ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Kunst und Psyche: Jenseits der ersten Assoziation

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Kunst und Psyche: Jenseits der ersten Assoziation

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): A-2242 / B-1868

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Eine auch heute noch eher ungewöhnliche Angabe: „Installationsmaß variabel“. Es handelt sich aber nicht um kinetische Kunst, die sich, von Motoren oder auch vom Wind bewegt, immer wieder verändert. Auch bei einer aus Einzelteilen bestehenden Skulptur, die keiner festgelegten mechanischen Choreographie folgt, würde zumindest ein Plan für den Aufbau existieren. Bei der Skulptur von Raimund Kummer hat jedoch der Ausstellungsmacher freie Hand. Die Einzelteile eines Gemüsedünsters, um ein Mehrfaches vergrößert und in Aluminium gegossen, liegen unverbunden neben- und übereinander. Das übergroße Sieb ist entweder zerbrochen oder noch nicht zusammengesetzt. Im Zusammenhang mit dem aus Muranoglas gefertigten Gehirn stellt sich eine Assoziation ein: „Mein Gehirn ist wie ein Sieb.“ Aber die inhaltlichen Assoziationen erschöpfen sich nicht in einem Kalauer. Gerade die immer wieder neu zusammenstellbaren Einzelteile des Siebs verweisen auf das nicht endgültig Festgelegte, auf Änderungsprozesse. Tatsächlich belegen neurophysiologische Untersuchungen die Änderungs- und Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns bis ins Alter. Durch die neuen bildgebenden Verfahren wie Computertomographie und Positronen-Emissionstomographie ist aus dem so lange nur schwer zugänglichen Organ ein gläsernes Gehirn geworden. Mit Substanzen, die sich je nach Denktätigkeit im Gehirn unterschiedlich anreichern, kann man das Denken betrachten. Einigen bereiten die Vorstellungen neuer Eingriffsmöglichkeiten in das menschliche Gehirn Angst.
Zwei der Aluminiumschalen bekommen eine besondere Bedeutung. Indem der Künstler die Gussansätze nicht entfernt hat, vermitteln sie den Eindruck von riesengroßen Käfern oder Urtieren. Assoziationen zu den skurrilen Schreckgestalten auf den Gemälden von Hieronymus Bosch tauchen auf. Das Gehirn in Gefahr? Mag sein, dass dies für viele Betrachter ein Aspekt der Skulptur ist – zumindest aber stellt das eigene Gehirn spätestens jetzt fest, wie reichhaltig die Assoziationen jenseits der ersten sich gestalten. Hartmut Kraft
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