ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Versicherungsbetrug: Ein Massendelikt

Versicherungen

Versicherungsbetrug: Ein Massendelikt

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): [58]

Combach, Rolf

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Bei der Schadenanzeige nehmen es viele
Versicherte mit der Wahrheit nicht so genau.

Auf rund vier Milliarden Euro jährlich schätzt die Versicherungswirtschaft den Schaden durch Versicherungsbetrug. Die Versicherungen haben sich deshalb bereits Dossiers über Betrüger angelegt. „Geschwindelt, fingiert und geschummelt wird in allen Versicherungssparten“, sagt Gabriele Hoffmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirt-
schaft (GDV) in Berlin. Die Branche schätzt, dass jeder 20. Schaden nicht ganz astrein ist. Das Problem: Für viele Bürger ist Versicherungsbetrug keine Straftat, sondern ein Kavaliersdelikt.
Sonst ehrliche und anständige Bürger erwarten ohne Skrupel, dass nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall die Werkstatt auf Kosten der Versicherung auch Reparaturen vornimmt, die mit dem Schadensfall nichts zu tun haben. Das bei einer Party im Anzug entdeckte Brandloch wird demjenigen zugeschustert, der die richtige private Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat. Bei Wohnungseinbrüchen werden den Versicherern höhere Werte angegeben, als sich in der Wohnung befunden haben.
Ganoven-Dateien
Doch für Gewohnheitsbetrüger brechen schwerere Zeiten an. Denn die Autoversicherungen haben eine „Ganoven-Datei“ angelegt. Hier sind weit mehr als 150 000 Versicherte registriert, die auffällig wurden, weil sie dubiose Schäden meldeten. Zudem sind rund 10 000 Personen bei der Assekuranz aktenkundig, die wegen Betrugs verurteilt oder gegen die ein Strafverfahren eingeleitet wurde.
Der GDV hat hochgerechnet, dass die Versicherungen jährlich mehr als eine Milliarden Euro an Schadenzahlungen leisten, die erschlichen sind. Ein Sprecher: „Ohne die Betrugsschäden könnte für die Autofahrer die Prämie in der Haftpflicht-Versicherung um einige Prozente, in der Kasko-Versicherung sogar um einen zweistelligen Prozentsatz niedriger sein.“
In der Feuerversicherung sieht es ähnlich aus. „Die Feuerversicherung wird immer mehr zu einer Brandstifterversicherung“, stellt der Verkaufs-Chef der Thuringia
Generali Versicherung in Köln, Klaus Schuster, resignierend fest. Nach Schätzungen der Kripo und der Sachversicherer sind mehr als 60 Prozent der Schäden über eine halbe Million Euro die Folge von Brandstiftungen.
Aber auch andere Versicherungszweige werden von Schwindlern kräftig zur Kasse gebeten. So zum Beispiel die Reisegepäckversicherung, bei der der gestohlene Kunststoffkoffer zum teuren Lederkoffer und der Wert des Inhalts um das Mehrfache beziffert wird. Gewitzte Touristen kamen auf die Idee, ihren Urlaub über die Auslandsreise-Kran­ken­ver­siche­rung zu finanzieren. Agenten in Fernost verhalfen den Reisenden aus Deutschland zu gefälschten Krankenhausrechnungen, die der Versicherung präsentiert wurden. Dass die Rechnungen gefälscht sind, muss übrigens die Versicherung beweisen.
In der Unfallversicherung hält sich der Betrug noch in Grenzen. Diese Sparte gilt als die gewinnträchtigste. Im Jahr 2002 verbuchten die Unfallversicherer einen versicherungstechnischen Überschuss von 896 Millionen Euro. Mehr als sechs Millionen Deutsche werden jedes Jahr zu Unfallopfern, mehr als 819 000 Schäden werden den Unfallversicherungen jährlich gemeldet.
Selbstverstümmelungen bei Ärzten
Spektakulär sind die Fälle von Selbstverstümmelungen. Die Betrüger wollen sich mit Amputationen hohe Versicherungssummen erschleichen. Der GDV hat in den letzten Jahren viele Fälle gesammelt und vor Gericht gebracht. Tatinstrumente waren meist Axt oder Beil. Aber auch Kreis- und Kettensägen, Metallschneider, Mähdrescher und Mixgeräte, Fräsmaschinen und Fleischwölfe tauchten in den Unterlagen der Gerichte auf. Selbstverstümmelung ist eine Variante des Versicherungsbetrugs mit der höchsten Dunkelziffer.
Früher waren es meist Arbeitslose, hochverschuldete Landwirte oder Handwerker, die auf schmerzhafte Weise versuchten, an das Geld aus ihren Policen zu kommen. Heute sind auch viele gut situierte Bürger, Akademiker oder leitende Angestellte unter den Betrügern. Immer häufiger tauchen zudem Fälle von Ärzten in den Akten auf – darunter einige, die selbst vor schweren Verstümmelungen nicht zurückschrecken. Ein Grund dafür: Für Ärzte und Zahnärzte gelten höhere Tarifsätze.
So schildern Rechtsmediziner der Göttinger Universität den Fall eines Arztes, der sich nach lokaler Betäubung das rechte Bein und die linke Hand mit dem Beil zertrümmerte. Ein anderer Arzt verlangte von seiner Unfallversicherung zwei Millionen Euro. Er hatte seine Hände bei mehreren Gesellschaften hoch versichert. Der Arzt entwarf folgendes Szenario: Der linke Vorderreifen seines Autos war platt. Er bockte seinen Golf in der Garagenauffahrt auf. „Plötzlich rutschte der Wagenheber weg, die Bremsscheibe knallte auf meine Hände. Der linke Zeigefinger wurde gequetscht. Bitte zahlen Sie meine Police aus“, schrieb der Arzt der Versicherung. Diese erstattete Anzeige wegen Betrugs: Der Unfall sei manipuliert gewesen. Kommt es zum Strafprozess und der Arzt wird wegen Betrugs überführt, erwarten ihn bis zu fünf Jahre Haft – statt der Millionen aus der Unfallversicherung.
Das Delikt „Versicherungsbetrug“ wird nur selten strafrechtlich verfolgt. Zu Strafurteilen kommt es meist nur dann, wenn Mord, schwere Körperverletzung oder vorsätzliche Selbstverstümmelung begangen wurden. Doch auch wer bei kleineren Delikten „mogelt“, muss wissen, dass Versicherungsbetrug ein strafbares Vergehen ist. Als Konsequenzen drohen neben dem Verlust des Versicherungsschutzes und der Rückforderung von bereits ausgezahlten Leistungen eine Strafanzeige, bei einer Verurteilung sogar Geld und Gefängnisstrafen.
Die Versicherungswirtschaft muss sich vorwerfen lassen, oft zu großzügig zu sein: Viele Versicherungen sind dazu übergegangen, gewisse Kleinschäden ohne genauere Überprüfung zu bezahlen, weil strengere Prüfungen mehr kosten als die Leistungen. Rolf Combach
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