ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2003Rechtsmedizin: Tötungsdelikte durch Ärzte und die Hintergründe

THEMEN DER ZEIT

Rechtsmedizin: Tötungsdelikte durch Ärzte und die Hintergründe

Dtsch Arztebl 2003; 100(36): A-2285 / B-1905 / C-1805

Püschel, Klaus; Lach, Holger

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LNSLNS Eine Analyse exemplarischer Fälle

Verbrechen durch medizinisches Personal: ein Thema, das populäre wie wissenschaftliche Autoren anregte, ganz zu schweigen von Kriminalschriftstellern ...
Verbrechen durch medizinisches Personal: ein Thema, das populäre wie wissenschaftliche Autoren anregte, ganz zu schweigen von Kriminalschriftstellern ...
Wenn ein Arzt zum Verbrecher wird, so tut er es allen anderen zuvor; denn er besitzt die nötigen Kenntnisse und hat starke Nerven. So war es zu allen Zeiten“ (Sherlock Holmes in den Mund gelegt von seinem literarischen Schöpfer, dem Autor und Arzt Arthur Conan Doyle) (2). 1989 wurden in Wien vier Krankenpflegerinnen des Krankenhauses Wien-Lainz verhaftet, weil sie Patienten mit subtilen Methoden getötet hatten. 1986 gab es in Deutschland einen ähnlich medienwirksamen Fall, als die Stationsschwester eines Wuppertaler Krankenhauses auf der Intensivstation Patienten Medikamente in tödlicher Dosierung verabreicht hatte. Es waren nicht die einzigen derartigen Kriminalfälle (1).
Auffällig ist, dass Ärzte als Schuldige nur indirekt auftraten. In Kommentaren traf sie die „moralische Mitverantwortung“ an den belastenden Verhältnissen auf den Stationen; als Täter standen die Mediziner nicht im Fokus des Interesses.
Ärzte als Täter unter Ausnutzung ihrer speziellen beruflichen Situation – dies schien abwegig. Beinahe jedenfalls; denn zumindest in geschichtlicher Perspektive waren sie längst ins öffentliche Bewusstsein gedrungen: als approbierte Töter „lebensunwerten“ Lebens oder Verstümmeler zahlreicher fertiler Frauen und Männer, die sich im Namen einer gesunden Volksgenossenschaft nicht vermehren sollten, oder als Verantwortliche für grausame Menschenexperimente. Doch neben der in der Medizingeschichte breit angegangenen Aufarbeitung von Untaten aus der NS-Zeit schien dem Thema bislang ein Touch des Vergangenen anzuhaften. Historische Mörder wie der Pariser Arzt Petiot, der in den Jahren der deutschen Besatzung reihenweise fluchtwillige jüdische Mitbürger umbrachte, oder wie der Arzt Ruxton aus Lancaster, der 1935 seine Frau und das Dienstmädchen ermordete und zur Identitätsverschleierung zerstückelte, bilden gemeinhin das Personal populärer Anthologien à la „Der Hippokratische Verrat“ (7) oder „Mörder in Weiß“ (5).
Wenn Dürrenmatt in seinem Kriminalroman „Der Verdacht“ (4) einen vom Töten besessenen Schweizer Arzt auftreten lässt, der – nachdem er sich dem Dritten Reich als KZ-Arzt andiente – in seiner Privatklinik Patienten in Serie tötet, galt das als Versinnbildlichung schier unglaublicher Vergehen. Vermutlich jedoch dachte selbst der Autor nicht ernsthaft daran, dass in einem zivilisierten Land ein Arzt über Jahre hin unauffällig morden könne.
Ein Doktor aus Hyde
Dass es durchaus möglich ist, zeigte sich 1999 durch internationale Berichte über Patientenmorde. Diesmal begangen von einem niedergelassenen Arzt in England, der, was die Zahl seiner Opfer angeht, zu den größten Serienmördern zählen dürfte: Ein medizinischer Gutachter hält 236 Opfer für wahrscheinlich, wobei sogar 345 Fälle zumindest möglich sein könnten.

Die Medien tauften ihn „Dr. Death“: Harold Shipman, verurteilt wegen fünfzehnfachen Mordes an seinen gesunden, betagten Patientinnen. Foto: dpa
Die Medien tauften ihn „Dr. Death“: Harold Shipman, verurteilt wegen fünfzehnfachen Mordes an seinen gesunden, betagten Patientinnen. Foto: dpa
Fallbeispiel 1: Harold Shipman war 24 Jahre praktischer Arzt in der Stadt Hyde bei Manchester. Für fünfzehn sicher zu rekonstruierende Patientenmorde wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Er tötete zumeist ältere, nicht schwer kranke Patientinnen mittels Morphium- oder Heroininjektion. Weil der als still beschriebene vierfache Familienvater als behandelnder Arzt selbst die Totenscheine ausstellte, kam es lange zu keinem Verdacht. Erst Anfang 1998 wurde eine im Bezirk zuständige Bestatterin durch die enorm hohe Zahl an Sterbefällen misstrauisch. Die Staatsanwaltschaft wurde tätig, weil Shipman das Testament einer Patientin zu seinen Gunsten geändert hatte.
Typologie eines Verbrechens
Um Vertrauen zu ermöglichen, wird die notwendige intime Zweierbeziehung von Arzt und Patient so weit wie möglich von kontrollierenden institutionellen Einflüssen abgeschirmt (9). Zugestanden wird dies unter der Bedingung, dass ein Arzt in seinem Tun in letzter Konsequenz immer das Wohlergehen der Patienten bezweckt. Dieses Postulat findet seine berühmteste Formulierung in dem Eid des Hippokrates: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken (. . .), hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden.“ (3)
Wie am Fall von Shipman deutlich wird, nutzt der Arzt als Täter etwas aus, das ihm als Therapeuten privilegiert zugestanden wird und sonst einen Täter in Verdacht geraten lässt: a) in einer Vertrauenssituation unkontrolliert beziehungsweise zeugenlos mit dem Opfer verkehren zu dürfen; b) sich dem Opfer invasiv nähern zu dürfen (es ist unverdächtig, wenn Ärzte zum Beispiel Spritzen verabreichen); c) sich das schädigende Agens beschaffen zu dürfen beziehungsweise das Know-how der Anwendung zu haben; d) das weitere Geschehen steuern zu dürfen – die mitgelieferte Gelegenheit der Vertuschung etwa in der Ausstellung des Totenscheins.
Eigene Untersuchungen
Mit einem Rundschreiben an 68 rechtsmedizinische Einrichtungen sollte nachgeforscht werden, in welcher Weise derartige Vergehen gegenwärtig im deutschsprachigen Raum aktenkundig werden. Es wurde nachgefragt, welche Fälle von erheblichen Straftaten von Personen aus den Heil- und Pflegeberufen im Rahmen ihrer Berufsausübung beziehungsweise unter Ausnutzung berufsspezifischer Möglichkeiten seit 1990 dokumentiert wurden.
Ziel war nicht eine statistische Aufrechnung dieser meist nur zufällig aufgedeckten Straftaten, sondern die Gewinnung sicher dokumentierter Fälle, um eine Typologisierung des Missbrauchs der ärztlichen Handlungssituation zu ermöglichen.
Ärzte und Tötungsdelikte – Fallbeispiele
Es ergab sich ein umfangreiches Quellenmaterial. Eine kleine Auswahl als Fächer des Möglichen.

Fallbeispiel 2: Ein Orthopäde plante, in einer anderen Stadt eine neue Praxis zu eröffnen. Eine Brandstiftung in seiner Praxis sollte ihm die Summen aus gleich zwei Versicherungsverträgen einbringen. Weil er zwecks Alibi eine Zeitschaltuhr zur Zündung aufbaute, wäre der Hausherr seinen Plänen gefährlich geworden. Er betäubte den alten Mann mit einer Injektion des Narkotikums Brevimytal/Methohexital, was ihm gut möglich war, weil er dem Opfer regelmäßig Vitaminspritzen verabreichte. Der Brand breitete sich nicht auf das ganze Gebäude aus; der Hausherr wurde tot in seinem Wohnbereich aufgefunden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Täter sein Opfer nicht nur betäubte, sondern zudem eine Blutung in der Nase auslöste, die durch Blutaspiration im Liegen bei dem Betäubten zum Erstickungstod führte.

Tödliche intramuskuläre Injektion von Ketamin (Fall 3): Injektionsstelle – derart minimale Läsionen können bei der Leichenschau leicht übersehen werden. Fotos (2): privat
Tödliche intramuskuläre Injektion von Ketamin (Fall 3): Injektionsstelle – derart minimale Läsionen können bei der Leichenschau leicht übersehen werden. Fotos (2): privat
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Fallbeispiel 3: Ein Anästhesist mit finanziellen Problemen überredete einen befreundeten Gynäkologen zu einem ausgeklügelten Raubüberfall. Der Gynäkologe sollte in einer Spielbank ein Opfer ausspähen, das der Anästhesist auf dem Heimweg überfallen wollte. Als es im Wagen des ausgewählten Opfers zu einem Handgemenge kam, stieß der Anästhesist eine vorbereitete Spritze mit Ketamin durch die Kleidung in den linken Schulterbereich und floh mit einer größeren Geldsumme. Das Opfer starb unter der Narkose an einer vorbestehenden Herzschädigung. Den Tätern selbst kam man durch Spuren am Tatort und durch die Aufzeichnung von Mobilfunkverbindungen auf die Schliche.

Fallbeispiel 4: Ein Allgemeinmediziner nahm in seiner Praxis mit einer versteckten Kamera entkleidete Patientinnen auf. In einer Leichenhalle berührte er auch Brüste von Frauenleichen, wobei er sich selbst fotografierte. Später filmte er sich per Videokamera beim Zerstückeln der Leiche einer Prostituierten; mutmaßlicherweise hatte er diese Frau zuvor ermordet (da er sich in der Untersuchungshaft in seinem „Fluchtland“ Brasilien erhängte, wurden die Ermittlungen eingestellt).

Fallbeispiel 5: Ein Internist verging sich an seiner etwa fünfzehnjährigen französischen Stieftochter, als diese zu Besuch kam. Das Mädchen starb unerwartet nach einer Injektion, die er tätigte und angeblich Kobalt-Ferrlecit zur Therapie einer Anämie enthielt. Während in Deutschland das Strafermittlungsverfahren eingestellt wurde, verurteilte ihn ein Pariser Obergericht wegen Tötung zu einer fünfzehnjährigen Freiheitsstrafe. Weil in Deutschland Urteile in Abwesenheit nicht rechtsgültig sind, wurde der internationale Haftbefehl nicht vollstreckt. Mehr als zehn Jahre später wurde der weiterhin tätige Internist wegen Vergewaltigung einer Patientin in Narkose verurteilt.

Fallbeispiele 6 und 7: Ein Anästhesist, der seine Frau getötet hatte, wies dem gerufenen Notarzt ein Simulations-EKG mit Kammerflimmern vor, um den Eindruck eines natürlichen Todes zu erwecken. Ein leitender Oberarzt aus der Thoraxchirurgie spritzte einem Patienten Putzwasser i. v., um damit der wissenschaftlichen Studie eines anderen Oberarztes zu schaden. Entdeckt und in Untersuchungshaft sitzend, tötete er sich durch Durchschneiden beider Carotiden mittels Rasierklinge.

Erkennbare Muster: Nach Aussortierung jener Straftaten, die Angehörige des Heil- und Pflegebereichs unabhängig von ihrem Berufsleben begangen haben, zeigt die erste Sichtung zwei Grundmuster des Missbrauchs jener Zugeständnisse an Handlungsfreiheit, die die therapeutischen Privilegien mitbringen.
– Der direkte Missbrauch: Die Ausnutzung einer bestehenden, auch formal definierten Therapeuten-Patienten-Beziehung. Das Opfer wird als Patient zum Opfer (Fallbeispiel 1), oder es wird aus Motiven außerhalb der Arzt-Patienten-Beziehung zum Opfer, wobei jedoch gezielt ausgenutzt wird, dass es seinem Täter als Arzt vertraut (Fallbeispiel 2).
– Der indirekte Missbrauch: Es besteht zum Opfer keine Arzt-Patienten-Beziehung; es werden aber spezielle Fertigkeiten beziehungsweise Zugangsmöglichkeiten zum Beispiel zu Medikamenten ausgenutzt, die dem Straftäter nur deshalb zur Verfügung stehen, weil ihm zugebilligt wird, solche Therapeuten-Patienten-Beziehungen einzugehen. Entweder arrangiert der Täter seine Straftat zur Tarnung als eine (Pseudo-)Therapiesituation (Fallbeispiel 5), oder er setzt seine Möglichkeiten in völlig anderen Zusammenhängen ein, ohne sie der Struktur einer solchen therapeutischen Beziehung anzugleichen (Fallbeispiel 3).
Motivation der Verbrechen
Einerseits kristallisieren sich in den einzelnen Fällen verschiedene Motive heraus, die auch bei Kriminellen mit anderer beruflicher Vorgeschichte zu finden sind, wie zum Beispiel sexuelle Motivationen (Fallbeispiele 4 und 5), Habgier (Fallbeispiel 3), Verdeckung oder Durchführung anderer Straftaten (Fallbeispiel 2). Andererseits gibt es Fälle, bei denen die Tatmotive offenbar mit in der Arzt-Patienten-Beziehung begründet liegen, wie im Fall von Shipman. Shipman selbst schweigt sich über seine Motive bis heute aus.
Ob Medizinstudium und Arztberuf verstärkt Personen mit einem pathologischen Interesse an der Macht über die Existenz anderer Menschen anlockt, ist offen. Steht doch ebenso in der Diskussion, dass erst nachträglich die unter psychischer Schwerbelastung stattfindende Berufsausübung zu einer Art „Machtanmaßung“ über andere verleitet. Eventuell kommen Tötungsgedanken bei medizinischem Personal gar nicht öfter vor als allgemein unter den Menschen, jedoch könnte das Fachwissen häufiger dazu verleiten, diese zu konkreten Tötungsplänen auszubauen. In jedem Fall erscheint ein Mutmaßen über Motive unangebracht, solange nicht die Exploration der Täter selbst durch erfahrene Gutachter möglich war.
Muss die ärztliche Ethik revidiert werden?
Wie das empörte Medienecho im Fall von Shipman illustriert, brechen Mediziner als Straftäter nicht nur die für alle Bürger gültigen Gesetze. Verständlicherweise wird dies auch als besonders niederträchtiger Verstoß gegen die ärztliche Ethik empfunden. Welche Konsequenzen ergeben sich aus den vorliegenden Taten unter einer ethisch-moralischen Perspektive? Ist eine Revision handlungsleitender Prinzipien der Ärzteschaft angesagt?
Der indirekte Missbrauch lässt sich durch Aufmerksamkeit auf Therapeuten-Patienten-Beziehungen grundsätzlich nicht verhindern, da er mit der Spannbreite der üblichen kriminellen Motive außerhalb solcher Beziehungen stattfindet. Hier liegen keine Probleme handlungsorientierter Reflexionen einer ärztlichen Ethik vor; allenfalls Fragen organisatorischer Aspekte am Arbeitsplatz, die zum Beispiel den unauffälligen Zugriff auf Betäubungsmittel erschweren. Der Überfall aus dem Fallbeispiel 3 etwa liegt jenseits der Reichweite ärztlicher Verhaltensnormen.
Der direkte Missbrauch weist ebenfalls Aspekte auf, die durch formale Veränderungen auf der Ebene von Verordnungen und Gesetzen anzugehen wären. So beruhte im Fall von Shipman das jahrelange Unauffälligbleiben nicht zuletzt darauf, dass der Mörder als behandelnder Arzt zugleich die Totenscheine ausstellte. Eine Leichenschau nur durch entsprechend befähigte, für bestimmte Bezirke berufene Ärzte kann zwar derartige Tötungsdelikte nicht rückwirkend verhindern, erschwert aber die Vertuschung und könnte so abschreckende Wirkung entfalten. In einem ersten Schritt könnte auch die systematische Auswertung von Todesbescheinigungen mit regionalem und personalem Bezug auf den behandelnden Arzt und die Leichenschau stattfinden.
Beunruhigend wirkt der direkte
Missbrauch, weil er das Kernstück ärztlicher Ethik berührt. Aber selbst die Aufstellung detaillierter Regeln im Umgang mit Patienten kann ihn nicht unterbinden. Denn ein Täter wird sich kaum speziellen Regeln verpflichtet fühlen, wenn er bereits das allgemeine Grundprinzip, wie es schon im hippokratischen Eid sich findet, nicht zur Richtschnur nimmt. Der direkte Missbrauch betrifft also die ärztliche Ethik, ist aber kein Anzeichen, dass sie in bestimmter Weise zu modifizieren wäre.
Das abgeschirmte Arzt-Patienten-Verhältnis beruht darauf, dass die Kontrollinstanz der (Be-)Handelnde selbst ist. Insofern er sich aber nicht an die Grundsätze gebunden fühlt, deren Einhaltung er garantieren soll, entsteht eine Art Kontrollvakuum. Wichtig ist daher die Frage, ob der direkte Missbrauch therapeutischer Privilegien ein so gravierendes Problem darstellt, dass die medizinrechtlich begründete Ausschaltung weitgehender äußerer Kontrollinstanzen in der Arzt-Patienten-Beziehung verlassen werden sollte.
Sollten zum Beispiel standardmäßig Krankenakten von neutralen Kontrollstellen auf „Shipman-Phänomene“ durchforstet werden? – Doch so verstö-rend Fälle wie die des Harold Shipman wirken, sie sind offensichtlich kein Massenphänomen, das strukturelle Veränderungen in der Definition des abgeschirmten therapeutischen Verhältnisses rechtfertigen könnte. Der überwiegende Teil der Tötungsdelikte durch Ärzte bewegt sich im Spannungsfeld von Beziehungstaten oder (Fallbeispiel 4) in einem Milieu jenseits der Praxiswände. Hier wurden die Opfer nicht Opfer deshalb, weil sie als Patienten sich einem Arzt zuwandten. Und selbst diese Taten geschahen in keinem Umfang, der es berechtigt erscheinen ließe, gleich jedem Arzt seiner Kenntnisse um die Verwundbarkeit des Lebens wegen misstrauisch als potenzieller Gefahrenquelle zu begegnen.
Angefügt werden soll die Bemerkung, dass bei der Umfrage sich durchaus abzeichnete, dass der direkte Missbrauch innerhalb therapeutischer Beziehungen für sexuelle Vergehen keineswegs wie bei den Tötungsdelikten bloße Einzelfälle betrifft. In mehreren Fällen wurden zum Beispiel Vergewaltigungen von Patientinnen unter der Gabe von Dormicum berichtet. Ist seit neuerem der sexuelle Missbrauch in der Psychotherapie durch Fachveröffentlichungen auf dem Wege vom verschwiegenen Tabuthema zu einem offen diskutierten Aspekt, so soll an dieser Stelle angeregt werden, seriös und systematisch diese Problematik im Bereich der Arzt-Patienten-Beziehung zu untersuchen (8).

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 2285–2288 [Heft 36]

Literatur
1. Beine K-H: Sehen, Hören, Schweigen: Patiententötungen und aktive Sterbehilfe. Freiburg im Breisgau: Lambertus 1998.
2. Conan Doyle A: Sherlock Holmes. Offenbach: Uniport Media 2000; 163.
3. Diller H (Übersetzer und Herausgeber): Hippokrates. Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang von K-H Leven. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1994; 8.
4. Dürrenmatt F: Justiz, Der Richter und sein Henker, Der Verdacht, Das Versprechen. Vier Romane. Zürich: Diogenes 1985.
5. Goodmann J (Herausgeber): Mörder in Weiß – Dreizehn wahre Geschichten über Ärzte, die als Giftmischer, Erbschleicher oder Psychokiller die Öffentlichkeit schockierten. Gütersloh: Bertelsmann 1993.
6. Maisch H: Patiententötungen. Dem Sterben nachgeholfen. München: Kindler 1997.
7. Pfeiffer H: Der Hippokratische Verrat. Leipzig: Militzke 1997.
8. Tschan W: Missbrauchtes Vertrauen – Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen: Ursachen und Folgen: eine transdisziplinäre Darstellung. Basel, Freiburg im Breisgau, Paris, London, New York, New Delhi, Bangkok, Singapure, Tokyo, Sydney: Karger 2001; 22.
9. Wieland W: Strukturwandel der Medizin und ärztliche Ethik: Philosophische Überlegungen zu Grundfragen einer praktischen Wissenschaft. Heidelberg: Winter 1988; 43.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Klaus Püschel
Direktor des Instituts für Rechtsmedizin
der Universität Hamburg
Butenfeld 34
22529 Hamburg


Tötungsdelikte durch Ärzte – aktuelle Studie

Eine Anfrage an 68 Rechtsmedizinische Institute und Gerichtsärztliche Dienste im deutschsprachigen Raum bezüglich erheblicher Straftaten von Personen aus dem Bereich der Heil- und Pflegeberufe lieferte auswertbares Material über 22 von Ärzten begangene Tötungsdelikte aus neuerer Zeit. Bis auf eine Ausnahme waren alle Täter männlich (eine Ärztin ermordete einen Patienten per Injektion aus Habgier).
Unter den 22 analysierten Fällen fanden sich zwei versuchte Tötungsdelikte (die Opfer überlebten). Zweimal wurde eine postmortale Zerstückelung vorgenommen (im Text Fallbeispiel 4).

Tötungsmethoden (Mehrfachnennung möglich)
- 9x Medikamentengabe (tödlich oder zur Betäubung vor der Tat)
- 8x Medikamentengabe per Injektion
- 5x Narkotikaverabreichung
- 3x Medikamentengabe vor Gewaltzufügung (2x Narkotika; 1x Muskelrelaxans)
- 3x spurenarmes Ersticken mit weicher Bedeckung
- 2x Zufügung artifizieller Blutungen (1x nach Narkose; 1x nach Ersticken zur Suizidvortäuschung)
- 5x andere Gewalt (wie Erschlagen oder Erdrosseln)
- 5x keine Angaben

Fachrichtungen der Ärzte
- 6 Anästhesisten
- 11 andere (3 Allgemeinmediziner, 3 Orthopäden, 2 Chirurgen sowie jeweils ein Internist, Dermatologe und Gynäkologe)
- 6x keine Angaben
Motive
- 6x Habgier
- 6x Beziehungstat
- 2x Ermöglichung bzw. Vertuschung einer anderen Straftat
- 4x sexuelle Motivation
- 2x andere Motive (im Text etwa Fallbeispiel 7)
- 2x keine Angaben


Fazit
– Eine Patienten-Serientötung wie im Fall von Harold Shipman ließ sich in unserer Studie nicht nachweisen. Es fand sich auch kein Hinweis auf die Tötung eines schwer kranken Patienten im Sinne einer so genannten Euthanasie.
– Die Ärzte töteten vor allem aus Habgier oder im Rahmen eines Beziehungskonfliktes, womit sie sich nicht von Tätern ohne medizinischen Berufshintergrund unterscheiden. Allerdings scheinen sie in den meisten Fällen ihre Tötungsabsichten erfolgreich umsetzen zu können.
Als Begehungsweise wird häufig die Beibringung von Medikamenten (oft Narkotika) gewählt, vor allem als Injektion.
– Die Studie kann keinen Anspruch auf reliable statistische Aussagen erheben. Die Frequenz derartiger Verbrechen im Hellfeld der Kriminalstatistik fällt nach unserer Einschätzung allerdings deutlich geringer aus, als es das breite Medienecho nach Einzelfällen widerspiegelt. Der Versuch einer Dunkelfeldeinschätzung wäre derzeit reine Spekulation.

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