ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Form, Farbe und Bewegung

MEDIZIN: Diskussion

Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Form, Farbe und Bewegung

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2237 / B-1863 / C-1766

Nocke, Helmut

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LNSLNS Die Gewichtung ausgewählter Qualitäten des Gesichtssinnes nach verkehrsmedizinischen Erkenntnissen stimmt weitgehend mit Ergebnissen aus der physiologischen Grundlagenforschung überein.
So mag es zunächst verblüffen, dass das Farbensehen für den Straßenverkehr von untergeordneter Bedeutung sein soll. Doch steht diese Aussage sehr wohl im Einklang mit Ergebnissen der experimentellen Sinnesphysiologie. Dazu schreibt der Sehphysiologe Hubel (Nobelpreis 1981 zusammen mit Wiesel und Sperry): „Ich vermute, dass Hell-Dunkel-Grenzen die wichtigste, wenn auch keineswegs die einzige Komponente unserer Wahrnehmung darstellen. Sicherlich hilft auch die Farbe von Objekten bei der Abgrenzung ihrer Konturen, jedoch deuten unsere neueren Untersuchungen darauf hin, dass die Bedeutung der Farbe für die Formerkennung beschränkt ist. [. . .] Was an den Grenzlinien geschieht, ist das einzige, was man zu wissen braucht: Das Innere ist langweilig“ (1).
Von Bedeutung ist demzufolge nicht überwiegend die Farbe an sich, sondern die durch den Kontrast konstituierte Form oder Kontur – eine nützliche Erkenntnis für Verkehrstechnik und Verkehrsmedizin.
Die dem Aufsatz zu Grunde liegende „Empfehlung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft zur Fahreignungsbegutachtung für den Straßenverkehr“ (2) enthält einen gut begründeten Kanon augenärztlicher Untersuchungsverfahren. Dennoch ist – aus physiologischer Sicht des Diskutanten – eine Qualität des Gesichtssinnes, die gerade beim Steuern eines Fahrzeuges von besonderer Bedeutung ist, nur unzureichend berücksichtigt worden: das Bewegungssehen. Zwar sind die zur Untersuchung empfohlenen Sehfunktionen auch notwendig für das Bewegungssehen; hinreichend dafür sind sie aber nicht. Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass es Menschen gibt, die die statischen und quasi-statischen Tests recht gut bestehen, deren Bewegungssehen aber nicht ausreicht, ein schnelles Fahrzeug sicher zu führen. Die Computertechnik bietet gute Möglichkeiten, auch diese komplexe Qualität des Gesichtssinnes zu untersuchen. Jedoch mögen der Etablierung und Bewährung eines solchen Tests in der Praxis große Schwierigkeiten entgegenstehen.

Literatur
1. Hubel D H: Auge und Gehirn. Heidelberg: Spektrum der Wissenchaften 1990; 97.
2. Empfehlung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft zur Fahreignungsbegutachtung für den Straßenverkehr. Zweite Auflage. http://www.dog.org/literatur/traffic_1999.html

Dr. med. Helmut Nocke
Institut für Physiologie
Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg

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