ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2003Primärprävention kardialer Erkrankungen: Gilt nicht für alle

MEDIZIN: Diskussion

Primärprävention kardialer Erkrankungen: Gilt nicht für alle

Dtsch Arztebl 2003; 100(37): A-2386 / B-1991 / C-1878

Frank, Gunter

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LNSLNS Im Rahmen eines Buchprojektes beschäftige ich mich gerade intensiv mit der von Herrn Löllgen zitierten Literatur. All diese Studien belegen aussagekräftig nur eines, nämlich, dass Menschen, die sich bewegen, gesünder sind, als Menschen, die sich nicht bewegen. Sie belegen nicht, dass Menschen, die sich zunächst nicht bewegen, aber anfangen sich mehr zu bewegen, dadurch allgemein einen gesundheitlichen Nutzen haben. Aber genau dies ist die entscheidende Frage und deswegen sind verallgemeinernde Aufrufe zur Steigerung der Bewegungsaktivität voreilig. Die Sportwissenschaft geht anscheinend in die gleiche Korrelationsfalle wie die Ernährungswissenschaft.
Ein zweiter problematischer Punkt ist die Argumentation mittels der Angabe von relativen Risiken. Schaut man sich jedoch die Zahlen an, also zum Beispiel Gewinn an Lebenszeit, wird das Ergebnis wesentlich magerer. Der Verfasser weist zwar auf die methodische Problematik vieler früherer Studien hin, aber auch neuere Veröffentlichungen halten sich meist nicht an Grundregeln, insbesondere was die Interpretation der Ergebnisse anbelangt. Auch in den USA wirken Lehrmeinungen oft wie festzementiert. Mit der Vergabe von Evidenzgraden geht man jedoch wesentlich vorsichtiger um. In einem im Vergleich zu den von dem Autor aufgeführt Metaanalysen viel aussagekräftigeren Review, veröffentlicht in einem Sonderheft von Medicine & Science in Sports & Exercise aus dem Jahr 2001 nach einem evidenzbasierten Symposium, veranstaltet von den führenden amerikanischen Fachverbänden, wird für den Zusammenhang, ob Bewegung das Leben verlängert, die Evidenzempfehlung C gegeben. Der Autor, der den Kenntnisstand in der Primärprävention im kardialen Bereich beschreibt, vergibt erst gar keinen Evidenzgrad. Das heißt, wir befinden uns hier immer noch im Bereich der Spekulation und das nach 50 Jahren Sportwissenschaft. Die Behauptung, dass durch Bewegungsmangel der Volkswirtschaft ein großer finanzieller Schaden entsteht, ist und bleibt eine Hypothese, ganz abgesehen von den weitgehend verharmlosten chronischen Schäden durch Sport. Hier wird neben der fettreichen Ernährung eine zweite epidemiologische Luftblase aufgebaut. Dabei gibt es Untersuchungen, die dem Kern der Sache wesentlich näher kommen. In einer Studie konnten nur Träger bestimmter Erbanlagen durch Sport Gewicht abnehmen. In einer anderen Langzeitbeobachtung leben Träger bestimmter Merkmale mit oder ohne Sport länger als andere. Nur sind diese Merkmalsträger unter Sportlern vermehrt anzutreffen. Der Schlüssel liegt in der Individualität der Menschen
Prävention besitzt zurzeit einen hohen Stellenwert, gerade auch in der Politik. Was den Einzelnen jedoch gesund erhält, bleibt unklar. Dabei ist die uralte ärztliche Sicht auf die Individualität des Menschen immer noch hilfreicher als hypothetische Verallgemeinerungen. Der eine benötigt Bewegung, der andere eher den Konzertbesuch. Auch für Prävention gilt: Wenn alle das gleiche bekommen, kriegen nur wenige das, was sie brauchen.

Dr. med. Gunter Frank
Schloßberg 2
69117 Heidelberg

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