ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Dynamisches Sehen vermisst

MEDIZIN: Diskussion

Anforderungen an das Sehvermögen des Kraftfahrers: Dynamisches Sehen vermisst

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2239

Ehrenstein, Walter H.; Wist, Eugene R.

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LNSLNS Der ansonsten ausführliche und ausgewogene Übersichtsartikel von Lachenmayr blendet merkwürdigerweise das dynamische Sehen ganz aus. Darin folgt er der bisherigen Praxis, die nur statische Tests für die Sehprüfung nach dem berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 25 sowie der Fahrerlaubnisverordnung vorsieht.
Die Kontrolle eines Fahrzeuges ist aber ein dynamischer Vorgang, bei dem die Wahrnehmung von bewegten Objekten kritisch ist. Das Ausgrenzen dynamischer Prüfverfahren ist sicher kaum darauf zurückzuführen, dass die Bedeutung des Bewegungssehens für die visuelle Leistungsfähigkeit im Verkehr strittig wäre, sondern ist (genau genommen: war) vor allem in methodischen Schwierigkeiten begründet. Die bisherigen Messmethoden waren zu aufwändig und umständlich, um Eingang in die Routinediagnostik zu finden.
Um diesen Mangel zu beheben wurde in den letzten Jahren mit dem Düsseldorfer Test für Dynamisches Sehen (DTDS) ein leicht handhabbares, PC-gestütztes Prüfverfahren entwickelt (1–4). Der Prüfreiz, ein Landoldtring, wird durch kurzfristige Reizbewegung gegenüber dem Hintergrund sichtbar, hebt sich also durch Bewegungskontrast vom Hintergrund ab. Grundidee bei der Entwicklung dieses Reizmusters war es, gezielt die bewegungsempfindlichen Einheiten des Sehsystems zu reizen und zugleich die auf Leuchtdichte reagierenden Einheiten neutral zu halten.
Durch zahlreiche neuroanatomisch funktionelle Untersuchungen ist es inzwischen erwiesen, dass die Verarbeitung von Bewegungs- und Helligkeitsinformationen in getrennten Sehbahnen und Sehrindenbereichen erfolgt (3). Mit dem DTDS wurden bisher insgesamt mehr als 2 000 Personen im Alter von 4 bis 84 Jahren untersucht (2, 4). Die Gruppe der 20- bis 24-Jährigen zeigte die beste Leistung. Ihre mittle-
re Trefferrate lag für die höchste Kontraststufe bei 85 Prozent mit einem
allmählichen Abfall bei niedrigeren Kontraststufen. Es zeigte sich außerdem ein markanter Abfall der Sehleistung bei den über 60-Jährigen (4). Zwischen der DTDS-Leistung und der statisch bestimmten Sehschärfe zeigten sich keine signifikanten Korrelationen.
Die herkömmliche Sehdiagnostik liefert zwar grundlegende, jedoch höchst einseitige Informationen über die im Alltag bei Fahr- und Steuertätigkeiten (und nicht nur dort) tatsächlich einsetzbaren beziehungsweise geforderten Sehfunktionen. Ohne die inzwischen leicht mögliche Prüfung des dynamischen Sehens bleibt unsere Kenntnis der verfügbaren Sehleistung und damit gegebenenfalls verbundenen Sicherheitsrisiken lückenhaft. Es gilt also vorrangig dynamische Sehtests zu entwickeln, im Routineeinsatz zu erproben und zu validieren (erste Ansätze in [1]), mit dem Ziel, sie langfristig den etablierten Sehtests gleichwertig an die Seite zu stellen.

Literatur
1. Ehrenstein WH, Wist ER, Cavonius CR: Visual acuity bases on motion contrast: evaluation with professional drivers. In: Mital A, Krueger H, Kumar S, Menozzi M, Fernandez JE, eds.: Advances in Occupational Ergonomics and Safety. Cincinnati, OH: /ISOES 1996; 1: 215–220.
2. Schrauf M, Wist ER, Ehrenstein WH: Development of dynamic vision based on motion contrast. Experimental Brain Research 1999; 124: 469–473.
3. Wist ER, Ehrenstein WH, Schrauf M: A computer-assisted test for the electrophysiological and psychophysical measurement of dynamic visual function. Journal of Neuroscience Methods 1998; 80: 41–47.
4. Wist ER, Schrauf M, Ehrenstein WH: Dynamic Vision based on motion-contrast. Changes with age in adults. Experimental Brain Research 2000; 134: 295–300.

Dr. rer. nat. Walter H. Ehrenstein
Institut für Arbeitsphysiologie
Ardeystraße 67
44139 Dortmund
ehrenst@ifado.de

Prof. Eugene R. Wist PhD
Institut für Experimentelle Psychologie II
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Universitätsstraße 1
44225 Düsseldorf
wist@uni-duesseldorf.de

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