ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Plastination: Reglementierungsgrund besteht nicht

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Plastination: Reglementierungsgrund besteht nicht

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2215 / B-1846 / C-1749

Kaiser, E.

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Foto: Institut für Plastination
Foto: Institut für Plastination
Mit der Ethik ist es wie mit den Dogmen der Kirche. Erst wenn ein Glaubenssatz, eine Verhaltensweise, nicht mehr allgemein akzeptiert, nicht mehr gelebt wird, muss er zum Zwangsglauben erhoben werden, da er sonst seine Bedeutung verliert. Zurzeit ist gerade in der Medizin Ähnliches zu beobachten. Überall bilden sich selbst ernannte Ethikkommissionen, die zu Transplantation, zum Umgang mit Patienten, zum Sterben und seit neuestem auch zum Umgang mit anatomischen Präparaten oder sonstigen Körperteilen ihre oft unreflektierten Ansichten als Empfehlungen mit Verbindlichkeitsanspruch anpreisen. Die Herausgeber solcher „Empfehlungen“ sollten immer mit Name und Adresse genannt sein.
Der Umgang mit Präparaten diente und dient der Ausbildung von Ärzten oder der Erforschung medizinischer Probleme. Um die mit „Leichen“ zusammenhängende Sensationslust in Schranken zu halten, wurden für die Besichtigung von Präparatsammlungen (zum Teil sehr hohe) Eintrittsgelder erhoben. Die Hersteller der Präparate waren sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst, sowohl beim Umgang mit und bei der Herstellung von Präparaten als auch bei der „Materialbeschaffung“, die sich zu allen Zeiten an den geltenden Gesetzen und an den zeitgemäßen ethischen Vorstellungen orientierte und immer streng geregelt war. Daran hat sich nach meinen Erfahrungen in München nichts geändert. Im Gegenteil, ich kenne einige, die mit Präparaten viel „achtungsvoller“ umgehen als mit Studenten oder Patienten. Ein Grund für eine Reglementierung besteht daher nicht. Bis heute sah der Gesetzgeber zu Recht von sich aus keinen Handlungsbedarf.
Was den „Umgang mit Präparaten aus der Zeit des Nationalsozialismus“ angeht, so sollte man diese Zeit endlich einmal ruhen lassen und die entsprechenden Präparate so behandeln wie Autobahnen oder Gebäude, die auf enteigneten Grundstücken erbaut wurden und die man heute auch nicht einfach abreißt. Generelle „Recherchen“, die natürlich auch „Geld kosten“, sind daher strikt abzulehnen. Falls wirklich jemand „nachforschen“ will, dann nur im eigenen Bereich und auf eigene Kosten. Der Anstoß zu solchen Nachforschungen kommt nach meinen Erfahrungen meist von Angehörigen bestimmter Ideologien und Religionen. Und Nachforschungen dürfen nicht auf dem Umweg einer ethischen Säuberung Schuldzuweisungen möglich machen.
„Schwarze Schafe“ wie Prof. Dr. med. Gunther von Hagens hat es zu allen Zeiten gegeben. Doch wurden solche Fehlgriffe bei der Beschaffung, Herstellung und Ausstellung von Präparaten immer angeprangert und im Rahmen der legalen Möglichkeiten verhindert. Zur Verhinderung solcher „unethischer“ Verhaltensweisen eignen sich aufgezwungene „Empfehlungen“ nicht. Viel wichtiger ist es, den Studenten durch persönlichen, „achtungsvollen“ Umgang mit Patienten und auch mit Präparaten ein Vorbild zu geben. Und darauf warten die Studenten. Das hat das Gespräch zwischen Standesvertretern und Studenten auf einer der letzten Ärztetagungen gezeigt, in dem die Studentenvertreter vor allem das Fehlen solcher Leitbilder bedauert haben, die Ethik nicht nur propagieren, sondern vorleben. Ethik hat tatsächlich ihren Preis, nur wollen den die meisten nicht zahlen.
Dr. med. E. Kaiser,
Pettenkoferstraße 11, 80336 München
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