ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Antihistaminika: In einzelnen Fällen kardiotoxisch

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Antihistaminika: In einzelnen Fällen kardiotoxisch

Bischoff, Martin

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LNSLNS Antihistaminika sind wegen ihrer guten Wirksamkeit gegen allergische Symptome von Atemwegen und Haut in der Therapie fast unverzichtbar. Moderne Substanzen sedieren praktisch nicht mehr und haben fast keine Nebenwirkungen. Die Welt der Antihistaminika ist jedoch inzwischen nicht mehr ganz so heil, wie sich auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Allergie- und Immunitätsforschung in München zeigte.
Vor allem der letzte Punkt – das Fehlen von Nebenwirkungen – muß heute relativiert werden. Der Grund dafür ist, wie Prof. Johannes Ring (München) in seiner Einführung betonte, daß vereinzelte schwere Herzrhythmusstörungen bis hin zum plötzlichen Herztod durch Antihistaminika induziert wurden. Laut Prof. Claus Bachert (Mannheim) sind weltweit bisher etwa 350 Fälle bekanntgeworden. Als Ursachen nannte er Überdosierung des Antihistaminikums, Vorerkrankungen von Leber, Herz oder Niere und vor allem Interaktionen mit anderen Medikamenten.
Die bisher bekannten Fälle traten meist bei Einnahme von lipophilen Antihistaminika auf, zum Beispiel Terfenadin oder Astemizol. Diese "Prodrugs" werden in der Leber mit Hilfe eines speziellen Zytochrom-P450Isoenzyms zur eigentlichen Wirksubstanz metabolisiert.
Andere Substanzen wie Ketokonazol, Erythromyzin, oder auch Klasse-Ia- oder Klasse-III-Antiarrhythmika, die auch über das gleiche Enzym (Isoenzym 3A4) verstoffwechselt werden, können die Metabolisierung der Antihistaminika verzögern. Dadurch steigt der Plasmaspiegel des Prodrugs an, welches durch Hemmung des Kaliumeinstroms gravierende Rhythmusstörungen auslösen kann. Hydrophile Antihistaminika wie zum Beispiel Acrivastin und Cetirizin sind nicht mit diesem Problem belastet, da sie nicht metabolisiert werden. Sie sind bereits selbst pharmakologisch aktiv und werden zu 90 Prozent direkt über die Nieren ausgeschieden. Alle anwesenden Referenten beurteilten wegen der Gefahr der Überdosierung und Medikamenten-Interaktionen deshalb den rezeptfreien Verkauf von Antihistaminika sehr kritisch.
Vielmehr muß der niedergelassene Arzt hier eine wichtige Beratungsfunktion wahrnehmen. Er muß dem Patienten klarmachen, welches individuelle Risiko bei ihm wegen seiner Grundkrankheiten und Komedikation vorliegt und daß "mehr (Antihistaminikum) nicht mehr hilft, sondern dieses Risiko weiter erhöht".
Martin Bischoff
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