ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2003Ärztemangel: Der Nachwuchs bricht weg

POLITIK

Ärztemangel: Der Nachwuchs bricht weg

Dtsch Arztebl 2003; 100(36): A-2262 / B-1884 / C-1784

Rieser, Sabine

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LNSLNS Erst waren es Einzelfälle: Ein Hausarzt in der Uckermark fand keinen Nachfolger, ein Krankenhaus im Thüringischen keine jungen Ärzte. Einer Studie zufolge ist das nun aber der Trend.

Die Situation ist schwieriger als angenommen – Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Prof. Dr. med.Jörg-Dietrich Hoppe, Dr. jur. Rainer Hess, Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch (von rechts). Fotos: Bildschön
Die Situation ist schwieriger als angenommen – Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Prof. Dr. med.Jörg-Dietrich Hoppe, Dr. jur. Rainer Hess, Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch (von rechts). Fotos: Bildschön
Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), ist ein viel beschäftigter Mann. Dennoch gibt es Formen der Arbeitsentlastung, die ihm nicht behagen. Früher, berichtete er in der vergangenen Woche, früher habe er in der Klinik, wo er arbeite, ein eigenes Fach für Bewerbungen gehabt, und es sei immer gut gefüllt gewesen. Heute sei es meist leer oder enthalte Anfragen von Medizinstudenten aus dem Ausland. Eine Ausnahmeerscheinung? Eine plötzliche Abneigung gegen Hoppes Fachgebiet, die Pathologie?
Wohl kaum. Hoppe ist wie Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), überzeugt davon, dass dem deutschen Gesundheitswesen die Ärzte ausgehen. Auf diesen Trend wiesen die beiden am 27. August in Berlin hin. „Uns bricht der Nachwuchs auf breiter Front weg“, beklagte Hoppe. Viele junge Mediziner scheuten heutzutage die Patientenversorgung, weil sie anderswo bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung vorfänden. „Nachwuchs bekommt man nur, wenn der Beruf attraktiv ist, und das ist er für die heute tätigen Ärzte schon nicht mehr“, urteilte Richter-Reichhelm. Eine hohe Arbeitsbelastung, strikte Budgetierung, die enorme Bürokratisierung des Berufs und nicht zuletzt ständige Diffamierungen gegen Ärzte verleideten ihnen die Arbeit.
Auf den ersten Blick erscheine es zwar paradox, vor einem Ärztemangel zu warnen, da auch 2002 die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte zugenommen habe, sagte Hoppe. Sie stieg von 375 200 (2001) auf 381 300 (2002). Aber das sei nur ein Teil der Wahrheit. Denn trotz dieser Entwicklung suchten Krankenhäuser händeringend nach Ärzten: „In den alten Bundesländern kann nach Berechnungen des Deutschen Krankenhaus-Instituts jedes zweite Krankenhaus offene Stellen im ärztlichen Dienst nicht mehr besetzen, in Ostdeutschland sind es sogar vier Fünftel.“ Im ambulanten Bereich sieht es nach den Worten von Richter-Reichhelm ebenfalls nicht rosig aus: „Meine Kollegen in den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) der neuen Bundesländer sind bereits damit konfrontiert, dass sie für nachzubesetzende Hausarztsitze keine Bewerber mehr finden“, berichtete der KBV-Vorsitzende.
Die Situation sei schwieriger als vor zwei Jahren angenommen. „Der drohende Ärztemangel ist in einigen Bereichen nicht nur früher eingetreten als erwartet, er hat auch an Dynamik gewonnen“, waren sich Hoppe und Richter-Reichhelm einig. Das belegt nach Darstellung von Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch, KBV-Experte für Versorgungsfragen, die zweite Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung von KBV und BÄK*:
- Das Durchschnittsalter der Ärzte ist in den letzten zehn Jahren um über drei Jahre (Vertragsärzte) beziehungsweise um rund zweieinviertel Jahre (Krankenhausärzte) gestiegen. Die Niedergelassenen waren 1993 im Schnitt 46,6 Jahre alt, heute sind sie 50,1 Jahre. Die Kliniker waren 1993 durchschnittlich 38,1 Jahre alt, heute sind sie 40,4 Jahre.
- Inzwischen sind knapp 16 Prozent aller Vertragsärzte 60 Jahre oder älter (Grafik 1). Betrachtet man allein die neuen Bundesländer, so liegt der Anteil der über 60-jährigen Ärztinnen und Ärzte dort sogar bei etwa 24 Prozent.
- Die Nachwuchsentwicklung beurteilt Kopetsch demgegenüber als „alarmierend“ (Grafik 2). Die Gesamtzahl der Medizinstudenten ist von 90 594 (1993) mittlerweile um rund 14 Prozent auf 78 303 gesunken (2002). Die Zahl der Absolventen verringerte sich von 1993 bis 2001 sogar um 22,5 Prozent. „Dies kann nur dadurch erklärt werden, dass die Zahl der Studienabbrecher beziehungsweise -wechsler ständig angestiegen ist und weiterhin ansteigt“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie.
- Darüber hinaus sinkt nach den Berechnungen von BÄK und KBV die Zahl der Ärzte im Praktikum (AiP) ebenfalls ständig: Meldeten sich 1998 noch 7 862 Absolventen des Medizinstudiums bei den Ärztekammern an, so betrug diese Zahl 2002 nur noch 6 675. Dies entspricht einem Rückgang um 15,1 Prozent.
Kopetschs Erklärung: Die Nachwuchsmediziner suchen sich attraktive Berufsalternativen zur Tätigkeit am Patienten. Das wird mehr und mehr zu einem Rückgang der Arztzahlen führen, wenn nichts geschieht. Den Ersatzbedarf an Ärzten im kurativen Bereich des deutschen Gesundheitswesens bezifferte er auf rund 18 000 bis zum Jahr 2008. Dabei geht er davon aus, dass 28 800 Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen, derzeit 4 800 Krankenhausstellen vakant sind und rund 15 000 Mediziner benötigt werden, wenn das EuGH-Urteil zur Arbeitszeit in Krankenhäusern umgesetzt werden muss. Zusammen ergibt sich so ein Bedarf von 48 600. Demgegenüber werden vermutlich rund 6 500 Männer und Frauen pro Jahr ihr AiP beginnen (bis 2008: 32 500), von denen etwa 10 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer diese Ausbildung abbrechen werden (Absolventen am Ende: rund 30 000).
Angesichts dieser Entwicklung wird sich nach Auffassung von BÄK und KBV vor allem die hausärztliche Versorgung verändern. Bis 2011 werden rund 23 000 Hausärzte aus dem System ausscheiden. Bis 2008 werden deshalb jährlich rund 2 200 Nachfolger benötigt, von 2009 an sogar 2 600 aufgrund der Altersstruktur. In den neuen Bundesländern sieht es noch schlechter aus. Dort werden nach Kopetschs Prognose in den nächsten Jahren knapp ein Drittel aller Hausärzte in den Ruhestand gehen, aber Nachwuchs ist nicht in Sicht. „Dieser Entwicklung gilt es gegenzusteuern, sonst ist in naher Zukunft die hausärztliche Versorgung in den neuen Bundesländern ernsthaft gefährdet“, warnte Richter-Reichhelm.
Die Bundesregierung sieht das anders. In der Antwort auf eine kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Juli zur Situation der ambulanten Versorgung in den neuen Bundesländern teilte sie mit, dass man einen Ersatzbedarf wie die KBV nicht sehe. Denn dann würde die Überversorgung an manchen Orten fortgeschrieben.
Zu ähnlichen Einschätzungen gelangte im Mai auch das Wissenschaft-
liche Institut der Ortskrankenkassen
(WIdO) in einer Studie (DÄ, Heft 30/2003): Mit Altersabgängen bei den Fachärzten in den neuen Bundesländern würde in den nächsten Jahren meist nur eine bestehende Überversorgung abgebaut. Lediglich im hausärztlichen Bereich könnten sich Probleme ergeben. Generell würden jedoch einige Ärzteverbände Besetzungsprobleme bei wenigen Arztsitzen aufblasen zu einer vermeintlichen Versorgungskrise. !
Bei BÄK und KBV, aber auch bei den KVen in den neuen Ländern sieht man das anders. Der Grad der Versorgung in einem Planungsbereich sagte mitunter wenig darüber aus, wie sich die Situation vor Ort für die Patienten darstellt, betonte Kopetsch unlängst gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Theoretisch kann ein Planungsbereich weit entfernt von der Unterversorgungsgrenze sein (Fachärzte 50 Prozent, Hausärzte 75 Prozent) und doch weiße Flecken haben.
Im Zuständigkeitsbereich der KV Mecklenburg-Vorpommern gebe es gerade einmal zwei Planungsbereiche, die für Hausärzte gesperrt seien, berichtet Dr. med. Ingolf Otto, stellvertretender KV-Vorsitzender. Zwar könne man im Moment noch nicht von Unterversorgung sprechen. Doch weil 40 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre sind, sieht Otto Probleme kommen, wenn die aussscheidenden Kollegen keine Nachfolger finden. Für ihn ist es auf jeden Fall „ein Warnzeichen“, dass in den letzten drei, vier Jahren immer mehr Ärzte ihre Praxis nicht verkauft bekommen, wenn sie sich zur Ruhe setzen.
Manchen potenziellen Kandidaten schreckt nach Einschätzung des KV-Chefs weniger ein unzureichendes kulturelles Angebot als die Sorge, dass er zum Beispiel als Hausarzt auf dem Land in Arbeit versinken werde. Niederlassungszuschläge als Lockmittel sind für Otto kein Ausweg: Dann müsse man den Ärzten im Osten, die sowieso weniger verdienen als die Kollegen im Westen, auch noch Geld wegnehmen. Zwar hat das bundesweite Initiativprogramm zur Förderung allgemeinmedizinischer Weiterbildungsstellen durchaus bewirkt, dass auch in Mecklenburg-Vorpommern eine ganze Menge hausärztlicher Nachwuchs ausgebildet wurde. Doch inzwischen finden sich dort nicht mehr genug Ärzte, die teilnehmen wollen. Und die Absolventen suchen sich anschließend oft anderswo eine Arbeit.
Daran, findet Dr. med. Karl Gröschel, müsste sich etwas ändern. Der Vorsitzende der KV Thüringen weiß jedoch, dass man Absolventen des Förderprogramms nicht so einfach zum Verbleib in der Region zwingen kann. Außerdem könnten sie den Bedarf an Hausärzten in Thüringen auch nicht komplett decken. Und Sicherstellungszuschläge? „Wo wollen Sie die denn hernehmen?“ fragt Gröschel. Dass junge Ärztinnen und Ärzte lieber anderswo hingehen, in größere bayerische Städte zum Beispiel, kann er ihnen nicht wirklich verdenken. Betroffen von der zunehmenden Knappheit des Arztnachwuchses sind in der Region im Übrigen auch die Krankenhäuser. In Thüringen fehlen nach Angaben von Gröschel 400 Klinikärzte. Im ambulanten Bereich sind derzeit rund 170 Arztstellen nicht besetzt. Dass an Unikliniken Arztstellen frei bleiben, weil keiner hin möchte – das habe es doch früher weder in der DDR noch in der Bundesrepublik gegeben, sagt Sanitätsrat Dr. med. habil. Hans-Jürgen Hommel, Vorsitzender der KV Sachsen. „Früher haben sich doch die Leute nach einer Uniklinik die Finger geleckt!“ Das ist in Sachsen vorbei. Und im Einzugsbereich der dortigen KV schließen mehr und mehr Arztpraxen, ohne dass ein Nachfolger in Sicht ist. Doch Hommel hofft, dass man in seinem Bundesland in Zukunft Lösungen mit den Selbstverwaltungspartnern vor Ort findet. Sabine Rieser
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