ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2003Bluthochdruck: Ökonomische Interessen stehen im Mittelpunkt

BRIEFE

Bluthochdruck: Ökonomische Interessen stehen im Mittelpunkt

Dtsch Arztebl 2003; 100(36): A-2289 / B-1909 / C-1809

Willeke, Andreas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Gegenüberstellung der Pro- und Kontrapositionen zur ALLHAT-Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, bei der Umsetzung medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse die politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und umgekehrt bei der Interpretation klinischer Studien eine von ökonomischen Zwängen unbelastete Ausgangsposition einzunehmen.
Einerseits kann es doch keinen vernünftigen Zweifel daran geben, dass jede aus industriellen Mitteln finanzierte Studie von den wirtschaftlichen Interessen des jeweiligen Sponsors motiviert und durch Ausschöpfung eines Interpretationsspielraumes je nach Beherrschung statistischer Methodik beeinflussbar ist. Umso höher ist die Evidenz industriell unabhängiger, aus öffentlichen Mitteln finanzierter Studien einzustufen. Ein vergleichender Blick auf die Forschungsförderung hierzulande und auf die Verhältnisse in anglo-amerikanischen Ländern offenbart allerdings, wie groß der Nachholbedarf der öffentlichen Hand in diesem Verantwortungsbereich der Gesundheitspolitik ist.
Andererseits zeigt sich deutlich, wie voreingenommen und somit für die wissenschaftliche Auseinandersetzung ungeeignet die Position eines Beraters der Ge­sund­heits­mi­nis­terin sein kann. Ökonomische Interessen stehen auch hier im Mittelpunkt, und die Argumentationsbasis von Herrn Prof. Lauterbach ist gleichermaßen von wirtschaftlichen Interessen geprägt und auf das Primat der Kostensenkung fixiert. Dabei operiert er mit einem Zahlenwerk, das auf einer Analyse von Verordnungsdaten der Barmer Ersatzkasse basiert, beim einfachen Blick in die Rote Liste und Anwendung der Grundrechenarten jedoch zumindest für die Verordnung von ACE-Hemmern im Vergleich zu Diuretika nicht stichhaltig ist: Nimmt man nämlich die in der
ALLHAT-Studie geprüften Substanzen Lisinopril und Chlortalidon, so stellt man fest, dass 25 mg Chlortalidon als Monopräparat in Deutschland mit 14,55 Euro bei einer mittleren Packungsgröße von 50 Tabletten zu Buche schlagen, während 50 Tabletten Lisinopril als Generikum in einer Dosierung von 5 mg 12,73 Euro und in einer Dosierung von 10 mg 17,85 Euro kosten. Somit liegen die Kosten bei einer antihypertensiven Monotherapie mit Lisinopril in der üblichen Dosierung von 5 bis 10 mg zwischen 0,25 und 0,35 Euro und die Kosten für die Monotherapie mit 25 mg Chlortalidon bei 0,3 Euro pro Tag. Hier ist also kein nennenswerter Unterschied zu verzeichnen. Geht man noch einen Schritt weiter und überträgt die Ergebnisse der Studie à la Lauterbach einfach auf Hydrochlorothiazid, verursacht dies in der preisgünstigsten Klasse in der Tat deutlich geringere Kosten, nämlich nur 0,12 Euro für die Monotherapie mit 25 mg HCT. In diesem Falle muss es aber auch zulässig sein, einen anderen ACE-Hemmer zum Preisvergleich heranzuziehen. Aufgrund der 1999 in Lancet publizierten CAPPP-Studie, die eine Senkung der kardiovaskulären Mortalität für Captopril gezeigt hat, liegt es nahe, diesen ACE-Hemmer für das Rechenbeispiel zu verwenden, und zwar in der bei Hypertonie häufigen Dosierung von 50 mg. Ein entsprechendes preisgünstiges Präparat ist für 0,18 Euro pro Tag zu erhalten. Somit beträgt der finanzielle Unterschied zwischen Diuretikum (Hydrochlorothiazid) und ACE-Hemmer (Captopril) unter Ausblendung klinisch-pharmakologischer und ärztlich-therapeutischer Aspekte lediglich 0,06 Euro pro Tag. Dies ist gerade ein Drittel des von Lauterbach durch Vergleich der Tageskosten für ACE-Hemmer und Chlortalidon errechneten Einsparpotenzials.
Die Ökonomie ist heute mehr denn je eine strikte Nebenbedingung der Medizin. Umso verantwortungsbewusster sollte man mit der berechtigten Forderung nach Effizienz umgehen und in der gesamten Diskussion nicht den Blick verstellen auf das, was Herr Kollege Weck in seiner Stellungnahme der Kontra-Position zusammengefasst hat: die Orientierung an ausgewogenen Leitlinien, die sorgfältige Analyse von Studiendaten und die Berücksichtigung klinischer Erfahrung.
Dr. med. Andreas Willeke, Martinstraße 81 k, 64285 Darmstadt
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige