ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Attraktive Konzepte

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Attraktive Konzepte

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2210 / B-1841 / C-1745

Frotscher, M.

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LNSLNS Wenn ein junger Mensch heute Biologie oder Medizin studiert, dann wohl doch noch immer überwiegend deshalb, weil er entweder als Arzt kranken Menschen helfen möchte oder als Wissenschaftler in die Geheimnisse des Lebens eindringen will. Wird jemand also nicht klinisch tätiger Arzt, so ist primär anzunehmen, dass er an der Forschung interessiert ist. Geht der an Forschung interessierte Absolvent heute nicht mehr in die Anatomie? Sind die Autoren so zu interpretieren, dass die Forschung im Fach Anatomie nicht mehr interessant ist?
Hier wäre ich völlig anderer Auffassung. Immunogoldmarkierungen zur subzellulären Lokalisation von Proteinen mithilfe des Elektronenmikroskops, Lebendmikroskopie, konfokale Mikroskopie oder 2-Photonen-Mikroskopie sind nur einige Beispiele moderner Verfahren, die für ganz unterschiedliche biomedizinische Fragestellungen benötigt werden. Diese modernen Visualisierungstechniken gehören in den Bereich der Anatomie und sind, selbstverständlich im Zusammenhang mit interessanten Fragestellungen, zweifelsohne für viele junge Mediziner und Biologen von großem Interesse. Aber diese modernen Visualisierungstechniken müssen von den Anatomen aufgegriffen und weiterentwickelt werden! Stattdessen sehe ich die Gefahr, dass junge Anatomen neben den vielfältigen Aufgaben in der Lehre auch noch zusätzliche Qualifizierungshürden wie den Facharzt für Anatomie, Didaktik- und Rhetorikkurse aufgestellt bekommen und zudem auch noch frühzeitig in Gremien mitarbeiten sollen. Für alle diese Aufgaben kann man Positivargumente finden; sie holen unseren Nachwuchs aber aus dem Labor heraus! Kann es dann verwundern, dass der junge Absolvent, der forschen möchte, eine andere Disziplin wählt? Man muss sich dann auch nicht wundern, wenn Teile klassischer Forschungsgebiete der Anatomie, wie der Zellbiologie oder der Entwicklungsbiologie, wegbrechen und in anderen Disziplinen wieder auftauchen. Könnte es vielleicht sein, dass der „personelle Notstand“ durch einen konzeptionellen Notstand bedingt ist?
Und nun zu den „Lösungswegen“: Der Lehre in der Anatomie einen noch größeren Stellenwert einzuräumen, als sie ohnehin schon hat, wäre sicherlich kein Lösungsweg. Ich selbst bin nicht Anatom der Lehre wegen geworden, mache sie aber gern. Auch die meisten Urologen, Neurologen oder Herzchirurgen sind nicht wegen der Lehre in ihr jeweiliges Fach gegangen. Wenig hilfreich wird es sein, wenn man, wie von den Autoren vorgeschlagen, die Weiter­bildungs­ordnungen für Fachärzte mit Pflichtzeiten in der Anatomie versieht. Jemand, der mit Begeisterung Orthopäde werden will, wird eine solche Pflichtzeit in der Anatomie als ein „notwendiges Übel“ ansehen und kaum die moderne anatomische Forschung voranbringen. Auch der Vorschlag, mehr Möglichkeiten für die Teilzeitarbeit zu schaffen, erscheint mir kein geeigneter Lösungsweg für das Nachwuchsproblem. Die Anatomie ist ein Fach, das mit den großen Aufgaben in Forschung und Lehre begeisterungsfähige junge Wissenschaftler braucht (und durchaus auch bekommt), die regelmäßig bereit sind, über die normale volle Arbeitszeit hinaus noch im Labor zu stehen. Voraussetzung ist freilich, dass die Forschungsthemen attraktiv sind! Natürlich ist es richtig, wie die Autoren vorschlagen, Emeriti mit ihrem großen Erfahrungsschatz einzubinden. Das kann doch aber nicht ein Lösungsweg für die Nachwuchsproblematik sein! Und dann der Vorschlag, Wissenschaftler aus Osteuropa zu holen. Meinen die Autoren vielleicht, dass Wissenschaftler aus Osteuropa wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten in Deutschland zu gewinnen seien? Ist das eine Lösung für Nachwuchsprobleme? Glücklicherweise können heute aus allen Teilen Europas Wissenschaftler zu uns kommen. Sie kommen aber nur, wenn wir attraktive Forschungskonzepte haben. Und dann sollten wir die besten für unsere Anatomischen Institute gewinnen!
Die Autoren haben schon Recht; es gibt durchaus Probleme in der theoretischen Medizin. Eine magische Zeitlimitierung (Bulmahn-Gesetz) ist sicherlich keine optimale Lösung angesichts der gestiegenen Anforderungen an die Qualitätssicherung bei komplizierten Techniken oder auch angesichts der gestiegenen Anforderungen in der Lehre. Die Universität sollte in der Lage sein, entscheiden zu können, wie wertvoll ihr ein Mitarbeiter ist, wenn es um Verlängerung oder Kündigung geht. Gerade in der Lehre kann gelegentlich ein Bewerber mit langjähriger Erfahrung den Vorzug vor einem jüngeren, unerfahrenen Bewerber erhalten. Es sollte um die Sache, um die Eignung eines Bewerbers für eine Aufgabe gehen und nicht um die Zeit, die er schon an universitären Einrichtungen verbracht hat. Wenn es aber Nachwuchsprobleme gibt, wie sie die Autoren für das Fachgebiet Anatomie sehr düster zeichnen, dann ist wohl zu fragen, ob die Forschungskonzepte für unsere jungen Wissenschaftler nicht mehr attraktiv sind. Ich kenne eine Reihe Anatomischer Institute, die keine Nachwuchsprobleme haben. Es sind genau jene, die wegen ihrer Forschungskonzepte für den wissenschaftlichen Nachwuchs attraktiv sind.
Prof. Dr. M. Frotscher, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Freiburg, Albertstraße 17, 79104 Freiburg
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