseits fragt man sich, warum nicht ein übergreifenderes Gremium damit befasst wurde. Immerhin zeigt sich in dem Entwurf das Bedürfnis von Ärzten, sich ihrer ethischen Grundlagen im umfassenderen Sinn zu vergewissern. Bei der Diskussion in der Öffentlichkeit über ärztlich-ethische Fragen wird nicht selten von Laien auf den hippokratischen Eid als Vertrauensgrundlage verwiesen. Ihnen ist dabei offensichtlich nicht bewusst, dass der angehende Arzt heutzutage an keiner Stelle seines Berufslebens mit diesem Eid konfrontiert wird – abgesehen von nicht obligaten medizingeschichtlichen Vorlesungen – und dass er schon gar keinen Eid oder ein Gelöbnis ablegt.
Im Wesentlichen besteht der Eid aus vier Teilen: Anrufung der Götter, Versprechen gegenüber Lehrern und Schülern, Verhalten gegenüber den Patienten sowie Folgen von Wohl- und Fehlverhalten. Im Einzelnen: Die Anrufung göttlicher Instanz oder Instanzen im ersten Teil verbietet sich in einer säkularisierten Gesellschaft mit multikulturellen Tendenzen. Im zweiten Teil wird angesprochen, was heute völlig unzeitgemäß klingt – eine Art Zunftdenken. Dennoch sollte man nicht leichtfertig über den Gedanken hinweggehen, dass der ärztliche Beruf durch Verantwortung bestimmt ist, die ein besonderes Verhältnis von Lehrer- und Schülerschaft prägt oder doch prägen sollte.
Im dritten Teil findet sich der Kern dessen, worauf sich Laien beziehen, wenn sie sich auf den „hippokratischen Eid“ berufen. In der Kurzform des „salus aegroti suprema lex“ hat der Hauptgedanke des Patientenwohls den Ausgangspunkt für die moderne Diskussion um die Selbstbestimmung des Menschen, also auch des Kranken, gebildet und in der Umformung „voluntas aegroti suprema lex“ seinen Widerspruch gefunden. Wenn dabei gleichzeitig der zweite Grundsatz des „primum nil nocere“ nicht mehr tradiert wird, muss man fragen, ob der Gedanke des hippokratischen Eides überhaupt noch eine Rolle spielt.
Zusammen mit dem Autonomieprinzip ist die Schwächung des Gedankens der Schadensvermeidung aus ärztlicher Sicht besonders problemreich. So finden sich als gewisse Gegenbewegung Ansätze zur Frage der medizinischen Fürsorge im ethischen und auch im juristischen Diskurs. Die Verfechter der absoluten Selbstbestimmung hatten sogar Anstoß an einem vor Jahren (1978) ergangenen Urteil gegen einen Zahnarzt genommen, der dem ständigen Drängen einer Patientin nachgab und ihr alle nachweislich gesunden Zähne entfernte. Rechtsphilosophisch wurde gegen das Urteil eingewandt, dass der Arzt grundsätzlich dem Wunsch seiner Patienten zu folgen habe und dass der Arzt deshalb zu Unrecht verurteilt worden sei. Entgegen dieser Meinung wurde im vergangenen Jahr erneut ein Arzt wegen einer nicht indizierten Behandlung verurteilt, obwohl er eine Zustimmung nach einer sachgerechten Aufklärung des betroffenen Patienten nachweisen konnte (6).
Absage an aktive Sterbehilfe
Es lässt sich die fortschreitende Tendenz feststellen, wichtige ärztliche Grundsätze durch Rechtsprechung zu ersetzen. Daraus entwickelt sich zunehmend die Gefahr, dass Ärzte sich an dem eben noch gesetzlich Erlaubten orientieren und nicht nach dem Geist ärztlich ethischer Verpflichtung handeln. Eine besonders problematische Stelle des Eides betrifft das Bekenntnis des Abtreibungsverbots. Auch wenn heute diese Absolutheit nicht mehr akzeptiert wird, so wäre es dennoch wünschenswert, diese Tradition ins Bewusstsein zu bringen, um eine verantwortliche Indikationsstellung anzumahnen.
Lapidar wird der aktiven Sterbehilfe, die man euphemistisch seit dem vorigen Jahrhundert auch als Euthanasie bezeichnet, eine Absage erteilt. Auch wenn man in Deutschland infolge der Verbrechen unter dem Nationalsozialismus noch hellhörig ist, sollte die Ärzteschaft dennoch in einer Selbstverpflichtung klarstellen, dass Töten niemals zu den ärztlichen Aufgaben zählen darf. Im Prinzip ist das Arzt-Patient-Verhältnis von gegenseitigem Vertrauen abhängig, weil sich der Kranke oft über die übliche Schutz- und Schamgrenze hinaus dem Arzt ausliefern muss oder sich ihm ausgeliefert sieht. Darauf beruht der hohe Wert des Arztgeheimnisses, aber auch die überraschend deutliche Verurteilung sexueller Übergriffe im hippokratischen Eid. Leider sind wir von diesem Problem keineswegs frei (2). Der Eid endet im vierten Teil mit der traditionellen Formel von Lohn oder Strafe bei seiner Einhaltung oder seinem Brechen.
Nach Form und Inhalt bewahrt der Eid ein Erbe, das heute nicht nur historisches, sondern im Prinzip auch ärztlich- ethisches Interesse verdient: Forschung und Lehre sind auch in der Medizin großen Veränderungen unterworfen. Im Gegensatz dazu hat der Arzt und Philosoph Karl Jaspers (5) darauf hingewiesen, dass Humanität nicht planbar sei.
Charta zur Berufsethik
Jetzt wird von international-internistischer Seite an einer Charta zur ärztlichen Berufsethik gearbeitet. In einem begründenden Kommentar schreibt der Wuppertaler Internist Prof. Dr. med. Johannes Köbberling: „Der ,Eid des Hippokrates‘ ist außerdem nach Inhalten und Formulierungen völlig überholt. Er spielt nur noch als historische Reminiszenz eine Rolle.“(7) Die Präambel der Charta beginnt mit dem Satz: „Die ärztliche Berufsethik ist die Basis für den Kontrakt zwischen Medizin und Gesellschaft.“ Zu den folgenden grundlegenden Prinzipien wird dann aber an erster Stelle das Primat des Patientenwohls genannt, gefolgt von dem „Selbstbestimmungsrecht des Patienten“ und der „sozialen Gerechtigkeit“. Im Einzelnen werden die ärztlichen Verantwortlichkeiten behandelt, die mehr oder weniger berechtigt erscheinen und im Wesentlichen auch in der Berufsordnung zu finden sind. Man kann aber nicht erkennen, auf welche Weise eine Verbindlichkeit hergestellt werden soll. Damit bleibt das Problem, wie die jeweils nachwachsende Ärztegeneration an ihre Verpflichtungen in einer allgemeinen und feierlichen Form nachhaltig erinnert wird.
Dass daran bei einer jüngeren Ärztegeneration durchaus Interesse besteht, hat vor einigen Jahren ein Bericht aus den USA gezeigt. Bei einer Abschiedsfeier in Johns Hopkins rezitierten Studenten 1968 erstmals den hippokratischen Eid, was nicht bei ihren Kommilitonen, sondern den Fakultätsmitgliedern wegen der Passage über die Abtreibung zu Unruhe führte. Der Psychiater McHugh (8) kam beim Vergleich der nachfolgenden Eidmodernisierungen bis 1995 an den berühmten Medizinschulen von Johns Hopkins und Harvard zu einem bedrückenden Schluss. Er empfindet die modernisierten Eidesformeln als ich-bezogen und mager. Er gibt den Studenten folgenden Rat: Sie sollen aufhören, Eide zu rezitieren und sich stattdessen lieber dem Dienst am Kranken widmen. Sie würden dabei die Ideale medizinischer Praxis erkennen und: „wie vielen Kräften außerhalb der Medizin – kommerziellen, bürokratischen, ideologischen – widerstanden werden muss, um heutzutage das Leben und den Geist kranker Menschen zu schützen“. Er schließt: „Wenn die Studenten nachdenken, werden sie schließlich erkennen, dass nichts von dem, was sie bei ihren Versuchen herausgefunden haben, Hippokrates überrascht hätte.“
Einerseits erkennt man aus diesem Bericht die Bemühungen der jungen Generation, sich selbst in die Pflicht zu nehmen, andererseits aber auch die Gefahren zeitbedingter Veränderungen. In den vielfältigen Anfechtungen in heutiger Zeit auf politischer, administrativer, juristischer und ökonomischer Ebene sollte man über die von McHugh anvisierte Selbsterfahrung hinaus doch einen Halt oder wenigstens eine Richtung vorgeben. Tatsächlich gibt es so etwas schon: In der von der Bundes­ärzte­kammer erarbeiteten und von den Ärztetagen jeweils aktualisierten (Muster-)Berufsordnung (MBO) für die deutschen Ärztinnen und Ärzte (3) findet sich zu Beginn die lapidare Vorbemerkung: „Für jeden Arzt gilt folgendes Gelöbnis“, und dann heißt es: „Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren. Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes aufrechterhalten und bei der Ausübung meiner ärztlichen Pflichten keinen Unterschied machen weder nach Religion, Nationalität, Rasse noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von der Empfängnis an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. Ich werde meinen Lehrern und Kollegen die schuldige Achtung erweisen. Dies alles verspreche ich auf meine Ehre.“
Veränderte Reihenfolge
Im Vergleich zum hippokratischen Eid fällt die veränderte Reihenfolge auf.
Die MBO beginnt nach dem erwarteten Wegfall der göttlichen Anrufung mit einem allgemeinen Bekenntnis zur Menschlichkeit und der Zusicherung gewissenhafter Berufsausübung. Formeln, von denen man hofft, dass sie für alle Berufe beziehungsweise Berufstätige offiziell gelten sollten. Im Gegensatz dazu spricht der Eid nach den Studienbedingungen von der Verpflichtung des Arztes dem Patienten gegenüber zu dessen Wohl und Schadensabwehr und fügt gleich das Euthanasieverbot hinzu, das im Gelöbnis mit der Ehrfurcht vor jedem Menschenleben umschrieben wird.
Im Kern ist in dieser Gelöbnisfassung also Wichtiges enthalten. Dennoch gibt es ein Problem: Dieses Gelöbnis steht nur auf dem Papier, nämlich in den Unterlagen, die man zu Beginn der Mitgliedschaft in der Ärztekammer erhält. Im Sinne einer Stärkung des ärztlich-ethischen Bewusstseins sei deshalb der Vorschlag erneuert (4), bis zu einer besseren Regelung die neuen ärztlichen Mitglieder bei der jeweiligen Ärztekammerkreisstelle das Gelöbnis persönlich ablegen zu lassen, vergleichbar dem, was Staatsbedienstete, Soldaten, aber zum Beispiel auch Rechtsanwälte bei Aufnahme in den jeweiligen Verband leisten. Der Gehalt des hippokratischen Eides sollte jedenfalls auch heute noch leiten.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit3403 abrufbar ist.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Friedrich Wilhelm Eigler
Sundernholz 13
45134 Essen
Anzeige
1.
Brenn, J.: Ein neuer Hippokratischer Eid? Rheinisches Ärzteblatt, 2002, 12: 22
2.
Bühring, Petra : Grenzverletzungen in der Psychotherapie. Tabuisierung fördert die Täter.
3.
Dtsch. Ärzteblatt - Sonderdruck: (Muster-)Berufsordnung für die deutschen Ärztinnen und Ärzte. S.3
4.
Eigler, F. W.: Brauchen wir einen neuen Hippokratischen Eid? (Leserzuschrift), Rheinisches Ärzteblatt, 2003, 3: 16
5.
Jaspers, K.: Die Idee des Arztes und ihre Erneuerung. In: Lebendige Antike, Artemis: Hippokrates der wahre Arzt. Zürich und Stuttgart 1959
6.
Kern, B.-R. (Bearbeiter): Einwilligung in kontraindizierte Behandlungsmaßnahmen. (OLG Karlsruhe, Urteil vom. 11. September. 2002) MedR. 2003, 21: 104 - 107
7.
Köbberling, J. : Editorial zu Charta zur ärztlichen Berufsethik. Med. Klin. 2002, 97: 697
8.
McHugh, P. R. : Hippocrates a la mode. Nature Medicine 1996, 2 : 507 – 509
1. Brenn, J.: Ein neuer Hippokratischer Eid? Rheinisches Ärzteblatt, 2002, 12: 22
2. Bühring, Petra : Grenzverletzungen in der Psychotherapie. Tabuisierung fördert die Täter.
3. Dtsch. Ärzteblatt - Sonderdruck: (Muster-)Berufsordnung für die deutschen Ärztinnen und Ärzte. S.3
4. Eigler, F. W.: Brauchen wir einen neuen Hippokratischen Eid? (Leserzuschrift), Rheinisches Ärzteblatt, 2003, 3: 16
5. Jaspers, K.: Die Idee des Arztes und ihre Erneuerung. In: Lebendige Antike, Artemis: Hippokrates der wahre Arzt. Zürich und Stuttgart 1959
6. Kern, B.-R. (Bearbeiter): Einwilligung in kontraindizierte Behandlungsmaßnahmen. (OLG Karlsruhe, Urteil vom. 11. September. 2002) MedR. 2003, 21: 104 - 107
7. Köbberling, J. : Editorial zu Charta zur ärztlichen Berufsethik. Med. Klin. 2002, 97: 697
8. McHugh, P. R. : Hippocrates a la mode. Nature Medicine 1996, 2 : 507 – 509

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema