ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 3/2003Kompetenznetz Parkinson: Verbesserung der Gesundheitsversorgung

Supplement: Praxis Computer

Kompetenznetz Parkinson: Verbesserung der Gesundheitsversorgung

Dtsch Arztebl 2003; 100(36): [16]

Oertel, Wolfgang H.; Eggert, Karla; Antony, Gisela; Franke, Sonja; Deuschl, Günther; Gasser, Thomas; Hirsch, Martin

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LNSLNS Das Kompetenznetz Parkinson (KNP) beabsichtigt, die Bereiche von Grundlagenforschung und klinischer Forschung über die Diagnose bis hin zur Therapie zu vernetzen. Dies ermöglicht einen schnellen Wissenstransfer von den forschenden Einrichtungen in die Praxis und umgekehrt und soll die Patientenversorgung optimieren. Daraus resultiert langfristig auch eine Verringerung der Kosten. Immerhin gehören die Kosten der Langzeitbehandlung des Parkinson zu den höchsten in der Neurologie.
In der ersten Förderperiode (1999 bis 2002) ging es darum, die Organisation zu strukturieren, um eine effektive Zusammenarbeit der Experten zu ermöglichen, und eine leistungsfähige IT-Infrastruktur zur standardisierten Erfassung und zum Austausch von Daten und Informationen zu etablieren. Zur Gewährleistung der Datensicherheit wurde ein Datenschutzkonzept entwickelt. Die zu berücksichtigenden Sicherheitsanforderungen umfassen sieben Ziele: Vertraulichkeit, Authentizität, Integrität, Verfügbarkeit und Validität von Patientendaten sowie Revisionsfähigkeit und Rechtssicherheit.
Heute sind zahlreiche Neurologen und Wissenschaftler der Parkinson-Erkrankung Mitglieder des Netzes; fünf Koordinierungszentren und 21 Regionalzentren bilden die Basis des Netzes (Abbildung 1).
Abbildung 1: Koordinierungszentren und Regionalzentren des Kompetenznetzes Parkinson
Abbildung 1: Koordinierungszentren und Regionalzentren des Kompetenznetzes Parkinson
Organisationsstruktur
Die Netzwerkstruktur umfasst ein horizontales und vertikales Netz (Abbildung 2): Im horizontalen Netz sind Forschungsprojekte aus den Bereichen Grundlagen, Diagnostik und Praxis eingebettet. Das vertikale Netz organisiert die versorgenden Einrichtungen. Es umfasst Universitätskliniken, städtische Kliniken, Parkinson-Fachkliniken, Rehabilitationseinrichtungen, Fachärzte, Allgemeinärzte und kooperiert mit den Regionalgruppen der Patientenselbsthilfegruppe der „Deutschen Parkinsonvereinigung e. V.“. Auch Vertreter der Kostenträger und der Industrie sollen im vertikalen Netz mitarbeiten.
Marburg ist Sitz des Netzwerksekretariats und koordiniert das Projekt. Im Netzwerksekretariat laufen sämtliche Aktivitäten zusammen, außerdem vermittelt es zwischen horizontalem und vertikalem Netz. Gemeinsam mit der Zentralen Konsensuskonferenz (Entscheidungsträger) ist das Sekretariat für die inhaltliche und technische Qualitätssicherung verantwortlich. Das Netzwerksekretariat pflegt den Kontakt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Durch die zentral organisierte Öffentlichkeitsarbeit soll die Bevölkerung aufgeklärt und qualifiziert informiert werden.
Das Netzwerk stellt umfangreiche Informationsmaterialien für Ärzte und für Patienten und deren Angehörige via Internet durch die Web-Seite www.
kompetenznetz-parkinson.de und teilweise auch in Form von Broschüren zur Verfügung.
Infrastruktur
Ein wesentlicher Bestandteil der Netzwerkinfrastruktur ist das internetbasierte elektronische Patientenregister, in dem auf höchstem Datenschutz- und Sicherheitsniveau Patientendaten nach standardisierten Vorgaben online per Internet erfasst werden. Die Infrastruktur des Netzes soll langfristig methodische, diagnostische und therapeutische Studien in der Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der Versorgungsforschung auf dem Gebiet der Parkinson-Syndrome in einer Größenordnung ermöglichen, die einzelne Forschungsabteilungen und Kliniken nicht leisten können. Klinische Studien lassen sich dadurch wesentlich schneller durchführen, und die Entwicklung neuer wirksamer Medikamente wird beschleunigt. Darüber hinaus können die Kosten für klinische Studien wahrscheinlich verringert werden.
Web-based Data-Entry-System
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Das Web-basierte Data-Entry-System (Grafik 3) des Kompetenznetzwerks beruht auf einer zentralen Datenbank und einer internetbasierten Dateneingabe. Alle Erhebungsdaten werden in einer zentralen Datenbank gespeichert, die im Rechenzentrum des Netzwerksekretariats in Marburg gehostet wird. Die Anwender greifen auf den Datenbankserver über eine eigens entwickelte Software zu, die auf dem Webserver installiert ist. Diese generiert Datenbankinhalte als Ein- und Ausgabeformulare in HTML, die über das Internet zur Verfügung gestellt werden. Somit können alle authentifizierten Benutzer von einem beliebigen Computer mit Internet-Anschluss aus über ihren Web-Browser auf die Software zugreifen und Daten eingeben oder auswerten.
Die lokalen Rechner der Benutzer übernehmen dabei lediglich die Rolle einer Benutzeroberfläche für die serverseitige Software. Auf den Rechnern der Benutzer werden keinerlei Daten gespeichert. Sämtliche Daten werden sofort an den Datenbankserver weitergeleitet und dort verarbeitet. Mit dieser internetbasierten Lösung wird der auf Client-Server-Systemen notwendige fehlerträchtige Transport und Abgleich der Daten vermieden. Die Sicherheit und Integrität der Daten gewährleistet der zentrale Datenbankserver. Eine aktive Internet-Verbindung ist die einzige technische Voraussetzung für die Benutzung des Systems.
Datenerfassung und -haltung von medizinischen Daten erfordern eine besondere Berücksichtigung von Datenschutz und Datensicherheit. Den Anforderungen des Datenschutzes im KNP trägt ein Datenschutzkonzept Rechnung, das von den Datenschutzbeauftragten der Länder begutachtet und abgenommen wurde. Kernpunkt dieses Konzepts ist die Speicherung der Erhebungsdaten in pseudonymisierter Form. Die identifizierenden Personendaten gehen nicht in die Datenbank ein, sondern werden in Papierform erhoben und zu Reidentifizierungszwecken von einem Datentreuhänder aufbewahrt. Weiterhin ist die Benutzung des Dateneingabe- und -auswertungssystems nur dem Netzwerksekretariat bekannten und autorisierten Personen möglich. Sämtliche Eingaben werden darüber hinaus mit dem Namen des eingebenden Prüfarztes verbunden und in einer Log-Datei zu Auditzwecken gespeichert.
Die technische Datensicherheit wird auf zwei Ebenen gewährleistet: Sämtliche Internet-Verbindungen vom und zum Datenbankserver werden über das SSL-Protokoll geleitet, alle Daten somit verschlüsselt übertragen. Der Datenbankserver selbst ist durch unbefugte Zugriffe über das Internet durch zwei hintereinander geschaltete Firewalls und ein Intrusion-Detection-System gesichert. Der TÜV hat das technische Datensicherheitskonzept des Kompetenznetzes begutachtet und zertifiziert. Das Remote-Data-Entry-System des Netzwerks darf das Prüfsiegel „trusted site“ tragen.
Patientendatenbank
Die zentrale Patientendatenbank bildet das Kernstück des Projekts. Im Prinzip kann jeder Partner im Gesundheitssystem, so auch langfristig jeder niedergelassene Arzt, über das beschriebene internetbasierte Remote-Data-Entry-(RDE-)System am Netz teilnehmen. Die Datenbank umfasste im Januar 2003 rund 2 500 standardisierte Patientendatensätze (Patienten mit Parkinson, Multisystematrophie, progressive supranukleäre Blicklähmung sowie gesunde Kontrollpersonen; Minimal/Extended Data Set). Diese Patienten werden in ein- bis zweijährigem Abstand nachuntersucht und neue Patienten kontinuierlich aufgenommen.
Basierend auf dem Modell des deutschen Kompetenznetzes Parkinson hat die Europäische Gemeinschaft 2001 das Erste Europäische Parkinson-Netzwerk bewilligt. „EuroPa“ (European Cooperative Network for Research, Diagnosis and Therapy of Parkinson’s Disease) vereint nationale Parkinson-Netzwerke verschiedener Länder auf europäischer Ebene. Ziel ist es, eine europäische Studiengruppe zur Durchführung klinischer Studien zu etablieren. Die Patientendatenbank des Kompetenznetzes Parkinson dient dabei als Vorbild zur Errichtung eines europäischen Registers.
Um die Infrastruktur weiter zu optimieren, arbeitet das KNP als Mitglied in der Telematikplattform (TMF; Internet-Adresse: www.tmf-net.de/de/TMF-Net/index.html) der Medizinischen Forschungsnetze. Die TMF ist eine vom BMBF geförderte Interessengemeinschaft der medizinischen Forschungsnetze und der Koordinierungszentren für klinische Studien in Deutschland. Sie ist eine gemeinsame Plattform der Forschungsnetze zur Koordination und Unterstützung bei der Entwicklung und dem Auf- und Ausbau leistungsfähiger IT-Infrastrukturen in der medizinischen Forschung. Das leitende Gremium der TMF ist der Koordinierungsrat. Aktuell bearbeiten drei Arbeitsgruppen die Themen Datenschutz und Datensicherheit, Systemkomponenten und Biomaterialbanken. Die TMF soll die Zusammenarbeit zwischen den Forschungsnetzen fördern, um übergreifende Fragestellungen zur IT-Struktur und zur vernetzten Grundlagen-, Klinischen und Versorgungsforschung gemeinsam beantworten zu können.
Projekte
Das Netz forscht derzeit an mehreren Projekten. So werden zwei weitere Patientenbiodatenbanken, basierend auf dem Web-based Data-Entry-System, aufgebaut: Dabei handelt es sich zum einen um die Genbank (mit Sitz in Bonn) zur Aufklärung der komplexen genetischen Ursachen des Parkinson. Zum zweiten kooperiert das KNP mit dem BrainNet und der Deutschen Parkinson Vereinigung e. V., um eine Hirnbank zur Lagerung von Gewebeproben für Forschungszwe-cke mit aufzubauen.
Ein Projekt untersucht die Therapieeffekte der Tiefenhirnstimulation als eine der wichtigsten Innovationen zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Parkinson-Syndrom im Vergleich zur medikamentösen Therapie multizentrisch. In diesem Projekt, das von Kiel aus geleitet wird, arbeiten neurologische und neurochirurgische Arbeitsgruppen eng zusammen.
Die Marburger Neurologie ist Sitz von zwei Forschungsprojekten. Ein Thema ist die Entwicklung minimaler diagnostischer Kriterien für die Diagnose des Parkinson-Syndroms. In der ersten Förderperiode wurde gemeinsam mit Haus- und Fachärzten ein Fragebogen zur Früh- und Differenzialdiagnostik entwickelt. Mit dem neun Fragen umfassenden Fragebogen lassen sich Parkinson-Patienten mit speziellen Symptomen frühzeitig diagnostizieren. Darüber hinaus wird ein zweiter Fragebogen entwickelt, um die frühzeitige Differenzierung des Parkinson-Syndroms und der Demenz vom Lewy-Körper-Typ zu ermöglichen.
Das zweite Projekt umfasst Multicenterstudien. Die Basis hierfür ist die Patientendatenbank, über die Patienten mit speziellen Symptomen oder Erkrankungsstadien deutschlandweit rasch für multizentrische Studien rekrutiert werden können. Eine enge Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie wird angestrebt.
Ein weiteres Projekt in Marburg und Bonn befasst sich mit gesundheitsökonomischen Aspekten und evaluiert die medizinischen und nicht-medizinischen Kosten der Therapie und der Versorgung von Parkinson-Erkrankten. Erste Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass die Kosten für Medikamente im Vergleich 1995/2000 um 60 Prozent angestiegen sind, während im gleichen Zeitraum die Ausgaben für Krankenhaus, Rehabilitation und ärztliche Betreuung um 70 Prozent sanken.
Um Diagnose und Therapie des Morbus Parkinson in Deutschland zu standardisieren, wurde das Kompetenznetz Parkinson von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beauftragt, Leitlinien zu erarbeiten. Die deutschen Leitlinien werden jedem Partner im Gesundheitssystem kurzfristig über Internet und in Buchform (veröffentlicht vom Thieme-Verlag) zur Verfügung stehen. Eine Leitlinie für den täglichen hausärztlichen Gebrauch wird zurzeit erarbeitet.
Kompetenznetz und ambulante Betreuung
Das Kompetenznetz Parkinson beabsichtigt, niedergelassene Haus- und Fachärzte, Kliniken aller Art und Rehabilitationseinrichtungen ins Netzwerk zu integrieren, um die Patientenversorgung zu optimieren. Der einzelne Arzt kann eng mit Referenzzentren (jedes aktuell teilnehmende Zentrum verfügt über eine spezielle Parkinson-Ambulanz) zusammenarbeiten und erhält dadurch eine zweite Meinung. Mittelfristig bietet das Netzwerk die Möglichkeit, über aktuelle Forschungsergebnisse zu informieren und spezielle Fortbildungsprogramme für Ärzte und Pflegepersonal anzubieten. Außerdem kann jeder Patient, der im zentralen Patientenregister des Netzes aufgenommen ist, an Studien teilnehmen und somit von den neuen Diagnose- und Behandlungsstrategien profitieren.

Wolfgang H. Oertel, Karla Eggert, Gisela Antony, Sonja Franke, Günther Deuschl, Thomas Gasser, Martin Hirsch

Anschrift für die Verfasser: Prof. Dr. med. Wolfgang H. Oertel, Klinikum der Philipps-Universität, Klinik für Neurologie, Kompetenznetz Parkinson, Scheppe Gewissegasse 8, 35039 Marburg, Telefon: 0 64 21/2 86 52 72, Fax: 0 64 21/2 86 53 08

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