ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003zu Tafelgeschäften: Der Verfolgungswahn

VARIA: Schlusspunkt

zu Tafelgeschäften: Der Verfolgungswahn

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): [60]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es gibt Reflexe, da kannst du einfach nichts gegen machen. Wenn ich etwa einen Sheriff hinter mir sehe oder seine Karre am Straßenrand, dann fallen mir automatisch alle möglichen staatstragenden Sünden ein, selbst die noch gar nicht begangenen.
Betriebsprüfer indes ticken etwas anders, nämlich mehr in Form einer projektiven Identifikation. Die sind nämlich im Falle einer Bankenprüfung immer wild entschlossen, möglichst viele Nachtigallen trapsen zu hören. Wenn die gar entdecken,
dass Kunden Tafelgeschäfte abgeschlossen haben, gibt es kein Halten mehr in der Vermutung, dass es sich zwingend um fiese Aktionen in Richtung Steuerhinterziehung handelt. Her mit Namen und Adresse der bösen Tafelpapierinhaber heißt es fordernd an das Geldinstitut.
Solche Fälle, Tafelgeschäfte (Kauf von „effektiven Stükken“) misstrauisch zu beäugen, kommen in der Praxis durchaus häufiger vor. Nicht alle Banken knicken vor dem Begehren des Außenprüfers ein; in Süddeutschland wehrte sich ein Institut sogar nachdrücklich, einem förmlichen Auskunftsersuchen nachzukommen, nach dem die Namen von Kontoinhabern hätten rausgerückt werden müssen, die allesamt Tafelgeschäfte abgeschlossen hatten.
Weil die Betriebsprüfer erst recht Verrat witterten, kam es, wie es kommen musste: Die Sache ging vor Gericht. Das Finanzgericht Baden-Württemberg (Az.: 3K 72/99) kam zu einem erstaunlichen Urteil. Des Außenprüfers Neugier, weil unrechtmäßig, wurde strikt gebremst, die Bank muss keineswegs die Namen rausrücken.
Das Finanzgericht schrieb dem Steuerprüfer hinter die Ohren, dass die Tatsache, Tafelgeschäfte zu kaufen, noch lange nicht und per se den Verdacht der Hinterziehung rechtfertige, es gebe genügend andere Gründe, effektive Stücke zu kaufen (unter anderem Depotgebühren zu sparen).
Wie das mit einem Verfolgungszwang so ist, der Vernunft zu gehorchen fällt schier schwer. Das so gescholtene Finanzamt hat mangels Einsicht Beschwerde gegen das Urteil eingelegt. Der Wahnsinn wird also nun auf höherer Ebene entschieden. Ausgang offen. Hoffen zulässig.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema