ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Ein ärztliches Fach

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Ein ärztliches Fach

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2211

Kaiser, E.

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Personalmangel in Anatomischen Instituten war das Titelthema in Heft 24/2003.
Personalmangel in Anatomischen Instituten war das Titelthema in Heft 24/2003.
Da auch die Anatomie (trotz aller Benachteiligungen und trotz des „Verlustes des Berufsbildes Anatom“) noch immer zur „medizinischen“ Fakultät gerechnet wird, sollte man auch die Anatomie „ärztlich“ betrachten. Denn ein Hauptgrund für die heutige Situation der Anatomie ist Folge ihrer „Loslösung vom ärztlichen Geschehen“. Und die Wiederherstellung ihrer Stellung innerhalb des ärztlichen Handelns ist eigentlich der primäre „Lösungsweg“, dem alle übrigen angegebenen Wege folgen.
Eine Aufwertung des Grundlagenfaches Anatomie innerhalb der ärztlichen Ausbildung ist dringend geboten, auch wegen bestehenden oder drohenden Personalmangels, besonders aber wegen ihrer zentralen Bedeutung für den behandelnden Arzt. Darauf weisen auch Umfragen bei niedergelassenen Ärzten hin, die einhellig betonen, dass das für ihre ärztliche Tätigkeit wichtigste Fach die Anatomie ist. Ähnlich beurteilen Studenten den anatomischen Unterricht. Ähnlich auch z. B. ein Ordinarius für Radiologie, der 70 % seiner Tätigkeit in der Anwendung anatomischen Wissens sieht. Und die Beliebtheit der vielen von der Anatomie durchgeführten Operationskurse bestätigt es ebenfalls.
Für die Aufwertung des Faches Anatomie sind die genannten Lösungswege allerdings nur zweitrangig. Das Wesentlichste ist meiner Meinung nach, dass in einem ärztlichen Fach auch Ärzte arbeiten. Biologen, Genetiker, Materialprüfer usw. müssen die Ausnahme bleiben (ähnlich wie auch ein Chirurg, dessen Patient neben seinem Knochenbruch an einer Herzinsuffizienz leidet, die Erforschung des Herzleidens nur im Nebenhinein betreiben darf). Ärzte können auch im Rahmen ihrer Forschungsprojekte den Kontakt zur Klinik herstellen, indem sie z. B. die Patienten, deren Untersuchungsergebnisse sie für ihre Forschungen verwenden, mitbehandeln und dadurch zusätzliche Einblicke erhalten. Durch eine solche Wiederherstellung des Kontaktes zum Patienten wird dem Verlust des Berufsbildes Anatom wirkungsvoller entgegengearbeitet als durch Anatomieordinarien, die auf die Frage nach der Anwendbarkeit ihres wissenschaftlichen Spezialwissens auf die Therapie von Patienten antworten, das wüssten sie nicht, denn sie würden als Anatomen nur Fakten darlegen. Die Zukunft des Faches Anatomie wird also keineswegs durch die wissenschaftliche Qualifikation des akademischen Nachwuchses gesichert, vor allem wenn sich die Tätigkeit auf sachfremde Gebiete wie Zell- und Entwicklungsbiologie oder Biomaterialforschung ausweitet. Denn gerade solche Bereiche, die nicht umsonst den Namen Biologie tragen, führen eher zum Verlust des Berufsbildes Anatom.
Nebenbei, der Einsatz von Emeriti als Honorarfachkräfte ist zwar wegen des hohen Fachwissens wünschenswert, doch sind nach meinen Erfahrungen in München gerade die kompetenten Kollegen nicht zu erneuter Tätigkeit bereit, da auch sie die derzeitige Situation analysieren und ihnen eine weitere Mitarbeit nicht wünschenswert erscheint. Es wird im Gegenteil sogar über ein verfrühtes Ausscheiden aus dem Dienst nachgedacht. Ebenso ist die Einführung von Pflichtweiterbildungszeiten keine sinnvolle Lösung, da ein Kollege erfahrungsgemäß dann den Arbeitsplatz wechselt, wenn er sich endlich eingearbeitet hat. Er belastet also anstatt zu entlasten.
Der Bezug der Anatomie zur Lehre ist uralt. Denn in der Anatomie lernt man u. a. die Grundlage der ärztlichen Fachsprache und stellt innerhalb des Studienganges den ersten wirklichen Kontakt zu Ärztlichem und auch zum Patienten her, wenn auch meist in extremer Form. Hier wird festgelegt, wie der Student sich später zum Patienten, zur Forschung usw. verhält. Und um hier einen angemessenen Unterricht gewährleisten zu können, muss (nicht „sollte“ oder „es wird empfohlen“) eigentlich jeder, der in der Anatomie eine Dauerstelle anstrebt, Kenntnisse und Fähigkeiten (so die Formulierung in den verschiedenen Facharztordnungen) in Pädagogik nachweisen, d. h., er muss sich die Grundlagen der Pädagogik in Vorlesungen und Kursen aneignen. Alle übrigen Maßnahmen wie Gruppengrößen, Tischbetreuungsrelationen müssen auf lokale Notsituationen beschränkt bleiben. Besonders wichtig ist, dass aus den vielen zur Verfügung stehenden Lehrmethoden diejenigen ausgewählt werden, die für das Studium am geeignetsten sind, d. h. die in kürzester Zeit das meiste Wissen vermitteln können. Hier richtungweisend zu wirken, hat auch die neueste Studienreform versäumt. Es wäre viel wirkungsvoller, der Anatomie innerhalb der Lehrveranstaltungen die Bedeutung zurückzugeben, die ihr innerhalb des ärztlichen Handelns zusteht, d. h. die klinisch-topographische Anatomie wieder im klinischen Teil des Studiums zu lehren und im Staatsexamen zu prüfen.
Der Bezug der Anatomie zur Lehre äußert sich übrigens auch beispielsweise in der Tatsache, dass Studenten sich gerne als Koassistenten im Präparierkurs oder für Demonstrationen zur Verfügung stellen, soweit es ihr Stundenplan zulässt.
Eine wesentliche Maßnahme, die die personelle Situation in der Anatomie verbessern würde, ist die längst überfällige Einführung des „Facharztes Anatomie“ und sind nicht „Habilitationsänderungen“ oder „Juniorprofessuren“.
Ich bin überzeugt, dass der personale Notstand in der Anatomie der Vergangenheit angehört, wenn die von Prof. Fischer und Prof. Papst angegebenen Lösungswege in modifizierter Form durchgeführt werden.
Dr. E. Kaiser, Pettenkoferstraße 11, 80336 München
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