ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Schlusswort

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Nadelöhr für die Medizinerausbildung: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2212

Fischer, Bernd

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LNSLNS Das in verschiedener Form (Briefen, Anrufen, Gesprächen) geäußerte Interesse an unserem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt und die beiden ausführlichen und inhaltlich kontroversen Leserbriefe zeigen uns nicht nur die Aktualität des Themas, sondern auch, in welch schwieriger Lage sich die Anatomie derzeit befindet. Die beiden Zuschriften kennzeichnen stellvertretend für viele weitere Reaktionen auf unseren Beitrag wichtige Facetten des Nachwuchsproblems. Während Herr Kollege Frotscher die Lehre als etwas mehr Nebensächliches beschreibt, betont Herr Dr. Kaiser die ärztlichen Aspekte der Anatomie und wünscht sich sogar Patientenkontakte. Diese beiden zugespitzten Standpunkte lösen unserer Meinung nach die Nachwuchsproblematik in unserem Fach nicht. Der Anlass für unseren Beitrag war eine Umfrage bei allen Anatomischen Instituten in Deutschland und die eindeutigen Ergebnisse und nicht die Situation in unseren eigenen Instituten. Verschiedene Passagen in dem detaillierten Brief von Herrn Kollegen Frotscher zu aktuellen Forschungsmethoden und Fragestellungen in der Anatomie unterstreichen unsere Ausführungen zur Bedeutung einer „national und international wettbewerbsfähigen Forschung“ und unsere Hinweise auf interdisziplinäre Forschung. Wir hatten ausgeführt, dass „die Zukunft des Faches Anatomie durch die wissenschaftliche Qualifikation des akademischen Nachwuchses gesichert“ werden muss. „Attraktive“ Forschung mit interessanten wissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden sind jedoch kein Allheilmittel. Das lässt sich allein schon dadurch nachweisen, dass die Anatomischen Institute, die angeblich kein Nachwuchsproblem haben, vielfach ganz andere Standortvorteile als attraktive Forschung bieten. Bewerbern sind bei ihrer Berufs- und Standortwahl häufig andere Prioritäten (attraktive Wohnorte, Lebensqualität, Lebenshaltungskosten, Vertragsdauer, mittel- und langfristige berufliche Perspektive von Stelle und Fach, persönliche Beziehungen zu Professoren) wichtiger als das Forschungsgebiet und die internationale Reputation der Arbeitsgruppe. Dies ist zwar unter dem Aspekt der Hochleistungsforschung bedauerlich, spiegelt aber die reale Bewerbungssituation und Arbeitswelt wider. Unsere Lösungsvorschläge waren in kurz- und langfristig unterteilt. Einige Vorschläge zur Minderung der Nachwuchsproblematik (Teilzeitarbeit, Emeriti, Ärzte aus Osteuropa) dienten der kurzfristigen Absicherung der Lehre und sollen dadurch helfen, Zukunftschancen für den Nachwuchs mit mehr Zeit für Forschung zu schaffen. Wir teilen die Meinung von Herrn Kollegen Frotscher über den Stellenwert der Lehre nicht. Wir sind der Meinung, dass sie nicht nur die zweite Säule unseres Berufes, sondern gleichzeitig auch ein wesentliches Element der Nachwuchsproblematik ist, gerade dann, wenn die Lehre bei der Leistungsbewertung der akademischen Mitarbeiter innerhalb der Institute und innerhalb der Fakultäten nicht fair verteilt und berücksichtigt wird. Es ging uns nicht darum, der Lehre in der Anatomie einen „noch höheren Stellenwert“ einzuräumen, wie Herr Kollege Frotscher schreibt, sondern der Lehre in Ergänzung zur Forschungsevaluation endlich die höhere Wertschätzung in der Leistungsbewertung und Mittelverteilung in den Fakultäten zu geben, die ihr zusteht. Es war nicht Ziel unseres Beitrags, wie Herr Kollege Kaiser schreibt, auf die Einschätzung der großen klinischen Relevanz, besonders der makroskopischen Anatomie, durch Medizinstudierende und praktizierende Ärzte hinzuweisen, weil dazu bereits früher repräsentative Daten zurzeit des Staatsexamens und durch Ärzte zurzeit der Facharztprüfung publiziert worden sind. Auf den Hinweis auf eine „Einführung des Facharztes Anatomie“ durch Herrn Dr. Kaiser möchten wir erläutern, dass es in zahlreichen Weiter­bildungs­ordnungen von Lan­des­ärz­te­kam­mern diesen Facharzt seit Jahren gibt. Die Anatomische Gesellschaft hat für Nicht-Mediziner den „Fachanatomen“ geschaffen, vergleichbar zum „Fachpharmakologen“. Die Forderung von Herrn Kollegen Frotscher, dass die Universitäten über Verlängerung oder Kündigung von Mitarbeitern entscheiden und so aktive Nachwuchspolitik betreiben sollten, ist uneingeschränkt zu unterstützen. Nur: Sie geht an den Vorgaben des Arbeits- und Tarifrechtes vorbei und ist derzeit kein realistischer Ansatz zur Lösung des Nachwuchsproblems. Schließlich: Die von uns dargestellte Situation in der Anatomie ist nicht nur typisch für Deutschland. Nach einer Meldung in Science Ende Februar 2003 haben über 80 % der anatomischen Departments in den USA „great or moderate“ Probleme, qualifizierten akademischen Nachwuchs zu finden. Und dieser Mitteilung zufolge bedienen sich die US-Fakultäten genau einiger der Vorschläge, die wir in unserem Artikel für Deutschland angeregt haben.

Literatur bei den Verfassern

Prof. Dr. Dr. Bernd Fischer, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle/Saale
Prof. Dr. Reinhard Pabst, Abteilung II: Funktionelle und Angewandte Anatomie, Zentrum Anatomie der Medizinischen Hochschule Hannover
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