ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Norm keine Rechtfertigung

MEDIZIN: Diskussion

Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Norm keine Rechtfertigung

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2238

Schmitt, Torsten

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Autor erweckt mit seinem Artikel den Eindruck, dass die konsequente Erfüllung der ISO 8596/8597 als aktueller Stand der ärztlichen Kunst eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr gewährleist. Die gültigen Normen rechtfertigen dies jedoch keineswegs. So erfüllt von den in der Praxis üblichen Einblickgeräten keines alle Punkte der ISO 8596/8597 vollständig: Entweder sind beispielsweise stets Reihen für alle Visustufen sichtbar (Rodatest, Binoptometer) oder die Leuchtdichten von Sehzeichen beziehungsweise Hintergrund entsprechen nicht der ISO (siehe zum Beispiel [2]). Unter einer solchen Voraussetzung ist zwar eine objektive, gerätespezifische Visusbestimmung möglich, aber eben nicht eine objektive Visusbestimmung mit verschiedenen Geräten (zum Beispiel [1]). Dies wurde in der Vergangenheit schon mehrfach belegt. So ist es verwunderlich, dass der Verfasser insbesondere bei der Visusbestimmung auf der Basis harter Zahlen argumentiert, was jedoch bei biologischen Größen problematisch ist, da sie typischen intraindividuellen Streuungen unterliegen. Wie soll denn die Tagesform bei einem Visustest berücksichtigt werden? Weder die Fahrerlaubnisverordnung, noch die ISO gibt über diesen ärztlich relevanten und in Grenzfällen lebensqualitätsentscheidenden Sachverhalt Auskunft.
Der Autor zeigt weiterhin anhand einer Bildserie, wie sich die Sehschärfe mit abnehmendem Visus verschlechtert. Er vergleicht hier ein technisches System (defokussierte Optik), welches nur geringen Toleranzen unterliegt, mit einem biologischen System. Eine einfache Defokussierung ist meiner Meinung nach zur Verdeutlichung der Sehschärfte im Alltag nicht zulässig, da ein fehlsichtiger Mensch sich über Jahre an diesen Zustand adaptieren und dabei Kompensationsmechanismen entwicklen kann.
Abbildung 1 b des Beitrags zeigt eine Defokussierung auf Visus 0,7. Hat er dabei bedacht, dass es bei Standardmessverfahren nach ISO-Norm (siehe oben) einen Bezug zu Visus 0,7 gar nicht gibt? Entsprechende Sehtafeln bauen letzlich auf einer arithmetischen Mittelung auf, die jedoch aufgrund der logarithmischen Basis nicht zulässig ist und der ISO-Norm nicht entspricht. Paradoxerweise tauchen solche Werte bei Führerscheinprüfungen immer wieder auf. Dies zeigt letztlich die Uneinheitlichkeit des Richtlinienwesens.
Es wäre zu wünschen, dass eine Methodendiskussion zu diesem Thema in Gang kommt. Es kann nicht sein, dass Ansätze zur Methodenverbesserung (zum Beispiel automatische Sehschärfebestimmung) seit Jahren nicht vorankommen und dies auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen wird.
Literatur
1. Heer B, Nikolov G: Vergleich der Visusergebnisse verschiedener Sehtestgeräte mit dem Visus nach DIN, Stand 16. 4. 2003, http://www.opthometrie.ch/shfa/ sem_heer/sem_heer.pdf
2. Menozzi M, Stuedeli T: Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen in der Praxis – am Beispiel der Sehschärfebestimmung der Optiker in der Stadt Zürich, Stand 16. 4. 2003, http://www.iha.bepr.ethz.ch/pages/leute/stuedeli/Publi/Test_GfA_2002-Seh-Screening-CH.pdf

Torsten Schmitt
Kaiserstraße 27
55116 Mainz
E-Mail: mail@schmitt-torsten.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.