ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2003Katastrophenschutz: Hessen als Vorreiter

POLITIK

Katastrophenschutz: Hessen als Vorreiter

Dtsch Arztebl 2003; 100(36): A-2268 / B-1889 / C-1789

Popovic, Michael F. R.

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LNSLNS Konzept der Ärzteschaft weitgehend realisiert
Als erstes Bundesland hat Hessen am 15. Juli 2003 in Wiesbaden mit Erlass des „Kapitels Medizinischer Katastrophenschutz“ Regelungen für die humanitäre Daseinsvorsorgeplanung beschlossen. Der Landesbeirat für den Katastrophenschutz hatte dazu ein Konzept vereinbart, das nach Anhörung der kommunalen Spitzenverbände in Kraft gesetzt wurde. Damit ist es erstmals gelungen, durch Bildung interministerieller Arbeitsgruppen – im Sinne eines Kompetenzzentrums – katastrophenmedizinischen Sachverstand zu bündeln und ein Konzept zu erarbeiten, das Vorbild sein kann.
Das sachkundige und harmonische Zusammenwirken aller in diesem Bereich Tätigen und deren zielorientierte Arbeit zur Verbesserung der katastrophenmedizinischen Vorsorgeplanung ist beispielgebend. Mit der Verabschiedung des Konzepts Medizinischer Katastrophenschutz trägt in dieser Form Hessen Forderungen der Ärzteschaft Rechnung („Denkschrift Katastrophenmedizin“, Bundes­ärzte­kammer 1985).
Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung aller Vorbereitungen für die Versorgung einer größeren Zahl Verletzter und Kranker. Das beginnt bei der möglichst qualifizierten Behandlung der Patienten bereits am Ort des Schadensereignisses und reicht bis zur Behandlung in Krankenhäusern sowie der Verbesserung der Aus-, Weiter- und Fortbildung des medizinischen Personals. Die Bevorratung von Heil- und Hilfsmitteln sowie Medikamenten wurde überprüft, und Ergänzungen wurden geregelt. Das Konzept enthält Vorschlä-ge für weitere Verbesserungen der Ver-sorgung im Katastrophenfall. So soll die Bevölkerung besser in Erster Hilfe ausgebildet werden.
Unter Berücksichtigung katastro-phenmedizinischer Standards hatte eine interministerielle Arbeitsgruppe einschlägige Themen bearbeitet. Hierbei wurden unter anderem bisher nicht immer berücksichtigte Grundsätze bestimmt: Das gesundheitliche Gemeinwohlinteresse und die verfassungsrechtlich verankerte Schutzwürdigkeit der individuellen und kollektiven körperlichen und geistigen Integrität (Gesundheit) gebieten es, staatliche Vorsorgeplanung unter Einbeziehung von Sachkompetenz und Fachverstand auch oder trotz (gesundheits-)ökonomischer Zwänge zu betreiben. Leitsätzen der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs folgend, gilt unter anderem, dass organisatorische und ökonomische Defizite nicht die medizinisch notwendige Versorgung der Patienten gefährden dürfen. Die Existenzfähigkeit von Leistungsträgern, Leistungserbringern und Unternehmen im Gesundheitswesen sowie die Gesundheit des Einzelnen und der Bevölkerung sind wegen zivil- und strafrechtlicher sowie forensischer Implikationen das grundlegende Schutzgut des Risikomanagements, wie es in Deutschland unter anderem durch das Gesetz über die Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich und andere Rechtsnormen kodifiziert worden ist.
Risikomanagement erforderlich
Ein integrierter Risikomanagementansatz in der katastrophenmedizinischen Versorgungskette muss demnach anstreben, in einem systematischen Prozess die Risikopotenziale, denen die Patienten, Betroffenen/Leistungsempfänger, Leistungserbringer und -träger ausgesetzt sind, zu analysieren und unter Beachtung einer optimalen Kosten-Nutzen-Relation im Hinblick auf das medizinisch notwendige Versorgungsziel zu bewältigen. In den katastrophenmedizinischen Risikomanagementprozess des „Unternehmens Gesundheitswesen“ müssen alle Risiken einbezogen werden, die die Gesundheit beeinträchtigen können. In einem integrierenden Prozess müssen alle Risikopotenziale unabhängig von ihrer Herkunft einbezogen und in den klassischen Stufen des Erkennens, Bewertens, Begrenzens und Finanzierens beherrschbar gemacht werden.
Nach Durchführung einer Gefähr-dungsanalyse war es Aufgabe, Arbeitsgruppen zur Erstellung des Katastrophenschutzkonzeptes eine zukunftsorientierte humanitäre Daseinsvorsorgeplanung des Landes zu entwickeln. Zunächst nur ansatzweise berücksichtigte katastrophenmedizinische Standards und Versorgungsnotwendigkeiten wurden nach dem 11. September 2001 durch das von interministeriellen Arbeitsgruppen, die von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen initiiert worden waren, erarbeitete Kapitel „Medizinischer Katastrophenschutz“ ergänzt. Die Einführung eines ganzheitlichen Risikomanagement-Systems, mit dem mögliche Risiken erkannt und bewertet sowie entsprechende Schritte zu ihrer Abwehr beziehungsweise Minimierung eingeleitet werden können, ist als notwendig erkannt worden.
Folgende Aufgaben wurden in Angriff genommen: Risikobewusstsein und -transparenz auf allen Ebenen medizinischen Katastrophenschutzes wurden ebenso verbessert, wie eine Risikosystematik für die Identifizierung und Analyse von sämtlichen erkennbaren Risikopotenzialen/Bedrohungsszenarien erarbeitet wurde. Angemessene Frühwarn- und Katastrophenmanagementsysteme müssen über die bestehenden hinaus ebenso ausgebaut werden wie die Anstrengungen für mehr Sicherheit und Versorgungsqualität bei medizinischen Großschadensereignissen und Katastrophen. Der Integrationsprozess zwischen dem Sicherheits- und Risikomanagement einerseits und der interministeriellen Zusammenarbeit – unter Einbeziehung der Heilberufskörperschaften, Hilfsorganisationen und der Feuerwehr – andererseits ist gelungen. Die Einführung geeigneter Software-Tools zur Unterstützung der Umsetzung des Risikomanagements und Verbesserung der Logistik ist erforderlich (Telematik in der Versorgungskette) und bedarf der weiteren Förderung. Dr. med. Michael F. R. Popovic
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