ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Dynamisches Sehen vergessen

MEDIZIN: Diskussion

Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Dynamisches Sehen vergessen

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2238

Ulmer, Hans-Volkert

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LNSLNS Herr Kollege Lachenmayr zeichnet ein Unfallszenario durch altersbedingte Defizite des Sehvermögens, so als ob es nicht gerade die jungen Führerscheininhaber sind, die trotz eines viel besseren Sehvermögens eine deutlich höhere Unfallquote aufweisen. Deren mangelnde Erfahrung spiegelt sich in massiv erhöhten Versicherungsprämien wider. Eventuell dann im Alter wieder ansteigende Unfallquoten müssen nicht zwangsläufig mit altersbedingten Defiziten des Sehvermögens – auch bei nachgewiesener statistischer Signifikanz – ursächlich zusammenhängen: es gibt noch weitere, altersbedingte Defizite. Diese Banalitäten zeigen, wie unzureichend die statistische Basis des Wissens des Autors ist.
Aber auch aus arbeitsphysiologischer Sicht seien Bedenken angemeldet: Herr Lachmayer stützt sich ausschließlich auf statische Sehfunktionen, die er mit seinen Kollegen in einer abstrakten Situation testet. Entscheidend ist jedoch das funktionelle (beziehungsweise dynamische) Sehen (zum Beispiel: http://www. uni-mainz.de/FB/Sport/physio/pdffiles/
nuernb99.pdf). Dabei geht die Erfahrung im Umgang mit der speziellen Aufgabe maßgeblich ein. Dies gilt auch für Kompensationsmechanismen, die vom Autor nur einmal gestreift werden. Ist ihm denn entgangen, dass gerade in den Vorbemerkungen der Anlage 4 zur Fahrerlaubnisverordnung (FeV) ein Dreizeiler zu Kompensationsmechanismen enthalten ist? Da wäre es in einem Übersichtsartikel doch angebracht gewesen, Empfehlungen darüber abzugeben, wer und vor allem wie in Grenzfällen über vorhandene Kompensationsmechanismen zu entscheiden wäre: Aus arbeitsphysiologischer Sicht kommt angesichts der Komplexität der Tätigkeit nur eine Prüfung beim Umgang mit der zu bewältigenden Aufgabe (gegebenenfalls auch in einem sehr realitätsnahen Simulator) in Frage, keineswegs aber ein Test im Untersuchungsraum durch Augenärzte oder Psychologen.
Die neue FeV entstand unter maßgeblicher Beteiligung der oben genannten Verkehrskommission mit Überbewertung statischer Sehtests. Da wundert es nicht, dass nach kurzer Zeit eine „Reparaturverordnung“ fällig war, unter anderem auch wegen der ursprünglichen Überbewertung des Schielens. Wenn der Autor „steroskopisches Sehen (querdisparates Tiefensehen)“ als allein maßgeblich für das Tiefensehen darstellt, sei ihm der Blick in ein Physiologiebuch geraten. Ist ihm denn bisher noch nie aufgefallen, über welch erstaunliche Kompensationsmechanismen Einäugige beim Tiefensehen verfügen können?
So bleibt zu hoffen, dass durch den Übersichtsbeitrag von Herrn Lachenmayr die überfällige Diskussion um den Stellenwert statischer Sehtests und über Kompensationsmechanismen zum Wohle vieler Betroffener in Gang kommt.

Prof. Dr. med. Hans-Volkert Ulmer
Sportphysiologische Abteilung, FB 26
Universität
55099 Mainz
http://www.uni-mainz.de/FB/Sport/
physio/pdffiles/arbmed22.pdf

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