ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2003Primärprävention kardialer Erkrankungen Nil nocere!

MEDIZIN: Diskussion

Primärprävention kardialer Erkrankungen Nil nocere!

Dtsch Arztebl 2003; 100(37): A-2387

Ulmer, Hans-Volkhart

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LNSLNS Herr Kollege Löllgen führt in seiner Zusammenfassung aus: „Nachteile und kardiovaskuläre Komplikationen bei körperlicher Aktivität sind zu vernachlässigen, wenn Vorsorgeuntersuchungen erfolgen und ein sinnvolles Aufbautraining eingehalten wird“. So einfach ist es also, Primärprävention bezüglich Sportverletzungen und sonstigen Sportschäden zu betreiben! Dieser durchaus unter Sportmedizinern weit verbreiteten „idealistischen Saat“ steht in der Realität eine „reiche Ernte“ an Sportunfällen gegenüber. Aber auch für das Herz gibt es beim kardial-primärpräventiv gedachten Gesundheitssport Risiken: So rechnete der namhafte Sportmediziner Rost 1988 für die alte Bundesrepublik „jährlich mit circa 500 internistisch bedingten Todesfällen beim Sport“, im wesentlichen „Herztodesfälle“, weil „das Risiko unter körperlicher Belastung erhöht ist“. 1992 führte Rost dann im Zusammenhang mit Richtlinien für Wiederbelebung und Notfallversorgung aus: „Der plötzliche Herztod ist beim Sport nach den Untersuchungsergebnissen von Siskovick um den Faktor 50 häufiger als in Körperruhe!“
Konsequenterweise wurden von der Kommission „Gesundheit“ des Deutschen Sportbunds 1990 im Deutschen Ärzteblatt Vorsorgeuntersuchungen gefordert, und zwar grundsätzlich „bei Beginn des aktiven Sporttreibens in jedem Lebensalter“ und dann ab dem 60. Lebensjahr jährlich, seit August 1998 so-
gar ab dem 35. Lebensjahr (http://www.
dgsp. de/ds-e001.htm). – In einer aktuelle Schweizer Studie (http://www.hepa.ch/ Publikationen/Stn_Volkswirtschaft_de.
pdf) wird folgende Jahresbilanz für körperliche Aktivität aufgestellt: Direkten Behandlungskosten durch Sportunfälle sowie 160 Todesfälle von 1,1 Milliarden zuzüglich indirekten Kosten von 2,3 Milliarden Franken stehen an direkt eingesparten Behandlungskosten 2,7 Milliarden zuzüglich indirekt eingesparten Kosten von 1,4 Milliarden Franken gegenüber. Trotz dieser Bilanz von 3,3:4,1 wird für körperliche Aktivität als „gut belegter“ [. . .] „vielfältiger Gesundheitsressource“ geworben. Ähnlichen Bilanzen hatte bereits Rost 1989 vorgehalten, man dürfte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und darauf verwiesen: „Sport ist nur so gesund, wie man ihn betreibt“ – was ja wohl für jede Tätigkeit gilt.
Das hier dargelegte Risikoszenario des sportlichen Alltags wird weder im Beitrag von Herrn Kollegen Löllgen, noch in den von ihm genannten internationalen Studien berücksichtigt. Der Hinweis „wenn Vorsorgeuntersuchungen erfolgen“, stellt ein blauäugiges Alibi in einem Freizeitsport-Umfeld von „no risk no fun“ dar. Auch in der Präventivmedizin gilt: gut gemeint ist noch nicht gut gekonnt. Angesichts der gesundheitlichen Risiken des realen Sporttreibens wäre es präventivmedizinisch ärztliche Pflicht, auf dessen Risiken und die Mechanismen hinzuweisen, die zu solchem physisch nachteiligen Sporttreiben führen. Darauf wären dann präventivmedizinische Abhilfemaßnahmen aufzubauen. Würde man – wie so oft beschrie-
ben – Sport als „Medikament“ einstufen, müsste er wegen seiner Nebenwirkungen schon längst verboten sein. Auch präventivmedizinische Maßnahmen sollten unter der alten ärztlichen Devise stehen: Nil nocere!

Literatur
1. Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Präven-
tion: Abgestufte sportärztliche Untersuchung. Freiburg
i. Br. 1998 http://www.dgsp.de/ds-e001.htm (Stand: 28. 5. 2003)
2. Deutscher Sportbund – Kommission Gesundheit: Vorsorgeuntersuchungen für Sporttreibende. Dtsch Arztebl 1990; 87: A-3298 [Heft 43]
3. Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz: Volkswirtschaftlicher Nutzen der Gesundheitseffekte der körperlichen Aktivität: erste Schätzungen für die Schweiz. Magglingen 2001 http://www.hepa.ch/ Publikationen/ Stn_Volkswirtschaft.de.pdf (Stand: 28. 5. 2003).
4. Rost R: Der plötzliche, nichttraumatische Tod im Sport. Fortschr Med 1988; 106: 103–106.
5. Rost R: Stellungnahme zum Diskussionsbeitrag von Herrn Moser. Dtsch Z Sportmed 1989; 40: 222–224.
6. Rost R: Reanimation – Richtlinien für Wiederbelebung und Notfallversorgung. Dtsch Z Sportmed 1992; 43: 210.

Prof. Dr. med. Hans-Volkhart Ulmer
Sportphysiologische Abteilung, FB Sport
Johannes-Gutenberg-Universität, 55099 Mainz
http://www.uni-mainz.de/FB/Sport/physio

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