ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2003Die Kunst des Selbstrasierens

VARIA: Post scriptum

Die Kunst des Selbstrasierens

Dtsch Arztebl 2003; 100(34-35): [60]

Pfleger, Helmut

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Ende April hielt ich anlässlich der Ausstellung „Der große summende Gott“ und des „Tags des Schachs“ in der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover zusammen mit dem Wissenschaftsphilosophen und Computerschachexperten Frederic Friedel einen Vortrag über Computerschach und Künstliche Intelligenz (hier kein Wort darüber, ob es diese überhaupt gibt). Anschließend führte uns der Direktor persönlich durch eine andere Ausstellung „Die Kunst des Selbstrasierens – Tarnschriften gegen die nationalsozialistische Diktatur“. Dies waren kleine Schriften, die im Umschlag und auf den ersten Seiten ganz unschuldig daherkamen, dann aber ihre wahre Natur enthüllten und vor allem zum Widerstand gegen das Hitler-Regime aufriefen. Die Titel reichten von der erwähnten „Kunst des Selbstrasierens“ über Goethes „Hermann und Dorothea“, Steinitz’ „Der praktische Schachspieler“ bis zu „Krankheit rettet“ von Dr. med. Wilhelm Wohltat. Letztere Schrift, die auch als „Handbuch der Leibesübungen für die deutsche Marine“, als Gesangbuch und Eisenbahn-Kursbuch daherkam und von der englischen Propaganda eingeschleust wurde, gab Anleitungen zum Simulieren von Krankheiten beim Arzt. Dafür gab es zwei Grundregeln: „Hier ist ein williger Arbeiter oder ein diensteifriger Soldat, der das Unglück hat, sehr gegen seinen Willen krank zu sein.“ Zweitens durfte der Simulant dem Arzt gegenüber niemals erklären, er sei krank, oder gar eine bestimmte Krankheit nennen oder unaufgefordert Symptome aufzählen. Ein einziges Symptom, das der Arzt durch seine Fragen entdeckt, sagte das Handbuch, ist mehr wert als zehn Symptome, mit denen der Patient dem Doktor gleich ins Gesicht springt.
Leider hatte die Sache einen Haken. Die deutschen Behörden waren von der Tarnschrift so beeindruckt, dass sie sie ins Englische übersetzen ließen und seinerseits bei den englischen und amerikanischen Truppen einschmuggelten.
Nun aber zurück zur goldenen Jetztzeit, genauer zum letzten Ärzteturnier. Als Schwarzer saß Dr. med. Kurt Baum wie immer mit freundlich-unschuldigem Gesicht am Brett, und auch die materiell ausgeglichene Endspielstellung schien zur vollständigen Tarnung „Gegner, du brauchst keinerlei Angst zu haben“ beizutragen. Doch ein blitzschneller Coup aus der Hüfte, und schon war Dr. med. Karl-Friedrich Dittmann verloren. Wie kam’s?

Lösung:
Nach dem Eindringen der schwarzen Dame ins weiße Lager mit 1. ...Df3+! war Weiß verloren. Die Dame ist wegen 2. Dxf3 gxf3+ 3. Kxf3 Txb2 mit Turmgewinn tabu, nach dem erzwungenen 2. Kh3 hat Schwarz aber die angenehme Wahl zwischen 2. ...Dxe2 3. Txe2 Txb3 mit gewonnenem Turmendspiel oder 2. ...Txb2 3. Dxb2 Dc3! mit gewonnenem Damenendspiel, weil sich der Damentausch 4. Dxc3 bxc3 verbietet – gänzlich ungetarnt rast der Freibauer zu einer neuen Dame.
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